Die Dänen wurden im Frühmittelalter nicht nur wegen ihrer Wikingerbeutezüge und durch Kampfkraft, sondern vor allem durch ihre Kontrolle des Seehandels zu einer dominierenden Macht in Nordeuropa. Dabei wurden seltener spektakuläre Luxusgüter umgeschlagen, sondern vielmehr der Alltagsbedarf befriedigt – etwa die Nachfrage nach gut konserviertem Fisch als lange haltbarem Nahrungsmittel. Und diesen holten sich Wikingerfangflotten offenbar auch schon im Frühmittelalter massenhaft aus dem erstaunlich hohen Norden, wie Forscher nun mit Hilfe von DNA-Analysen der Fischgrätenabfälle aus der mittelalterlichen Dänenhochburg Haithabu lesen.

Bei der Untersuchung der zur Wikingerzeit genutzten Fanggründe und des Handelsnetzes für die Fischerei hatten sich Bastiaan Star von der Universität Oslo und seine Kollegen auf die Suche nach genetischen Spuren gemacht: Sie extrahierten für ihre in "PNAS" erschienene Studie alte DNA-Spuren aus Dorschgräten, die sie in Abfallgruben archäologischer Fundstellen aus der Wikingerzeit gesammelt hatten. Die Fortschritte in der Analysetechnik erlauben mittlerweile, auf diesem Weg ziemlich vollständige Erbgutsequenzen der längst verspeisten Tiere zu erhalten. Was mit diesen Daten dann anzufangen ist, war die spannendere Frage – die Forscher vermuten aber, dass aus den Gendaten auch Informationen über den Fangort der Tiere zu gewinnen sind.

Schließlich lässt sich anhand der Gendaten eines Menschen ziemlich gut ablesen, woher er stammt – und der Vergleich der Erbgutvarianten informiert recht verlässlich etwa über Wanderungsbewegungen von Menschengruppen und die Vermischung verschiedener Populationen bis weit in prähistorische Zeiten zurück. Ähnliche Untersuchungen gelingen aber auch bei im Meer lebenden, weit wandernden und somit scheinbar weniger ortstreuen Arten wie dem Dorsch, dem über Jahrhunderte hinweg wohl wichtigsten Speisefisch, wie Star und Co bei ihrem Vergleich der DNA von modernen Dorschpopulationen mit dem Erbgut von Fischen aus dem frühen und späteren Mittelalter nachweisen.

Denn tatsächlich zeigten sich eindeutige Trennlinien: Verschiedene Fische von unterschiedlichen Fundstellen lassen sich über das Erbgut aus ihren Gräten mittelalterlichen Populationen zuordnen: Die Tiere waren zu Lebzeiten mal in der Ostsee, mal in der südlichen Nordsee, dem Öresund oder in den Gewässern um Island umhergeschwommen. So ließ sich bestimmen, woher einzelne Häfen in der Wikingerzeit ihren Fang bezogen: Einige kleinere Häfen wurden, wie die Grätenabfälle belegen, eher von lokalen Küstenfischern angelaufen – größere, so etwa die Wikingerhauptstadt Haithabu, dienten dagegen als Umschlagplatz der gesamten Fischereiwirtschaft und boten allerlei Arten von Fischen sowie Dorsch verschiedenster Provenienz feil.

Ein besonderer Verkaufserfolg war den Ergebnissen zufolge wohl auch schon bei den Wikingern der Lofoten-Dorsch, den Historiker bisher eher als Angebot aus dem späteren Mittelalter und bis in die Moderne kennen: Vor den nordnorwegischen Lofoten werden traditionell im Winter große Mengen der aus dem hohen Nordatlantik stammenden Dorsche gefangen, wenn diese zum Ablaichen in den Süden ziehen. Vor Ort herrschen zu dieser Zeit zudem die besten Bedingungen, den Fang sofort gefrierzutrocknen und somit haltbar zu machen, ohne auf das wertvolle Salz als Konservierungsmittel zurückgreifen zu müssen. So entsteht eine kostengünstige und lagerfähige Handelsware, die, wie die neuen Daten zeigen, auch schon die Wikinger vor dem 12. Jahrhundert nutzten. Das hatten Forscher bisher nur vermuten können – auch wenn Schriftquellen wie die isländischen Sagas über frühen Fischfang im hohen Norden berichten.