Die soziale Ungleichheit eines Landes spiegelt sich in den Einstellungen seiner privilegierten Bewohner wider. Das berichtet ein internationales Team um Jonas R. Kunst von der Universität Oslo in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" nach Analyse von Daten aus 27 Ländern. Ungleichheit verfestige sich demnach nicht nur aus strukturellen Gründen, etwa infolge schlechterer Bildungschancen für benachteiligte Schichten. Vielmehr steige am oberen Ende des sozialen Treppchens die persönliche Motivation, den eigenen Status zu sichern.

Im ersten Teil ihrer Studie setzten die Psychologen die soziale Ungleichheit der 27 Länder mit dem Dominanzstreben der Einwohner in Beziehung. Dazu verwendeten sie Kennwerte der Vereinten Nationen und der Weltbank unter anderem zu Pressefreiheit, zum Risiko gewalttätiger Konflikte und zu den Chancen etwa auf Bildung und Gesundheit in verschiedenen sozialen Schichten. Mehr als 40 000 Einwohner aus privilegierten Teilen der Bevölkerung gaben außerdem an, in welchem Ausmaß sie Aussagen teilten wie "Es ist wohl gut, dass manche Gruppen eine hohe Position innehaben und andere eine niedrige". Derlei Einstellungen kennzeichnen das Streben nach Dominanz und treten oft gemeinsam mit einer Reihe von Praktiken auf, die hierarchische Strukturen festigen.

Die Befragten pflichteten solchen Aussagen umso eher bei, je größer das soziale Gefälle war, das in ihrem Heimatland herrschte. Insbesondere galt das bei Ungleichheit von Mann und Frau sowie beim Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Merkmalen von sozialem Fortschritt. Den Daten zufolge hat Deutschland vergleichsweise wenig mit Ungleichheiten zu kämpfen, und entsprechend schwach ausgeprägt fiel das bekundete Dominanzstreben hier zu Lande aus. Ähnlich gut schnitten auch die Schweiz, Schweden und die Niederlande ab.

Im zweiten Teil überprüften die Wissenschaftler ihr Ergebnis an mehr als 4600 Bewohnern von 30 US-Bundesstaaten, also Menschen mit einem gemeinsamen nationalen, aber regional unterschiedlichen Hierarchiegefälle. Erneut neigten Befragte in Regionen mit größerer Ungleichheit eher dazu, die eigene Vormachtstellung zu verteidigen. Sie lehnten beispielsweise soziale Wohlfahrt häufiger ab und stimmten rassistischen Auffassungen sowie dem Einsatz von Folter eher zu: "Ich würde physische Gewalt gegen Mitglieder von Migrantenorganisationen unterstützen, wenn es dazu dient, weitere Mitglieder zu identifizieren."

Die Autoren schlussfolgern: Je weiter die soziale Schere auseinanderklafft, desto motivierter sind privilegierte Bevölkerungsgruppen, den Status quo und die damit verbundenen Vorteile zu bewahren. Über Ursache und Wirkung sagt die Querschnittsstudie von Kunst und Kollegen zwar nichts aus. Doch Psychologen haben vielfach experimentell nachgewiesen, dass selbst ein vorübergehend höherer Status das menschliche Erleben und Verhalten beeinflussen kann.