25 000 Windkraftanlagen stehen in Deutschland – und langsam wird der Platz knapp für neue Rotoren, die Deutschlands Energiewende mit möglich machen sollen: Sie konzentrieren sich bislang vor allem auf windreiche Standorte an den Küsten. Weil jedoch Abstandsgebote eingehalten werden müssen, dürfen die Turbinen nicht zu nah an Feuchtgebiete, Siedlungen oder Flugplätze heranrücken. Geeignete Flächen werden also langsam Mangelware, weshalb Politik und Betreiber nach neuen Optionen suchen. Und da der Wind nicht nur im norddeutschen Flachland, sondern auch in den süddeutschen Mittelgebirgen relativ stetig und meist ausreichend stark weht, rücken diese Regionen nun in den Fokus. In vielen Bundesländern öffneten die Politiker dabei sogar geschlossene Waldgebiete für den Ausbau: In Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Thüringen dürfen Windkraftanlagen inzwischen mitten in Wäldern errichtet werden, sofern die nötigen Voraussetzungen erfüllt sind.

Naturschutzgebiete sind davon zwar vorerst ausgenommen, doch selbst abseits dieser relativ kleinen Flächen macht das Ansinnen mittlerweile mehr kaputt, als es Nutzen durch sauberen Strom bringt. Der Streit zwischen Natur- und Artenschützern auf der einen Seite und Klimaschützern auf der anderen geht sogar mitten durch Umweltorganisationen wie den BUND, dessen Gründungsmitglied Enoch von Guttenberg 2012 deswegen den Bettel hinwarf: Er verzieh dem BUND diese Ausbaupläne nicht. Auch das Bundesamt für Naturschutz konstatierte 2011, dass deshalb "der Nutzungsdruck auf Waldflächen deutlich zunimmt". Vier Jahre später bestätigen viele Eindrücke, dass die Freigabe der Wälder für die Energiegewinnung eine Fehlentscheidung für den Naturschutz war.

Vom Wald zum Energiepark
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Tödlich für den Artenschutz

Das beginnt im Kleinen: Wie beispielsweise der bayerische Landesbund für Vogelschutz aktuell mitteilt, nimmt die Verfolgung von Greifvögeln im Zusammenhang mit Windkraftanlagen zu. "In 39 erfassten Fällen aus den Jahren 2010 bis 2015 besteht dringender Verdacht auf die illegale Zerstörung von Großvogelhorsten in der Nähe von bestehenden und geplanten Windkraftanlagen. Auch bei drei registrierten Tötungsdelikten liegt ein entsprechender Zusammenhang nahe", so der Verband in einer Stellungnahme. Denn leben bedrohte Arten wie der Schwarzstorch oder verschiedene Greifvogelarten im Umfeld eines geplanten Projekts, so müssen die Erzeuger entsprechende Abstände einhalten, oder ihre Pläne werden nicht genehmigt. Offensichtlich wird in diesen Fällen versucht, auf eigene Faust und illegal für Abhilfe zu sorgen. Dabei gilt: "Die meisten Horste sind bereits vor den Planungen einer Windkraftanlage bekannt. Sie werden dementsprechend im Genehmigungsprozess berücksichtigt. Wenn Horste für Windkraftanlagen zerstört werden, zeugt das vor allem von der Ignoranz gegenüber geltendem Planungsrecht", so Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des NABU. Und dennoch kommt es zu diesen kriminellen Handlungen, von denen naturgemäß nur ein kleiner Anteil überhaupt bekannt wird.

Sogar konkret bestandsbedrohend wird der weitere Ausbau der Windkraft für den Rotmilan, der seinen Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland aufweist und für den die Bundesrepublik daher besondere Verantwortung trägt: 60 Prozent des Weltbestands nisten hier zu Lande, aber "die Bestände des seltenen Greifvogels in Deutschland vertragen einen weiteren Ausbau der Windkraft aller Voraussicht nach nicht", so der Tenor einer PROGRESS genannten Studie des Bundeswirtschaftsministeriums, die der "Süddeutschen Zeitung" bereits vorab vorlag. Dem Fachmagazin "Erneuerbare Energien" gilt er bereits als neuer "Problemvogel", da er konkret Ausbaupläne durchkreuzen kann. Der Rotmilan ist kein ausgewiesener Waldbewohner, sondern bevorzugt eine abwechslungsreiche Landschaft aus offenen Lebensräumen und kleinen Wäldern, doch nutzt er Waldflächen, um zu brüten. Wo Windräder aufgebaut werden, wandert er ab oder stirbt durch Vogelschlag an den Rotoren – oder er wird gezielt vergiftet, weil der Greifvogel neuen Anlagen im Weg steht, wie der Bericht der "Süddeutschen Zeitung" nahelegt.

Kritisch ist die Ausbreitung von Turbinen in die Wälder hinein auch für den Schwarzstorch, der deshalb eigentlich ebenfalls ein massives Hemmnis für diesen Ausbau ist: Der scheue Verwandte des bekannten Weißstorchs nistet innerhalb geschlossener Wälder und sucht überwiegend auch dort oder in deren Nähe nach Nahrung. Nach einem absoluten Tief in den 1980er Jahren haben sich die Bestände wieder gut erholt. Doch dieser Trend droht nun umzukehren. In einer zugegeben umstrittenen Studie für die Deutsche Wildtier Stiftung berichtet der Ornithologe Klaus Richarz, dass sich in den letzten Jahren die Zahl der Brutpaare am hessischen Vogelsberg um zwei Drittel verringert habe, seit dort Windkraftanlagen errichtet worden sind. Starke Populationseinbrüche habe man zudem exemplarisch bei Waldschnepfen beobachtet, nachdem Turbinen in ihrem Lebensraum aufgestellt wurden.

Im Bestand gefährdet
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Der Rotmilan besitzt seinen Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland – und ist durch den weiteren Ausbau der Windkraft im Überleben bedroht. Das geht aus einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums hervor.

Extrem problematisch ist diese neue Nutzungsform der bewaldeten Lebensräume für Fledermäuse: Schätzungsweise 250 000 Fledermäuse sterben jetzt schon jährlich deutschlandweit, schätzen Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin und seine Kollegen – die meisten davon auf dem Zug, weil die Bundesrepublik einen wichtigen Wanderungskorridor zwischen Nord und Süd darstellt. Sie verenden allerdings nicht wie Vögel durch direkte Kollisionen, sondern weil ihre Lungen infolge eines so genannten Barotraumas schwer geschädigt werden oder völlig zerreißen. Die starken Luftdruckschwankungen im unmittelbaren Umfeld der Rotorblätter führen also zu tödlichen Verletzungen. Viele unsere heimischen Fledermausarten sind auf Wälder angewiesen, weil sie dort jagen, ihr Sommerquartier besitzen und tagsüber ruhen. Wegen ihrer ökologischen Bedeutung sind selbst relativ häufige Arten in Deutschland streng geschützt – Windkraft im Wald konterkariert diese Bemühungen, für bedrohte Arten kann sie zur Überlebensfrage werden.

Der Wald wird zum Industriestandort

Zu den drastischen Konsequenzen für den Artenschutz gesellen sich kritische Konsequenzen für das Ökosystem Wald an sich. Um die Windenergieanlagen zu installieren und zu warten, muss die nötige Infrastruktur im Wald geschaffen und erhalten werden. Nach Schätzungen des Bundesamtes für Naturschutz benötigt man für jeden einzelnen Mast eine Freifläche von 0,2 bis 1 Hektar, die entweder gerodet werden muss oder als Lichtung verloren geht. Dazu kommt die ergänzende Infrastruktur wie Stromtrassen oder Zufahrtswege, die auch für schwere Fahrzeuge dauerhaft befahrbar sein müssen – mit einfachen Forstwegen ist es dabei also nicht getan. Vorher weitgehend geschlossene Wälder werden dadurch zerstückelt und in ihrer Funktion beeinträchtigt; aus dem Ökosystem wird eine Art grünes Industriegebiet. Unter anderem der NABU-Landesverband Brandenburg lehnt daher den Ausbau der Windkraft in Wäldern ausdrücklich ab.

Vielfach betonen Politiker und Lobbyisten der Windkraft, dass der erwünschte Ausbau sich vor allem auf ökologisch weniger wertvolle Wirtschaftswälder aus Fichten oder Kiefern konzentriere. Die Realität widerlegt diese Behauptung aber: Immer wieder werden Anlagen auch in Vorrangflächen für den Naturschutz genehmigt, so genannten FFH-Flächen, die prinzipiell vor Eingriffen geschützt sein sollten, die ihren Status verschlechtern. In einem Gastbeitrag für die "Welt" schreibt der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer ausdrücklich, dass "die Energiewende nur funktionieren kann, wenn wir auch schöne Landschaften mit Windrädern verändern. Die Auswirkungen von Windparks auf die Natur sind jedoch von wenigen Vogelarten abgesehen nahezu null." Letzteres ist erwiesenermaßen falsch. Und er fordert, dass man eben nicht alle Landschafts- und sogar Naturschutzgebiete davon freihalten könne. Aber zu welchem Zweck wurden sie dann überhaupt eingerichtet?

Man sagt, die Deutschen hätten ein besonderes Verhältnis zum Wald. Und tatsächlich lehnen laut einer (ebenfalls von der Deutschen Wildtier Stiftung in Auftrag gegebenen und daher kritisierten) Emnid-Umfrage mehr als drei Viertel der befragten Menschen hier zu Lande einen weiteren Ausbau der Windkraft im Wald ab, obwohl die Mehrheit dieser erneuerbaren Energie gegenüber prinzipiell weiterhin positiv eingestellt ist. Das sollte der Politik zu denken geben: Die Energiewende darf nicht auf Kosten unserer Artenvielfalt und des Naturschutzes gehen.