Acht Millionen Menschen könnten von dem katastrophalen Erdbeben betroffen sein, das am 25. April 2015 den südasiatischen Staat Nepal heimgesucht hat. Mindestens 4300  Menschen starben in den Trümmern einstürzender Häuser oder in Erdrutschen und Lawinen. Und viele Dörfer haben bislang überhaupt keine Hilfe erhalten, so dass die Zahl der Toten noch weiter steigen dürfte.

Angesichts dieser Tragödie treten die geologischen und geografischen Veränderungen in dem Himalajastaat vorerst in den Hintergrund – für die Wissenschaft spielen sie dennoch bereits eine Rolle, um zukünftige Risiken besser einschätzen zu können. Als weit gehend gesichert gilt momentan die Stärke der Erschütterung, die eine Magnitude von 7,8 erreichte und damit eines der stärksten Beben der letzten Jahre weltweit war. Ihr Hypozentrum liegt in 15 Kilometer Tiefe etwa 100 Kilometer nordwestlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu und setzte sich von dort rund 150 Kilometer nach Südosten fort.

Epizentrum des Bebens
© USGS
(Ausschnitt)
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Das Erdbeben brach am Samstag 150 Kilometer nordwestlich von Kathmandu los und hatte eine Stärke von mindestens 7,8. Es hinterließ schwere Verwüstungen in der Region.

Anhand erster seismologischer Auswertungen, die auf Daten von Schallwellen basieren, die nach der Erschütterung durch die Erde rasten, kalkulieren Geologen wie James Jackson von der University of Cambridge, dass sich der Untergrund unter der nepalesischen Hauptstadt Kathamandu rund drei Meter nach Süden bewegt hat. Die Gesteinsschichten oberhalb der Verwerfung glitten dabei über die Lagen darunter Richtung Indien. Unklar ist jedoch, ob dies für die Metropole an der Oberfläche ebenfalls gelte, schränkt Mark Allen von der University of Durham ein: "Dieser Versatz trat sehr wahrscheinlich am Hypozentrum in 15 Kilometer Tiefe auf, er schwächt sich von dort allerdings in alle Richtungen ab." Erst hoch präzise Messungen an der Oberfläche könnten letztlich nachvollziehen, ob Geografen ihre exakten Landkarten ändern müssen.

Hob sich der Mount Everest?

Einzelne Spekulationen betreffen auch die Frage, ob sich der Mount Everest nennenswert gehoben hat. Seine Höhe verdankt er den geologischen Prozessen, die auch zum Erdbeben führten: Durch die Kollision der Indischen mit der Asiatischen Platte wird Gestein gestaucht und gehoben – im Fall des Everest bis in 8848 Meter Höhe. Der Berg liegt jedoch östlich der eigentlichen Bruchzone und damit der hauptsächlichen Gesteinsbewegung. Zudem fällt die Verwerfungslinie nur flach ab: Bewegt sie sich horizontal drei Meter, so wirke sich das vertikal kaum aus, so Sandy Steacy von der University of Adelaide. Der Mount Everest habe sich daher allenfalls um wenige Millimeter gehoben, schätzen die Geologen. Aber auch hier werden erst exakte Messungen das genaue Ausmaß feststellen können. Erste Datenanalysen des US Geological Survey basierend auf Radarmessungen des Sentinel-1-Satelliten legen sogar nahe, dass der Berg um 2,5 Zentimeter geschrumpft sein könnte, weil das Gebiet in Form einer Gegenbewegung abgesunken ist.

Einen gewissen Effekt hatten eventuell ebenso die riesigen Lawinen, die am Berg abgingen und mehrere Bergsteiger und Sherpas töteten. Das Gewicht von Eis und Schnee drückt das Massiv tiefer in den Erdmantel, die Druckentlastung sorgt dafür, dass es aufsteigt – ein Prozess, den man als Isostasie bezeichnet. Doch dadurch hebt sich der Everest ebenfalls nur minimal.

Die Geowissenschaftler fürchten neben den Nachbeben, die immer wieder die betroffene Region erschüttern, dass sich durch den Schlag vom letzten Samstag der Stress auf weitere Bereiche der Verwerfungszone am Rand des Himalajas erhöht hat: Angrenzende Bereiche der Störung könnten in naher Zukunft ebenfalls brechen und schwere Erdbeben auslösen. Aktuell war dies 2010 der Fall, als bei den indonesischen Mentawai-Inseln das Gestein heftig brach – südlich der Bruchzone, die für das katastrophale Weihnachtsbeben und die Tsunamis 2004 mit hunderttausenden Toten verantwortlich war. Manche Abschnitte der Himalajaverwerfungslinie waren seit Jahrzehnten nicht von schweren Erdbeben betroffen, eine entsprechend hohe Spannung hat sich daher im Untergrund angestaut.

Schwere Erdbeben mit Magnituden von 8 und höher kommen dabei regelmäßig vor: 1897 traf es den indischen Bundesstaat Assam mit einer Stärke von 8,1, wiederum Assam und Tibet 1950 mit einem Beben von 8,6. Nepal und der indische Bundesstaat Bihar wurden 1934 von einem Beben der Stärke 8,2 verwüstet – düstere Aussichten für die Region.

Anmerkung: Der Artikel wurde am 30. April aktualisiert.