Wie kam es eigentlich zu Ihrer Mitarbeit an der Serie?

Jack Horner: Anfang der 1990er hat mich ein Kollege angerufen: "Du kommst in einem Buch über geklonte Dinosaurier vor" – eben "Jurassic Park" von Michael Crichton. Ich meinte noch: "Hoffentlich werde ich nicht gefressen", habe mir dann den Roman aber gar nicht erst besorgt. Schon wegen meiner Leseschwäche: Sie macht mir Mühe genug, in meinem eigenen Forschungsgebiet auf dem Laufenden zu bleiben. Aber dann hat der Regisseur Steven Spielberg angerufen und mich gefragt, ob ich an dem Film mitarbeiten möchte. Ich dachte damals wie heute, es sei ein verlockender Gedanke, Dinosaurier zu züchten. Derzeit ist das zwar noch etwas weit hergeholt, aber irgendwann in der Zukunft könnte es gelingen – nicht unbedingt auf der Grundlage von Dino-Erbgut aus Bernstein, wie im Film, sondern eher durch genetische Modifikationen der heute noch lebenden engsten Verwandten der Dinosaurier, der Vögel.

Was haben Sie denn damals 1993 zu "Jurassic Park" beigesteuert?

In Farbe: Protziger Dino
© Julius T. Csotonyi / Royal Tyrrell Museum, Drumheller, Alberta
(Ausschnitt)
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Mein Job war vor allem, offensichtliche Fehler zu erkennen. In einer Szene etwa haben die für die Animationen zuständigen Puppenspieler es nicht hinbekommen, das Bein ihres animatronischen Tyrannosaurus rex so zu bewegen, wie es sich gehört hätte. Da bin ich dann an den Joystick: Der Fuß musste – wie bei einem Vogel – mit den Zehen zuerst aufsetzen, statt auf der Ferse wie bei einem Säugetier. Dann diese eine Szene in der Küche, bei der sich die Tricktechniker eine gespaltene Zunge für die Velociraptoren ausgedacht hatten – die es aber bei Dinosauriern nirgendwo je gab. Stattdessen haben wir die Raptoren dann beim Ausatmen eine Scheibe vernebeln lassen und so klargemacht, dass es sich um Warmblüter handelte.

Welche Innovationen warten in "Jurassic World" auf uns?

Mittlerweile ist die Wissenschaft schon weiter als der Film, aber wir konnten jetzt das Aussehen der Dinosaurier nicht plötzlich wieder verändern: Die Konsistenz für den Zuschauer würde doch wohl zu arg leiden, wenn wir jetzt auf einmal Velociraptoren mit Federn zeigen würden. Stattdessen habe ich bei der computergrafischen Darstellung von einigen neu auftauchenden Geschöpfen geholfen. Wir bekommen zum Beispiel einen Mosasaurier zu sehen, ein gigantisches, schwimmendes Reptil, das aus einem Riesentank springt, um sich einen großen weißen Hai zu schnappen. Oder: Aus meiner Forschung weiß ich, dass die Jungen des Triceratops mit ihren rückwärts gebogenen Hörnern ganz anders ausgesehen haben als die erwachsenen Tiere, deren Gehörn nach vorne gerichtet war. Mein größter Beitrag floss aber in den "genetisch modifizierten" Indominus rex, einer Kombination verschiedener Dinoarten und anderer Tiere, der sich dann schließlich gegen seine Erschaffer wendet.

Wie realistisch ist eine solche Dinohybride denn?

"Jurassic World" spielt in der Zukunft. Wenn du Dinosaurier klonen kannst, dann kannst du ihre DNA verändern und sie mit der anderer Tiere kombinieren. Die Werkzeuge zur Modifikation von Organismen haben wir heute, und gezüchtet werden sie schon seit Jahrhunderten. Jetzt kommen wir an den Punkt, wo wir einzelne Gene aus einem Organismus in einen anderen überführen können – zum Beispiel ein Fluoreszenzgen aus Quallen in die Embryonen anderer Tiere, die dann im Dunkeln leuchten. Die Schwierigkeit besteht darin, ein Lebewesen zu verändern, ohne es dabei umzubringen. Das wird uns, meine ich, gelingen.

Versuchen Sie, aus Hühnern Dinosaurier rückzukreuzen?

Im Dino-Huhn-Projekt an der Montana State University in Bozeman halten wir nach genetischen Mechanismen Ausschau, die bei der Transformation von Dinosauriern zum Huhn eine Rolle gespielt haben – mit dem Endziel, diese vielleicht einmal umkehren zu können. Das dreht sich zum Teil um genetische Manipulationen, die dann womöglich den langen Schwanz beim Huhn wieder auferstehen lassen. Meine Mitarbeiterin Dana Rashid hat dafür Mäusegene gescreent und nach Mechanismen gesucht, die eine Maus den Schwanz verlieren lassen. Wenn sie hier fündig wird, könnten wir auch einen Weg aufdecken, diesen Prozess umzukehren – und einen Schwanz an Hühnern wachsen zu lassen.

Werden die Filme der Serie denn den wissenschaftlichen Fakten einigermaßen gerecht?

In jedem der Filme wird ein wenig Wissenschaft erklärt – so zum Beispiel in diesem kleinen Cartoon mit tanzender DNA im ersten Teil. Jedenfalls ist es toll für die Wissenschaft, wenn die Kinobesucher sich fragen, ob die wissenschaftlichen Fakten in "Jurassic World" auch korrekt sind. "Jurassic Park" hat dazu beigetragen, dass alle möglichen Studenten ihr Fach gewechselt haben, um Paläontologe zu werden, was dann viele Diplomanden in mein Labor gespült hat – unter ihnen ein paar der besten Wissenschaftler, die ich unterrichten durfte.

Haben Digitaleffekte die Beraterarbeit verändert?

Beim ersten Film habe ich noch viel mit Steven Spielberg zusammengesessen und mit ihm die Bewegungen der Dinosaurierpuppen durchgesprochen. Bei "Jurassic World" gab es nun gerade einmal noch eine einzige Dinomarionette auf dem Set, einen verletzten Sauropoden. Für alle anderen Dinosaurier habe ich mich vor allem mit den Grafik- und Animationsleuten ausgetauscht.

Wie viel wissen wir eigentlich über das Verhalten der Dinosaurier?

Dinos ähnelten eher Rotkehlchen als Krokodilen. Ihre ganzen Stacheln und Schildpanzer waren recht zerbrechlich und ziemlich sicher eher zur Show als für einen Kampf – ganz ähnlich wie die Knochenkämme einiger moderner Vögel. Manche Dinos hatten Federn, und sie haben wahrscheinlich auch Balztänze wie die Vögel heute aufgeführt. Wenn wir wirklich einmal einen Jurassic Park aufbauen, würde er wohl eher Szenen wie aus "Die Serengeti" liefern statt aus "Der weiße Hai". Ich habe tatsächlich sogar schon mal ein Drehbuch geschrieben, bei dem Wissenschaftler aus der Zeitmaschine aussteigen und sich mit tanzenden Triceratopsen konfrontiert sehen, die mit ihren farbigen Schädelschilden angeben. Na ja, so einen Film würde sich halt kein Mensch anschauen.


Das Interview ist im Original in "Nature" erschienen.