Herr Dr. Graefe, geht es bei den Bundestagswahlen immer weniger um Sachthemen und immer mehr um die Kandidaten selbst?

Andreas Graefe: Die Kandidaten haben schon immer eine wichtige Rolle für den Ausgang von Bundestagswahlen gespielt, wie eine Studie des Mannheimer Politikwissenschaftlers Thomas Gschwend zeigt. Das Wahlergebnis hängt demnach stark von der Popularität des Amtsinhabers ab. Diese beinhaltet viele weitere Merkmale: die Persönlichkeit, die Fähigkeit, die Probleme des Landes zu lösen, und die allgemeine wirtschaftliche Lage. Meist entscheiden wir uns aber für die Partei, mit der wir uns identifizieren und die wir auch in der Vergangenheit gewählt haben. Dieses Jahr spricht beides, die Popularität der Kanzlerin und die Wahlergebnisse der letzten Jahre, für einen erneuten Wahlsieg der CDU.

Was steht der Wiederwahl von Angela Merkel überhaupt entgegen?

Der Abnutzungseffekt. Je länger eine Partei an der Regierung ist, desto eher verliert sie in der nächsten Wahl Stimmen – weil die Wähler Lust auf Veränderung haben. So ist es nicht nur in Deutschland, sondern auch bei den US-Wahlen, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Der Amtsinhaber genießt dort nach der ersten Periode noch einen Bonus. Kaum ein Präsident hat das Weiße Haus gleich wieder verlassen müssen, danach jedoch tritt der so genannte Time-for-change-Effekt ein: Es ist schwieriger für die regierende Partei, den nächsten Kandidaten erneut durchzubringen.

Und das genügt, um das Wahlergebnis aller Parteien vorherzusagen?

Das Modell sagt damit den Stimmenanteil der amtsinhabenden Koalition vorher. Über die letzten drei Bundestagswahlen wich die Augustprognose im Schnitt um 1,6 Prozentpunkte vom späteren Wahlergebnis ab. Für längere Zeithorizonte liefert das Modell damit genauere Prognosen als Wahlumfragen, und selbst kurz vor der Wahl ist dessen Genauigkeit mit Umfragen vergleichbar.

Andreas Graefe
© LMU München; mit frdl. Gen. von Andreas Graefe
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAndreas Graefe

Wenn wir wissen, wie die Wähler die Persönlichkeit der Kandidaten wahrnehmen – genügt das schon für eine gute Prognose?

Zumindest lässt sich ein deutlicher Zusammenhang feststellen. So kann man beispielsweise aus den Urteilen über die Persönlichkeiten der US-Präsidentschaftskandidaten von 1972 bis 2012 relativ genaue Einschätzungen des Wahlausgangs ableiten. Aber das liegt daran, dass die wahrgenommenen Führungsqualitäten und die wirtschaftliche Lage in das Urteil über die Persönlichkeit mit einfließen. Wenn man deren Effekte statistisch herausrechnet, ist der verbleibende Einfluss der Persönlichkeiten gering und selten wahlentscheidend. Andere Personenmerkmale wie das Aussehen haben ebenfalls merklich Einfluss: Legt man Probanden Bilder von zwei ihnen unbekannten Kandidaten vor und fragt, welcher kompetenter oder attraktiver wirkt, kann man anhand der Antworten in rund 70 Prozent der Fälle den Ausgang der Wahl vorhersagen.

Biografisches Modell

2009 entwickelten Andreas Graefe und J. Scott Armstrong von der University of Pennsylvania ein einfaches Prognosemodell für die Präsidentschaftswahlen in den USA. Sie kombinierten dazu 59 biografische und persönliche Merkmale. Das Prinzip: Für jedes günstige Merkmal bekommt der Kandidat einen Punkt, etwa wenn er Einzelkind ist, einen Collegeabschluss hat, eine beständige Ehe führt oder wenn er ein Buch geschrieben hat. Er punktet ebenfalls, wenn er größer und schwerer ist als sein Rivale und wenn sein Gesicht mehr Kompetenz ausstrahlt. Seit 1928 hat niemand mit weniger als 20 Punkten die Wahl gewonnen – Mitt Romney kam auf 18, Barack Obama auf 22 Punkte.

Trifft das auch auf deutsche Wahlen zu?

Erste Arbeiten deuten darauf hin. Kölner Soziologen haben dieses Phänomen für die Landtagswahlen 2005 in Nordrhein-Westfalen untersucht. Probanden aus anderen Bundesländern mussten dafür die Fotos der Kandidaten bewerten. Je unansehnlicher die Konkurrenz im Wahlkreis, desto größer war der Vorteil für attraktive Kandidaten – der Unterschied machte bis zu zwei Prozent aus.

Gibt es also so etwas wie das perfekte Aussehen für eine politische Karriere?

Genau das wollen wir herausfinden. Die in Deutschland verbreiteten Modelle sagen bislang zum Beispiel nur: Amtsinhaber haben gute Chancen, wenn es der Wirtschaft gut geht. Für die USA konnten wir mit einem biografischen Modell schon berechnen, dass andere Republikaner gegen Obama bessere Chancen gehabt hätten als Romney. In diese Rechnung geht zum Beispiel ein, wer besser aussieht. Derzeit untersuchen wir, welche Merkmale von Gesichtern die Wahl beeinflussen. Wir wissen seit Längerem, dass ein Gesicht umso anziehender wirkt, je durchschnittlicher und symmetrischer es ist. Ein so genanntes Babyface – also eines mit rundlichen statt kantigen Konturen – erscheint hingegen weniger kompetent. Wir wollen auf Basis solcher Ergebnisse den perfekten Kandidaten definieren, wir suchen nach dem idealen Gesicht.

Aus Gehirn und Geist 10/2013 <br><a href="http://www.spektrum.de/artikel/1065440" target="_blank">Kostenloses Probeheft</a>
© Spektrum der Wissenschaft Spektrum AGB
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAus "Gehirn und Geist" 10/2013
Kostenloses Probeheft

Damit sich die Parteien ihre Kandidaten dann nach diesen Merkmalen aussuchen können?

Nein, sondern um Wähler darüber aufzuklären, welche Kandidaten wegen ihres Aussehens einen Vorteil haben und deshalb vielleicht zu wenig nach ihren Fähigkeiten beurteilt werden.

Hat schon einmal jemand überprüft, ob die Mitglieder einer bestimmten Partei besser aussehen als die einer anderen?

Studien in Skandinavien und den USA zeigen, dass konservative Politiker attraktiver zu sein scheinen als Linke und dass sich das auch auf das Wahlergebnis auswirkt. Wahrscheinlich wird es hier zu Lande ähnlich sein. Psychologisch ist das durchaus plausibel: Konservative Politiker sehen vielleicht eher angepasst und durchschnittlich aus, und das gefällt wiederum im Durchschnitt am besten.

Haben sich schon Politiker bei Ihnen gemeldet, um sich beraten zu lassen?

Nein. Wir befinden uns ja noch am Anfang unserer Forschung.

Würden Sie Politikern empfehlen, eine Brille zu tragen?

Sie ist ein Pluspunkt in Sachen Kompetenz, geht jedoch zu Lasten der Attraktivität. Es kommt also darauf an, wie der Politiker wahrgenommen werden will.

Unterscheiden sich die wahlrelevanten Merkmale bei Politikern und Politikerinnen?

Einzelne Studien aus den USA deuten darauf hin. Übergewicht etwa lässt Männer vertrauenswürdiger erscheinen, bei Frauen hat es den gegenteiligen Effekt. Umgekehrt ist es bei Brillenträgern: Frauen wirken damit vertrauenswürdiger, Männer eher weniger. Aber beide machen mit Brille einen intelligenteren Eindruck.

Welche Merkmale könnten Angela Merkel einen Vorteil verschafft haben?

Die Frage lautet, wie groß deren Einfluss überhaupt ist. Nach derzeitigem Wissen wirken sie sich weniger stark aus, wenn es um höhere Ämter geht. Bei lokalen Wahlen auf kommunaler Ebene hingegen scheint der Einfluss von Personenmerkmalen größer zu sein; hier verwenden die Wähler vielleicht einfachere Heuristiken für ihre Entscheidung.

Beziehen Sie die Attraktivität der Kanzlerkandidaten in Ihre Prognose ein?

Derzeit nur indirekt: Wir gehen davon aus, dass solche Merkmale zum Beispiel die Popularität beeinflussen.

Und auf welchen Daten basiert Ihre Prognose?

Im PollyVote.de-Projekt kombinieren wir Vorhersagen von vier unterschiedlichen Prognosemethoden. Die erste Komponente umfasst die klassischen Wahlumfragen, also die Sonntagsfrage. Wir sammeln die Ergebnisse der Institute und kombinieren sie miteinander. Die zweite Komponente sind so genannte Prognosemärkte, hier wetten die Teilnehmer auf den Wahlausgang, entweder mit Spielgeld oder mit echtem Geld. Als Drittes befragen wir Politikjournalisten und Wissenschaftler, die sich mit Wahlforschung befassen. Die Annahme ist, dass diese Experten aktuelle Umfrageergebnisse und Vorhersagen anderer Prognosemethoden, aber auch deren Grenzen und Einschränkungen kennen und mögliche Einflüsse aktueller und künftiger Ereignisse auf den Wahlausgang abschätzen können. Und die vierte Komponente sind Modelle, die auf statistischen Kennzahlen beruhen, wie das eingangs erwähnte Gschwend-Modell.

Prognosemärkte

Seit 1860 lieferten Wettquoten in den USA ziemlich genaue Prognosen für den Wahlausgang und wurden regelmäßig in Tageszeitungen wie der "New York Times" veröffentlicht. In den 1930er Jahren wurden diese Märkte verboten; stattdessen setzte man auf Meinungsumfragen. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis die University of Iowa 1988 eine Sondergenehmigung zur Forschung mit Prognosemärkten per Spielgeld erhielt. Bei Realgeldmärkten wie www.politikprognosen.de ist der Höchsteinsatz gesetzlich beschränkt.

Unterscheiden sich zum Beispiel die Umfragewerte von denen der Prognosemärkte?

Die CDU/CSU wird in den Umfragen stärker eingeschätzt als in den Prognosemärkten – 40 Prozent versus 36 bis 37 Prozent. Bei der FDP ist es umgekehrt. Vermutlich beziehen die Teilnehmer der Prognosemärkte taktische Überlegungen ein, zum Beispiel von CDU-Wählern, die wegen der Fünfprozenthürde für die FDP stimmen, damit die schwarz-gelbe Koalition weiterbestehen kann. Aber sobald die Märkte einen gewissen Grad an Aufmerksamkeit erhalten, besteht die Gefahr, dass sie manipuliert werden, vor allem, wenn es sich um Einsätze mit Spielgeld handelt. Das konnte man am Prognosemarkt des Handelsblatts beobachten: Hier lag die Anti-Euro-Partei AfD zeitweise bei 25 Prozent – weit jenseits aller anderen Prognosen.

Ist nicht auch zu befürchten, dass Experten ihre Prognosen fälschen, um die Wahl zu beeinflussen?

Das ist unwahrscheinlich und wohl auch eher unproblematisch, denn man weiß nicht, ob und wie sich die Prognosen auf eine Wahl auswirken. Einerseits gibt es den "Bandwagon-Effekt", dem zufolge sich die Wähler der Siegerpartei anschließen, andererseits den "Underdog-Effekt", nach dem sich die Menschen einer Partei zuwenden, die laut Umfragen hinten liegt.

Und an welcher Stelle fließen Personenmerkmale in Ihre Prognose mit ein?

Zunächst indirekt über Wahlumfragen und Wahlerwartungen von Experten und Prognosemärkten sowie über Gschwends Modell, das auf Parteiidentifikation, Abnutzung und Popularität des Amtsinhabers aufbaut. Zu dieser vierten Gruppe, den statistischen Methoden, zählt außerdem ein Modell, das die ökonomische Situation des Landes berücksichtigt: Arbeitslosenzahl, Inflationsrate, Wirtschaftswachstum. Läuft es rund, wird der Amtsinhaber belohnt. Die klassischen ökonomischen Modelle, die anhand harter Zahlen den Wahlausgang vorhersagten, hatten bei der letzten US-Wahl allerdings fälschlich Romney vorne gesehen – sie haben das psychologische Wirtschaftsklima nicht ausreichend berücksichtigt.

Sie kombinieren also vier Komponenten, die selbst aus einer Kombination von Modellen bestehen. Welches davon ist denn das beste?

Im Schnitt über viele Wahlen funktionierten die Prognosemärkte zumindest in den USA bislang am besten. Das liegt daran, dass die Methode selbst schon Informationen von Teilnehmern aggregiert, die einen Anreiz haben, möglichst gute Vorhersagen zu treffen. Aber die Frage nach dem besten Einzelmodell widerspricht unserer Grundidee: Keines ist langfristig so gut wie die Kombination von Vorhersagen. 2012 etwa lagen die Prognosemärkte in den USA ein gutes Stück daneben. Der Erfolg eines Verfahrens in der Vergangenheit garantiert eben nicht, dass es beim nächsten Mal wieder genauso gut funktioniert. Etwaige Fehler gleichen wir aus, indem wir den Mittelwert aus den Prognosen aller bewährten Modelle bilden.

Und wie lautet die aktuelle Wahlprognose von PollyVote?

Schwarz-Gelb würde auf 46 Prozent kommen, Rot-Grün auf etwas über 38, die Linke auf 7.

Wie stark kann das reale Ergebnis noch davon abweichen?

Die Erfahrung mit den Wahlen in den USA zeigt, dass unsere Vorhersage sehr stabil ist. Wir erwarten jedoch nicht, dass PollyVote in Deutschland schon beim ersten Mal die beste Prognose von allen liefern wird. Aber sie wird besser sein, als wenn man sich vorher zufällig auf eine einzelne Methode festlegt.