Professor Beutler, wie viel wissen wir tatsächlich über das Immunsystem? Müssen wir immer noch mit Überraschungen rechnen?

Meiner Meinung nach ja. Wir Menschen hatten schon immer die Tendenz zu glauben, wir wüssten mehr, als wir tatsächlich wissen. Aber neues Wissen bringt immer auch Überraschungen – ich könnte eine ganze Menge Beispiele aus der Geschichte der Wissenschaft bringen. Allgemein gesprochen denke ich, dass wir nicht einmal die Mehrzahl der Bestandteile des Immunsystems kennen, jene Proteine, die eine benennbare, nicht redundante Funktion haben.

Aus welchen Bereichen können diese Überraschungen kommen?

Wir wissen nur sehr wenig über Autoimmunerkrankungen. Bekannt ist, dass all diese Krankheiten einen genetischen Ursprung haben, auch wenn die Umwelt den Autoimmunphänotyp teilweise beeinflusst. Welche Gene daran beteiligt sind, wissen wir jedoch nicht. Diese Krankheiten scheinen sehr komplexe Ereignisse zu sein, und damit auch sehr schwer zu knackende Probleme. Wir wissen zum Beispiel nicht, was Lupus verursacht – eine sehr weit verbreitete Krankheit. Mehr als ein Prozent der Bevölkerung wird mindestens einmal im Leben Lupus haben. Bei Mäusen kennen wir ein komplexes, multigenetisches Modell der Krankheit und einige monogenetische Modelle, die die Krankheit schon sehr gut erfassen. Aber weshalb diese Gene Lupus verursachen, verstehen wir überhaupt nicht.

Was würde es medizinisch und wissenschaftlich bedeuten, alle Komponenten zu kennen?

Wir könnten wahrscheinlich bestimmte Therapien viel besser umsetzen, wir würden Gelegenheiten sehen, bestimmte Signalpfade effektiver zu blockieren, als es heute möglich ist. Wenn wir heute Autoimmunerkrankungen therapieren, dann auf relativ grobe Weise: Wir versuchen einfach, mit Medikamenten wie den Thioprinen oder Cyclophosphamid alle möglichen Arten von Immunzellen auszuschalten, zum Beispiel T-Zellen oder alle Arten von Lymphozyten und Leukozyten. Und das bringt auch die gewünschten Ergebnisse, aber eben mit einer ganzen Palette an unerwünschten Nebenwirkungen. Oder wir behandeln mit Steroiden. Das geht, aber es ist sehr unspezifisch im Vergleich zu dem, was vielleicht möglich wäre.

Sie reden dabei aber immer noch über die klassische Strategie, bei der bestimmte Moleküle ihre Zielmoleküle außer Gefecht setzen. Wären dann auch neue, andere Ansätze möglich?

Das Immunsystem komplett zu verstehen, böte wahrscheinlich auch neue Ansatzpunkte. Betrachten wir zum Beispiel die Rheumatoide Vaskulitis. Wir wissen, dass TNF eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Krankheit spielt, denn es zu blockieren, lindert die Symptome bei der Mehrzahl der Patienten. Man kann jetzt fragen: Woher kommt das TNF? Was treibt seine Produktion an? Letztendlich therapiert man nur die Symptome, wenn man TNF blockiert, und es hat auch negative Effekte; man handelt sich eine Immunschwäche ein.

Wir würden lieber spezifischer behandeln, aber wir wissen nicht wie. Die aktuelle Therapie funktioniert ganz gut, und sie ist die beste, die wir beim gegenwärtigen Stand der Forschung haben – doch man kann davon träumen, die Entstehung der Krankheit wirklich zu verstehen, zu wissen, welche bekannten und unbekannten Faktoren aktiviert werden und welche die Erkrankung tatsächlich auf den Weg bringen. Wenn man das alles weiß, dann sind natürlich viel bessere Ansätze möglich.

Wäre es denkbar, das Immunsystem gentechnisch dauerhaft zu verändern, um bestimmte Leiden zu vermeiden?

Darüber kann man natürlich reden, aber man ist heutzutage natürlich ziemlich vorsichtig, wenn es um Veränderungen an der Keimbahn geht. Allerdings könnte man bestimmte, selektive Eingriffe ins Genom ins Auge fassen, die dann wohl akzeptabel wären. Vorausgesetzt, die Zielsetzung ist angemessen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.