Wie sich das Interesse für ein bestimmtes Fachgebiet über die Jahre herausbildet, ist oft nicht so leicht nachvollziehbar. Hatte die Psychologielehrerin immer besonders interessante Geschichten auf Lager? Oder liegt die Ambition, später Kanzlei, Firma oder Ordination der Eltern zu übernehmen gar im Blut? Und was hat der Charakter der Studienanfänger mit ihrer Fächerwahl zu tun? Dem gingen die Forscherinnen Anna Vedel und Dorthe K. Thomsen in einer Studie nach, die jetzt in "Personality and Individual Differences" erschienen ist. Sie konnten nachweisen, dass einige "dunkle" Persönlichkeitsmerkmale schon vor Studienbeginn und je nach Fach unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Angehende Studenten der Volks- oder Betriebswirtschaftslehre neigten dabei am stärksten zu Selbstüberschätzung, Psychopathie und rücksichtslosem, manipulativem Verhalten.

Solche Eigenschaften zählen zur so genannten "Dunklen Triade", die aus den Merkmalen Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus besteht, welche sich unter anderem durch Egozentrismus und rücksichtloses Verhalten äußern. Diese Charakterzüge analysierten Vedel und Thomsen, als sie 487 angehende Studierende der Fachrichtungen Betriebswirtschaftslehre/Volkswirtschaftslehre, Jura, Politikwissenschaften oder Psychologie einen entsprechenden Fragebogen ausfüllen ließen. Zusätzlich maßen die Forscherinnen bei ihnen die "Big Five" der Persönlichkeit – Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit – durch das NEO-Fünf-Faktoren-Inventar erfasst.

Beeinflusst der Charakter die Studienwahl?

Männliche Studienanfänger hatten bei allen Merkmalen der "Dunklen Triade" signifikant höhere Werte als weibliche. Innerhalb der verschiedenen Studienrichtungen gab es keine nennenswerten Geschlechterunterschiede mehr, aber der Frauenanteil variierte dafür stark: Im Psychologiestudium betrug er 87 Prozent, bei Jura 80 Prozent, bei Politikwissenschaft 59 Prozent und bei Wirtschaftsstudien 43 Prozent. Wirtschaftsstudenten hatten die höchsten Werte bei Machiavellismus und übertrafen Politikwissenschafts- und Psychologiestudenten auch bei Narzissmus signifikant; nur Jurastudenten waren bei diesem Merkmal fast gleichauf. Insgesamt war Psychologie die Fachrichtung mit der geringsten Neigung zu den drei "dunklen" Persönlichkeitseigenschaften, während diese bei Wirtschaftsstudenten am stärksten ausgeprägt waren, gefolgt von Jurastudenten.

In Bezug auf die "Big Five" der Persönlichkeit bestätigten die Forscherinnen einige Ergebnisse von vorangegangenen Studien. So zeigten Studentinnen höhere Werte bei Neurotizismus, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Anwärter für das Psychologiestudium waren signifikant neurotischer als Wirtschafts- und Politikwissenschaftsstudenten und sie waren auch verträglicher und offener als Wirtschafts- und Jurastudenten.

Insgesamt scheint es also nicht erst das Studienumfeld zu sein, das die Arbeitskräfte von morgen prägt – Wirtschaftsstudenten haben anscheinend schon viel früher gelernt, ihre Ellbogen einzusetzen und sprichwörtlich über Leichen zu gehen, um ihre Ziele zu erreichen. Dieser Befund passt auch gut zu Forschungergebnissen über die Persönlichkeitsmerkmale von Menschen in den Chefetagen der großen Firmen – immer wieder schaffen es narzisstische, rücksichtslose Personen an die Spitze von Unternehmen. Und offenbar scheint dieser Drang, Großes zu erreichen, das Interesse an Wirtschaft schon früh zu beeinflussen.