Es ist noch gar nicht lange her, da diskutierten Seuchenexperten über die baldige Ausrottung des Poliovirus, des Erregers der lange gefürchteten Kinderlähmung. Doch das erwies sich als verfrüht. Nicht nur stieß die Impfkampagne zuletzt auf grundsätzliche Hindernisse, nun ist die Poliomyelitis sogar wieder auf dem Vormarsch und taucht in bisher befreit geglaubten Gebieten auf. Zuletzt – befördert durch Bürgerkrieg und Chaos – in Syrien.

Europa ist durch das Virus überraschend verwundbar

Dabei erweist sich auch Europa als überraschend verwundbar. Seit der Kontinent 2002 für poliofrei erklärt wurde, haben viele Regierungen die Impfprogramme schleifen lassen. Hinzu kommt, dass die Überwachungsstrukturen, einst essenziell bei der Aufgabe, das Virus auszurotten, in vielen Ländern lückenhaft sind. Deswegen gelten mehrere europäische Länder, darunter Großbritannien und Deutschland, als gefährdet durch Ausbrüche eingeschleppter Polioviren.

Ein besonderes Risiko nicht nur für Europa entsteht durch den neuen Polio-Ausbruch in Syrien, wo die WHO zehn Kinder mit poliotypischen Schäden am Nervensystem entdeckte. Und nur ein Bruchteil der tatsächlich Infizierten ist von den berüchtigten Lähmungen betroffen – auf jeden schweren Fall kommen über 100 Infektionen, die sich bloß durch erkältungsartige Symptome bemerkbar machen. Derartige Krankheitscluster sind deswegen immer nur die Spitze des Eisbergs – tatsächlich ist das Virus viel weiter verbreitet.

Poliomyelitis-Virus
© F.P. Williams / US Environmental Protection Agency
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPoliomyelitis-Virus

Das ist auch für Europa ein Problem, denn derzeit strömen hunderttausende Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsgebiet in die umliegenden Länder – auch nach Europa. In der Türkei allein leben nahe der syrischen Grenze etwa 170 000 syrische Flüchtlinge in provisorischen Lagern, die dem Virus für seine Ausbreitung ideale Bedingungen bieten.

Aber auch in Israel, das eigentlich sehr gute Immunisierungsraten aufweist, finden Seuchenforscher seit Februar Wildtypviren im Abwasser von fünf Städten – deutliches Zeichen eines Ausbruches. In den palästinensischen Autonomiegebieten tauchten ebenfalls Polioviren auf. Woher der Erreger kam und wie weit verbreitet er ist, ist noch völlig rätselhaft. Die Möglichkeit, dass er aus Israel direkt nach Europa oder in andere Teile der Welt gelangt, ist dagegen sehr real und Besorgnis erregend.

Schon das zeigt, dass die Impfkampagne gegen Polio auf den letzten Metern zu scheitern droht. Als eines der größten Probleme hatte sich bei den letzten paar Ausbrüchen entpuppt, dass es extrem aufwändig ist, alle Infizierten zu identifizieren, um die Krankheit dann zu stoppen: Bei Weitem nicht alle Virenträger werden ernstlich krank, auch die schwache Variante der Krankheit ist aber hochansteckend. Deswegen besteht nun die reale Gefahr, dass Polio in Syrien wieder heimisch werden könnte, nachdem man das Virus vor 14 Jahren in dem Land ausrottete.

All diese Schwierigkeiten unterstreichen, was Seuchenbekämpfer seit Jahren feststellen: Polio zurückzudrängen hat weltweit hervorragend geklappt, doch das Virus auszurotten, wie es nach dem Vorbild der Pocken geplant ist, erscheint kurzfristig zunehmend unrealistisch. Inzwischen überlegen Experten, ob das Ziel überhaupt zu erreichen ist, und wenn ja, zu welchem Preis.

Viren im Abwasser geben den Seuchenbekämpfern Rätsel auf

Diese Diskussion ist notwendiger denn je. In Erwartung der baldigen Ausrottung des Erregers sind viele Länder weit hinter den Stand der 1990er Jahre zurückgefallen, was Immunisierung und Überwachung angeht. Dabei ist das Poliovirus unter uns. Im finnischen Tampere fanden finnische und französische Forscherinnen insgesamt 21 Poliostämme, die von Viren des Impfstoffs abstammen. Der am weitesten verbreitete Polio-Impfstoff ist eine abgeschwächte Lebendvakzine, die in seltenen Fällen selbst die Krankheit auslösen kann. In Tampere tippen Experten auf eine persistente, symptomlose Infektion bei immunschwachen Patienten als Ursache. Zumindest theoretisch können die Betroffenen das Virus weitergeben.

Auch bei nicht geschwächten Patienten kann der Impfstamm Ausbrüche auslösen. Er vermehrt sich im Darm des Patienten, und dabei können die Mutationen, die den Impfstamm harmlos machen, quasi zurückgebildet werden. Bei den im Vergleich zu den Impfungen sehr kleinen Fallzahlen des wilden Virus gewinnt dieser Mechanismus immer mehr an Bedeutung.

Ein weiteres Problem ist, dass die Impfung regelmäßig aufgefrischt werden muss, um wirksam zu schützen. Und gerade das passiert nicht. Während in Deutschland über 95 Prozent aller Kinder die erste Polioimpfung bekommen, sind von den 11- bis 17-Jährigen nur noch 53 Prozent ausreichend geschützt. Die WHO sieht deswegen hier zu Lande ein sehr reales Risiko, dass der Erreger wieder eingeschleppt wird und zu Ausbrüchen führt, die sich womöglich nur mit großem Aufwand wieder eindämmen lassen.

Ist die Ausrottung des Poliovirus möglich? Ist sie sinnvoll?

In anderen Weltgegenden kranken Impfkampagnen an grundsätzlichen praktischen Schwierigkeiten. Denn der Impfstoff muss gekühlt werden, was einerseits hohe Ansprüche an die Infrastruktur stellt, andererseits aber auch immer die Gefahr birgt, dass die Kühlkette unbemerkt unterbrochen wird und dann womöglich Tausende mit weit gehend wirkungslosem Impfstoff geimpft werden.

All das führt dazu, dass dem Virus in dieser letzten Phase der Ausrottung Schlupflöcher bleiben – und sie scheinen größer zu werden, je enger sich das Netz um die vier verbleibenden Länder zuzieht, in denen das Virus noch in freier Wildbahn zirkuliert. Experten sehen jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder man mobilisiert noch einmal alle Ressourcen für das Endspiel und rottet Polio endgültig aus – oder scheitert daran. Doch möglicherweise ist es sinnvoller, schon jetzt anzuerkennen, dass eine völlige Ausrottung des Poliovirus unrealistisch ist, und auf eine langfristige Kontrollstrategie umschwenken. Das käme wohl deutlich billiger – und das eingesparte Geld könne man für die Bekämpfung anderer Erreger und Parasiten einsetzen, die heute vor allem in ärmeren Ländern ungleich größeren Schaden anrichten.