spektrumdirekt: Herr Professor Weingart, Wissenschaftler genießen trotz mancher Fälschungsskandale ein hohes Ansehen in der Bevölkerung. Warum? Ist Wissenschaft ein "sauberes" Metier, mit vergleichsweise wenig schwarzen Schafen?

Peter Weingart: Die Fälschungsskandale stellen nach allen Berechnungen einen sehr sehr kleinen Prozentsatz der vielen Tausenden von Kommunikationen dar, auch wenn die tatsächliche Zahl unbekannt bleibt. Hinzu kommt, dass Wahrhaftigkeit der Darstellung von Forschungsergebnissen eine überaus starke Norm in der Wissenschaft darstellt, an die sich die Beteiligten auch überwiegend halten. Das ist in anderen Berufszweigen nicht der Fall, und unter anderem wahrscheinlich deshalb hat die Bevölkerung ein so großes Vertrauen in Wissenschaftler.

Die meisten Befragten sind der Ansicht, Wissenschaftler sollten sich zu politisch relevanten Themen äußern. Ob sie dabei Partei ergreifen, wird international eher gleichermaßen begrüßt wie abgelehnt – nur in Deutschland ist der Wunsch nach eindeutiger Stellungnahme sehr deutlich. Warum? Gelten Wissenschaftler als besonders objektiv und damit förderlich für eine ausgewogene Entscheidungsfindung?

Meinung ist gefragt
© Arno Ghelfi/Scientific American
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Die Öffentlichkeit erwartet, dass ihnen ein Wissenschaftler die Wahrheit sagt, wenn er sich äußert. Das ist aber ja nicht unbedingt der Fall – denn eine objektive Wahrheit im philosophischen Sinn gibt es nicht. Der entscheidende Punkt ist daher eher, wie mit den Vorurteilen und deren impliziten Werturteilen umgegangen wird, die in wissenschaftlichen Urteilen stecken. Dieser Aspekt wird in der Frage aber unterschlagen. Anders gesagt: Die politische Meinung eines Wissenschaftlers kann nicht mehr Autorität für sich beanspruchen als die einer Krankenschwester.

Worauf sollten Forscher dann achten, wenn sie ihre Meinung kundtun?

Peter Weingart
© Universität Bielefeld
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Wenn Wissenschaftler zu politischen Fragen Stellung beziehen – und das sollten sie –, müssen sie dabei deutlich machen, welche Urteile sie durch Daten absichern können und welche nicht. Sie müssen auch Auskunft geben, wie ihre Daten zu Stande kommen und so weiter. Das können sie natürlich nicht in jeder Diskussion machen, in die sie involviert sind. Aber das ist im Prinzip gefragt, gerade weil ihnen als Experten ein so großes Vertrauen entgegengebracht wird.

Könnte dieses positive Bild der Wissenschaftler auch damit zusammenhängen, dass sich Wissenschaftler bisher eher selten an heikle Themen herangewagt haben, die in der Gesellschaft diskutiert werden, und deshalb auch vergleichsweise wenig in die Kritik geraten sind? Würde eine verstärkte politische Einmischung dem guten Ansehen der Wissenschaft womöglich sogar schaden?

Ja, möglicherweise dem guten Ansehen, das wir jetzt kennen. Aber auf der anderen Seite wird immer deutlicher, dass wissenschaftliche Äußerungen oder überhaupt wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in dem Maß gesichert sind oder gesichert sein können, wie das immer unterstellt wird. Und wenn die Öffentlichkeit und übrigens auch die Wissenschaft lernen, mit solchen Unsicherheiten besser umzugehen, dann bekommt die Wissenschaft auch den ihr angemessenen Platz.

Es fällt auf, dass sich die Kontinentaleuropäer – die Antworten aus Großbritannien entsprechen eher dem Bild in Nordamerika – generell etwas vorsichtiger und zurückhaltender äußern als die Leute in den USA und Kanada. Ist das jene "typisch" kontinentaleuropäische Skepsis, oder was steckt da dahinter?

Diesen Zahlen misstraue ich etwas, vor allem angesichts der nicht vorhandenen statistischen Verlässlichkeit – ein bekanntes Problem bei solchen Umfragen. Wir wissen zum Beispiel aus entsprechenden Erhebungen, dass sich der Grad der Skepsis gegenüber ganz spezifischen wissenschaftlichen Problemen von Land zu Land unterscheidet. Sie können auch innerhalb Europas ein Gefälle aufmachen, zum Beispiel für das Problem Gentechnologie in der Landwirtschaft. Hier sind jene Länder, die erst kürzlich der EU beigetreten sind, also in erster Linie die östlichen Staaten, wesentlich weniger skeptisch als Länder wie Dänemark, Deutschland oder die Niederlande. Und die gleichen Differenzen in der Skepsis hinsichtlich bestimmter Technologien finden sich dann eben auch zwischen Europa und den USA und Kanada. Das hängt jeweils mit ganz konkreten Erfahrungen zusammen.

Verschieben sich solche Haltungen auch mit der Zeit?

Mensch und Klimawandel
© Nature
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Ja, zum Beispiel ist in den USA ist die Skepsis gegenüber der Anwendung von Gentechnologie in der Landwirtschaft erst nach einer ganzen Reihe von Jahren angestiegen, nachdem zunächst einmal viele Leute überhaupt gar keine Notiz davon genommen hatten. So etwas hängt dann von Medienkampagnen ab und ob irgendwelche möglicherweise neu entdeckten Risiken gefunden wurden und dergleichen.

Ein Bereich, der hier auch heraussticht, ist die Embryonenforschung, die ja in Deutschland recht kontrovers diskutiert wird und auch sehr strikt geregelt ist. Trotzdem findet sich in allen internationalen Antworten gleichermaßen eine weniger starke Ablehnung von Embryonenforschung als von Forschung an Schimpansen. Woran könnte das liegen?

Auch das habe ich mit Erstaunen gesehen. Ich vermute mal – aber das ist reine Spekulation –, dass in der Öffentlichkeit mit der Embryonenforschung Forschungen verbunden werden, die letztlich auf die Heilung von Krankheiten hinauslaufen. Die ausgeprägtere Skepsis in Deutschland demgegenüber ist vielleicht damit zu erklären, dass bei uns noch die deutsche Geschichte eine Rolle spielt – deswegen ja auch die Proteste gegen die Stammzellforschung im Parlament.

Aber warum die noch deutlichere Abneigung gegen Forschung an Schimpansen?

Die Abneigung gegen die Forschung an Schimpansen könnte darauf zurückgehen, dass der Öffentlichkeit ein großer Bereich dieser Forschung unbekannt ist. Soweit es um die Hirnforschung beispielsweise geht, nimmt die Öffentlichkeit davon relativ wenig wahr, und der Tierschutz rangiert sehr hoch. Auch hier würde ich vermuten, dass die Zahlen das nicht ganz richtig wiedergeben, denn es ist unter anderem bekannt, dass die Proteste gegen Forschung an Tieren zum Beispiel in England auch außergewöhnlich scharf sind.

Viele Forschungsgelder fließen in Projekte, die kurzfristig betrachtet keinen direkten Nutzen für die Bevölkerung versprechen. Trotzdem lehnen die Befragten auch in mageren Zeiten Einschnitte bei der Forschungsfinanzierung einhellig ab – zwei Drittel sind absolut dagegen. Steckt dahinter blindes Vertrauen, nach dem Motto "Die werden schon wissen, was sie tun", oder ist es eher Unwissen darüber, wie die Gelder verwendet werden, was in der Forschung eigentlich passiert?

So weit das die Einschätzung der Öffentlichkeit ist, würde ich vermuten, dass beide Gründe eine Rolle spielen. Einerseits ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, was wissenschaftspolitisch eigentlich abläuft. Im Bezug auf die Wissenschaftspolitik herrscht große Ignoranz. Auf der anderen Seite kommt wieder dieses Generalvertrauen ins Spiel, dass man sagt: Was die machen, wird schon irgendwie zum Wohl der Gesellschaft sein.

Wissenschaftler sollten sich zur Imagepflege noch mehr in den Medien präsentieren, wird vielfach gefordert. Dafür müssten sie sich aber häufig Journalisten als Sprachrohr bedienen – denen wird aber weniger vertraut als der direkten Quelle, dem Forscher. Liegt die Zukunft der Wissenschaftsberichterstattung daher eher im Bereich Blogs und anderen von Wissenschaftlern selbst erstellten Beiträgen?

Es ist merkwürdig, dass die Journalisten im Bereich Wissenschaftsberichterstattung nicht als Gefahr für die Vertrauenswürdigkeit der ursprünglichen Information gesehen werden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Wissenschaftsjournalisten eine andere Art von Journalismus betreiben als die normalen, die "Generaljournalisten". Es ist auch gut möglich, dass ihnen auf Grund ihrer größeren Nähe zur Wissenschaft mehr Vertrauen entgegengebracht wird als den allgemeinen Journalisten.

Und wie sieht es dann für Blogs und Co aus?

Ob die Wissenschaftskommunikation in Zukunft mehr über Blogs laufen wird, hängt auch davon ab, wer die Öffentlichkeit solcher Blogs ist. Die meisten solcher Blogs werden wohl nicht von Leuten gesehen oder gelesen, die normalerweise in die Zeitung gucken oder auch im Internet Presseerzeugnisse studieren, will ich mal unterstellen.

Welche Maßnahmen würden Sie Wissenschaftlern zur weiteren Verbesserung ihres Images noch vorschlagen?

Wichtig ist, dass sie wahrhaftig kommunizieren. In der Vergangenheit hat man in den Kontroversen häufig die Unterstellung beobachtet, dass die Öffentlichkeit nicht verstehe, worum es geht und dass sie belehrt werden müsse. Oder es gab auch die Anmaßung, alles besser zu wissen. Das sind Einstellungen, von denen man inzwischen weiß, dass sie nicht funktionieren und dass sie eben auch das Vertrauen gegenüber Experten stören und unterminieren.

Im Grunde genommen müssen Wissenschaftler, die als Experten auftreten, deutlicher machen, dass auch ihr Urteil fehlbar ist, und sie müssten stärker argumentativ auftreten. Experten können das öffentliche Meinungsspektrum durch Wissen erweitern und ergänzen, nicht verengen oder gar ersetzen.

Aber es gibt immer zwei Seiten. Auch die Medien müssen lernen, wie mit der Wissenschaft umzugehen ist. Ein schlechtes, aber mittlerweile leider übliches Verfahren ist, dass sich Medien den O-Ton des Experten holen für eine Meinung, die sie selber verbreiten wollen. Darüber klagen viele Wissenschaftler. Das heißt, die Medien instrumentalisieren den Experten eigentlich nur, um ihre eigenen Vorstellungen zu untermauern.

Herr Professor Weingart, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.