Kommentar | 11.12.2009 | Drucken | Teilen

Kommentar

Wie wäre es mit Sachargumenten?

Im Interview mit spektrumdirekt äußerte der Klimaforscher Hans von Storch Kritik gegenüber der Kopenhagen-Diagnose und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). spektrumdirekt gibt an dieser Stelle dem PIK-Wissenschaftler Stefan Rahmstorf die Gelegenheit, in einem Kommentar auf das Interview zu reagieren.
Stefan Rahmstorf
Stefan Rahmstorf
Am 25. November wurde in Sydney die Kopenhagen-Diagnose veröffentlicht – eine aktuelle Zusammenschau der wichtigsten Fachpublikationen zum Klima seit der Veröffentlichung des IPCC-Berichts [1] im Jahr 2007. Diese Zusammenfassung wurde von einem internationalen Team von 26 Wissenschaftlern auf eigene Initiative erstellt, um rechtzeitig zur Weltklima-Konferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen einen Überblick über die neuesten Forschungsresultate vorzustellen. Das weltweite Interesse an dem Dokument war enorm: Viele Zeitungen zitierten es auf der Titelseite, im australischen Parlament las Premierminister Kevin Rudd die Kernaussagen daraus vor, und ich wurde eingeladen, die Studie im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages vorzustellen. Auch aus Kollegenkreisen kam viel Lob. Doch Hans von Storch äußerte hier bei spektrumdirekt scharfe Kritik, die so nicht unwidersprochen bleiben kann.

Stefan Rahmstorf
  Stefan Rahmstorf
ist Professor für "Physik der Ozeane" und arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in Potsdam. Rahmstorf gehörte unter anderem zu den Leitautoren des Vierten Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen, der im Jahr 2007 veröffentlicht wurde.
Seine "methodische Kritik" an der Diagnose lautet unter anderem, sie würde aus nur einem Jahrzehnt an Daten Schlüsse ziehen – dagegen sei ein Zeitraum von 30 Jahren notwendig. Wenn wir die Diagnose durchblättern, finden wir: 30 Jahre Emissionsdaten, 30 Jahre CO2-Konzentration, 150 Jahre globale Temperaturen, 100 Jahre Wetterextreme, 150 Jahre Gletscherdaten, 50 Jahre Massenbilanz und 30 Jahre Abschmelzfläche für Grönland, 60 Jahre arktische Meereisbedeckung, 50 Jahre Antarktistemperaturen, 50 Jahre Ozeantemperaturen, 40 Jahre Meeresspiegel, 2000 Jahre Arktistemperaturen und so weiter. Nur an einer Stelle ist überhaupt von einem Zeitraum von zehn Jahren die Rede – dort, wo der Bericht auf das beliebte "Skeptiker"-Argument eingeht, seit zehn Jahren stagnierten die Temperaturen. Die Diagnose erläutert, dass die Entwicklung über zehn Jahre von natürlichen Schwankungen dominiert wird und folgert: "Aus gutem Grund hat der IPCC 25  Jahre als kürzeste Periode gewählt, für die ein Klimatrend gezeigt wird".

Wie rasch steigt der Meeresspiegel?

Von Storch stört sich weiter an den Aussagen zum Meeresspiegelanstieg, wo die Diagnose folgert, dieser könne bis zum Jahr 2100 bei ungebremsten Treibhausgasemissionen einen Meter überschreiten, mit einer abgeschätzten Obergrenze von zwei Metern. "Diese Zahlen stammen vom PIK", behauptet von Storch – was so nicht stimmt, da es sich um die zusammenfassende Folgerung aus mehreren neuen Studien handelt. Die Obergrenze von zwei Metern etwa stammt aus einer Arbeit von US-Forschern [2], die auch als Quelle zitiert wird.

Gravierender ist von Storchs Behauptung, aus politischen Gründen würde die Diagnose Studien mit weniger bedenklichen – also niedrigeren – Zahlen verschweigen. Tatsächlich zitiert der Bericht eine bestimmte Studie mit niedrigeren Zahlen nicht [3], weil diese Studie massiv von einem – von den Autoren bestätigten – Programmierfehler betroffen ist. Wir halten es für gute Praxis abzuwarten, bis die Auswirkungen des Fehlers in der Fachliteratur geklärt sind, bevor eine solche Studie in eine Forschungsübersicht einfließt.

Von Storch suggeriert schließlich sogar, die gesamte Diagnosis sei eine PIK-Aktion, und "das PIK spricht nur für sich". Die Studie wurde aber von der University of New South Wales in Australien initiiert, und 26 Forscher aus 8 Ländern haben sich beteiligt – aus Deutschland zum Beispiel auch Martin Visbeck, Vizedirektor des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften in Kiel. Und zum Meeresspiegel decken sich die Folgerungen mit dem Synthesebericht der Kopenhagener Klimakonferenz vom Frühjahr – dem größten Klimaforschungskongress des Jahres. Eine weitere Bestätigung liefert der Antarktisbericht [4], der gerade von 100 Autoren zum 50. Jahrestag des Antarktisvertrages publiziert wurde – unter anderem von Eberhard Fahrbach vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Unterstellungen statt sachlicher Argumente

Nun kann man zum Anstieg des Meeresspiegels natürlich unterschiedliche Einschätzungen haben – ich selbst habe diese Folge des Klimawandels auch vor wenigen Jahren noch für weniger gravierend gehalten. Doch sollte auch Herr von Storch zubilligen, dass die zahlreichen Forscher, die hier anders denken als er, aus guten fachlichen Gründen zu ihrer Einschätzung gekommen sind. Leider unterstellt von Storch seinen Kollegen häufiger "Alarmismus" verbunden mit dem Vorwurf, sie würden aus politischen oder finanziellen Motiven Schreckensszenarien verbreiten. Das sind ad hominem-Attacken, keine Sachargumente. Damit mag man sich selbst als "moderat" und "besonnen" positionieren. Aber leider sind die niedrigeren Zahlen eben nicht automatisch die realistischeren. Gerade die neueren Messdaten zu Meeresspiegel oder Eisverlust zeigen, dass die auch damals schon des "Alarmismus" verdächtigten Forscher die Entwicklung nicht über- sondern unterschätzt haben.

Auf Unterstellung von Motiven kann man in der Regel nicht sinnvoll reagieren. Aber welches Interesse könnten Forscher daran haben, den Klimawandel und seine Risiken zu übertreiben? Damit würde man höchstens seine fachliche Reputation zerstören, also das höchste Gut des Wissenschaftlers. Jedem von uns wäre es wohl lieber, wenn die globale Erwärmung harmlos wäre und man guten Gewissens zum Schnorcheln auf die Seychellen fliegen könnte. Ich erinnere auch daran, dass wir zur Abschätzung der Obergrenze der Klimasensitivität – welche die maximal zu erwartende globale Erwärmung bestimmt – den niedrigsten Wert aller 13 im IPCC-Bericht zitierten Studien beigesteuert haben [5]. Interessanterweise hat uns noch nie jemand deshalb vorgeworfen, wir würden aus politischen Gründen die Klimarisiken verharmlosen. Wir betreiben naturwissenschaftliche Forschung und leiten die Folgerungen aus den Daten ab; dabei spielt politische Neigung weder in die eine noch in die andere Richtung eine Rolle.

Eine unwissenschaftliche Verschwörung?

Von Storch geht noch weiter und erklärt die Tatsache, dass die meisten seiner Kollegen anderer Meinung sind als er, mit einer regelrechten Verschwörung. Er behauptet, Autoren der Kopenhagen-Diagnose hätten ein "Kartell" gebildet, "um die eigenen Ansichten gegen andere durchzusetzen. Und das ist in höchstem Maße unwissenschaftlich." Wegen dieser vermeintlichen Verschwörung solle zum Beispiel Michael Mann fürderhin vom peer review ausgeschlossen werden, fordert von Storch auf seiner Homepage und bei Spiegel Online. Dazu sei erwähnt, dass einmal ein Gutachter eine von Storch-Arbeit scharf kritisiert hat, woraufhin der Autor öffentlich spekulierte, der anonyme Gutachter sei Michael Mann gewesen – ein Vorgehen, das zumindest schlechten Stil verrät. Die meisten Forscher haben wohl schon einmal boshafte Gutachterkommentare erlebt. Doch die Vorstellung eines "Kartells" halte ich für gänzlich unrealistisch. Dafür ist die Wissenschaft zu frei und pluralistisch, es gibt zahlreiche, unabhängig operierende Fachzeitschriften – auch solche, in denen die eingereichten Manuskripte sofort online zur offenen Diskussion gestellt werden. Und Wissenschaftler lassen sich von niemandem sagen, was sie denken sollen: Letztlich zählen nur gute Sachargumente.

Von Storchs enger Mitarbeiter Eduardo Zorita ist sogar noch weiter gegangen: Auf seiner Homepage und in mehreren Zeitungen fordert er, ich solle vom IPCC ausgeschlossen werden. Der Grund: In den vom CRU-Server kürzlich gestohlenen Mails findet sich auch ein Teil der Korrespondenz zwischen den Autoren des letzten Sachstandsberichts. In einer dieser Mails schlage ich vor, eine als fehlerhaft erkannte Modellsimulation nicht in einer Grafik zu zeigen, sondern sie nur im Text zu erwähnen. Zu diesem Zeitpunkt war in der Fachliteratur dokumentiert und von den Autoren – Zorita und von Storch – eingestanden, dass die betreffende Simulationsrechnung von einer sogenannten Klimadrift beeinträchtigt war. Dabei handelt es sich um einen Modellfehler, der zu einer unrealistischen Abkühlung vom "mittelalterlichen Klimaoptimum" in die "kleine Eiszeit" führte. Aufgabe der IPCC-Autoren ist es, aus der Fülle von zehntausenden Fachpublikationen zum Klima die wichtigsten Arbeiten mit den relevantesten Ergebnissen auszuwählen. Wer dabei seinen Job ordentlich erledigt und die Frage aufwirft, ob eine bekannt fehlerhafte Rechnung auch unter diesen ausgewählten Ergebnissen sein sollte, der soll vom IPCC ausgeschlossen werden?

Peinliche Drift

Eine Drift wie im Modell von Zorita und von Storch ist ein Fehler bei der Modellierung, der durch falsche Initialisierung des Modells zustande kommt. Diesen Lapsus nicht zu bemerken und die Simulation zu publizieren, obwohl die Ergebnisse stark von dem Erwarteten abweichen, ist erstaunlich. Dass von Storch die inzwischen mehrfach von anderen Forschern bestätigte "Hockeystick"-Rekonstruktion von Mann und Kollegen seinerzeit im Spiegel als "Quatsch" bezeichnet hat, beruhte übrigens auf dieser fehlerhaften Modellrechnung – und darauf, dass er und Zorita zudem noch die Methodik von Mann und Kollegen falsch implementiert hatten. All dies ist in der Fachliteratur dokumentiert [6, 7], nachdem unabhängige Forscher trotz aller Vertuschungsversuche der Autoren in mühsamer Kleinarbeit die Fehler rekonstruiert hatten.

Die Vorgeschichte hierzu ist übrigens auch höchst interessant. Sofort nach Publikation der Modellrechnung im Jahr 2004 fiel uns am PIK die oben erwähnte starke Abkühlung auf [8]. So etwas konnte drei Gründe haben: den verwendeten Antrieb (also zum Beispiel die Annahmen über die Veränderungen der Sonnenaktivität), die Klimasensitivität des Modells (wie empfindlich reagiert die Temperatur auf Veränderungen im Strahlungshaushalt) oder eben einen Modellfehler (wie es sich später auch herausstellte). Wir baten daher von Storch – wie unter Kollegen üblich – um Übermittlung der Antriebsdaten, damit wir uns ein eigenes Bild machen konnten. Zurück kamen damals aber zunächst keine Daten, sondern die Unterstellung, wir fragten nur aus politischen Motiven an. Ich bin jederzeit bereit, im Sinne der Transparenz unserer aus Steuermitteln finanzierten Forschung die gesamte damalige Korrespondenz zu diesem Thema zu veröffentlichen – von Storchs Einverständnis natürlich vorausgesetzt.

Für unethisch halte ich es hingegen, ohne Zustimmung persönliche Mails anderer Leute zu lesen – oder sie gar wie Zorita und von Storch zur medialen Diskreditierung von Kollegen zu benutzen. Deshalb habe ich keine der nicht für mich bestimmten, vom CRU-Server immerhin durch einen kriminellen Akt beschafften Mails angeschaut. Ich habe aber sofort öffentlich erklärt, dass die nun im Netz einsehbaren, von mir selbst geschriebenen Mails jeder gerne lesen darf – es handelt sich dabei um fachliche Diskussionen, bei denen ich nichts zu verbergen habe.

Fazit: Statt Forscher über die Medien mit Unterstellungen zu diffamieren, sollte von Storch lieber durch Sachargumente und eigene Forschungsarbeiten überzeugen. Wenn ihm unsere Meeresspiegelzahlen nicht gefallen, sollte er eine eigene Abschätzung des globalen Meeresspiegelanstiegs vorlegen. Dann könnte man sachlich darüber diskutieren, was methodisch überzeugender ist.
© Spektrum.de
Stefan Rahmstorf

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