Die Nachrichten dieser Tage erwecken den Eindruck, dass immer öfter mehr oder weniger bekannte Infektionskrankheiten ausbrechen und sie sich weiter auf der Welt verbreiten. Fast eine Million Menschen haben sich in der Karibik innerhalb von elf Monaten mit dem Chikungunya-Virus infiziert; mehr als 5000 Menschen sind in Westafrika an Ebola bereits gestorben – die "emerging infectious diseases" machen Schlagzeilen. Und tatsächlich hat eine Studie vor Kurzem [1] ergeben: In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Krankheitsausbrüche in der Welt drastisch erhöht; und zugleich ist auch die Vielfalt der Krankheiten gestiegen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Land Menschen infizieren.

Die globale Trenddatenbank

Von ähnlichen Trends berichteten Forscherteams schon früher, aber jene Studien bezogen sich oft nur auf ein paar wenige Erkrankungen oder auf eine bestimmte Region der Welt. Diesmal hingegen ist die Datenbasis so umfassend wie noch nie: Forscher der Brown University in den USA griffen auf das Netzwerk "Global Infectious Disease and Epidemiology Network" (GIDEON) [2] zurück. Dort werden seit Jahren Berichte und Fachaufsätze über Ausbrüche gesammelt, etwa von der Weltgesundheitsorganisation und aus Literaturdatenbanken. Allerdings kommen die ursprünglichen Berichte eher selten als reine Tabellen voller Zahlen daher, sondern vielmehr als Texte. Um die Zahlen automatisch aus den Dokumenten herauszufiltern und zusammenzutragen, entwickelten nun Forscher um die Biologin Katherine Smith eine – wie sie es selbst nennen – "Bioinformatikpipeline". Hinzu kamen Geodaten und noch mehr Informationen. Schließlich entstand eine bislang einzigartige Datenbank: Sie erfasst 12 102 Ausbrüche von 215 Infektionskrankheiten, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 in 219 Ländern stattgefunden und rund 44 Millionen Menschen betroffen haben.

Zahl der Zoonose-Ausbrüche seit 1980
© Brown University
(Ausschnitt)
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"Diese neue Datenbank ist eine kleine Goldgrube. Nun muss man das Gold schürfen", sagt der Epidemiologe Hans-Hermann Thulke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) [3] in Leipzig. Smith und ihr Team haben im "Journal of the Royal Society Interface" auch bereits erste Analyseergebnisse [4] vorgelegt: Vor allem Erkrankungen, bei denen ein Tier den Erreger auf Menschen überträgt, treiben die Statistik voran: Diese Zoonosen haben 56 Prozent der Ausbrüche verursacht und 65 Prozent der insgesamt registrierten Krankheiten ausgemacht. Und während es in den Jahren zwischen 1980 und 1985 knapp 1000 außergewöhnliche Ausbrüche gab, waren es im Zeitraum 2005 bis 2010 dreimal so viele außergewöhnliche Epidemien.

Allerdings ergab die Studie auch: "Selbst wenn wir auf dem Globus mehr Ausbrüche von mehr Krankheitserregern sehen, so neigen sie doch auch dazu, einen kleiner werdenden Anteil der Weltbevölkerung zu betreffen." Sprich: Heutzutage sind im Gesamtdurchschnitt weniger Menschen von einer bestimmten Epidemie betroffen als früher. Die Forscher führen diese Entwicklung darauf zurück, dass mittlerweile Infektionskrankheiten besser vorgebeugt wird, dass Ausbrüche früher erkannt und leichter eingedämmt werden und dass die Behandlung verbessert wurde.

Die Ebolaausbrüche in Uganda in Ostafrika [5] veranschaulichen diese globalen Trends. 1976 war in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, das allererste Mal ein Ebolaausbruch erkannt und das Virus identifiziert worden. Im Jahr 2000 gab es dann erstmals in Uganda eine Ebolaepidemie, und zwar im Westen des Landes, wenige hundert Kilometer entfernt von Gebieten, wo in den Jahren zuvor das hämorrhagische Fieber mehrfach aufgetreten war. Mindestens 425 Menschen infizierten sich in Uganda seinerzeit mit dem Ebolavirus, 224 von ihnen starben. Bei diesem ersten Ausbruch in Uganda waren die Gesundheitsbehörden überfordert; aus Krankenhäusern flohen Personal und Patienten; Ebolakranke wurden von ihren Familien versteckt, gepflegt, bestattet, so dass sich Angehörige selbst ansteckten. Nach wenigen Monaten war der Ausbruch zur größten Ebolaepidemie in der offiziellen Statistik geworden – und ist es bis jetzt gewesen: Bei der aktuellen Epidemie in Westafrika haben sich innerhalb rund eines Jahres mindestens 16 000 Menschen mit dem Ebolavirus infiziert; mehr als jeder Dritte von ihnen ist gestorben. In der Zwischenzeit – von Ugandas erstem Ausbruch bis heute – wurden in Uganda noch vier weitere Ausbrüche erkannt. Diese waren aber bei Weitem nicht so fatal wie die erste Ebolaepidemie in dem Land: Einmal bestand der Ausbruch aus einem einzigen Menschen, der sich infiziert hatte und starb.

Mehr Ausbrüche, weniger Betroffene

Möglich geworden ist das aus verschiedenen Gründen: Ein Frühwarnsystem war alsbald aufgebaut worden – vom Präsidenten bis zum Dorfführer hielten alle nach Menschen mit Ebolasymptomen Ausschau, und Verdachtsfälle wurden schneller isoliert, um Ansteckungen zu vermeiden. Das Uganda Virus Research Institute wurde erweitert und die US-Seuchenschutzbehörde CDC baute ein zusätzliches Hochsicherheitslabor in Uganda auf, so dass seitdem Proben innerhalb des Landes auf Ebola getestet werden können und nun ein Ergebnis nach spätestens zwei, drei Tagen vorliegt, statt dass Proben zunächst ins Ausland geschafft werden müssen und erst nach zwei, drei Wochen die Diagnose kommt. Außerdem erinnerten Radio- und Fernsehsender auch in ebolafreien Zeiten immer wieder an dieses tödliche hämorrhagische Fieber. Hingegen waren die westafrikanischen Länder Guinea, Liberia und Sierra-Leone nicht auf Ebola vorbereitet: Das Virus war dort noch nie aufgetaucht; es konnte sich zunächst wochenlang unbemerkt ausbreiten und erzeugte mehrere Ausbruchsherde hunderte Kilometer vom "Patienten Null" entfernt; und die eh schon schwachen Gesundheitssysteme in diesen Ländern kollabierten daraufhin.

Aus der neuen Epidemiendatenbank hätte man sicher nicht ablesen können, dass Ebola in Westafrika [6] auftaucht und solch eine verheerende Epidemie auslöst. Dabei gibt es durchaus einige Indikatoren, um Hotspots von neuen Infektionskrankheiten ausfindig zu machen. Zum Beispiel: Je mehr verschiedene Organismen und Keime es gibt, umso mehr verheerende Kombinationen und somit Krankheiten können sich ergeben. In den tropischen Gebieten von Afrika ist die Biodiversität besonders hoch, sagt Thulke vom Zentrum für Umweltforschung, weswegen es ihn nicht wundert, dass neue Infektionskrankheiten dort auftauchen. Und die Biogeografin Katherine Smith weist daraufhin, dass Krankheitserreger öfter von Tieren auf den Menschen überspringen – auch neue Erreger –, weil Menschen und Tiere noch nie so oft so engen Kontakt hatten wie heute, etwa weil Menschen Wälder roden und so in den Lebensraum von wild lebenden Tieren eindringen. "Diese Verbindungen ermöglichen es, dass Krankheitserreger den Wirt wechseln, Grenzen überwinden und neue Stämme schaffen, die stärker sind als jene, die wir in der Vergangenheit gesehen haben." Und schon lange warnen Experten davor, dass der Klimawandel zum Beispiel dazu führen kann, dass die Anopheles-Mücke in Zukunft in Südeuropa leben könnte und somit Malaria sich ausbreiten könne.

Im Prinzip lassen sich so Hotspots bestimmen, wo bis dahin noch nicht aufgetretene Infektionskrankheiten neu auftauchen können. Allerdings: Wann und wo genau das passiert und mit welchem Erreger, das ließe sich nicht exakt voraussehen, sagt Thulke vom UFZ Leipzig. "Kollegen haben sich zum Beispiel auch sehr lange mit der Vogelgrippe beschäftigt – und trotzdem hat niemand vorhergesagt, dass sie in diesem Jahr im Herbst gerade in Großbritannien, in den Niederlanden und in Deutschland auftritt."

Umso wichtiger wird wohl die Überwachung – Surveillance: Das Wort beschreibt Überwachungsmechanismen, die Krankheitsausbrüche frühzeitig erkennen und an bestimmte Stellen wie Gesundheitsministerien melden. Projekte wie das Global Outbreak Alert and Response Network [7] der Weltgesundheitsorganisation und die Website healthmap.org hätten einen wichtigen Effekt, schreibt die Biogeografin Smith im Fachartikel zur Epidemiendatenbank: Das Verständnis davon, wie neue Infektionskrankheiten auftauchen und sich ausbreiten, beruhe nun weniger auf Anekdoten als vielmehr auf Analysen. Allerdings warnen die Forscher: "Auch wenn die Überwachungsmöglichkeiten für die Volksgesundheit stark verbessert wurden, so bleiben sie doch beschränkt und fragmentiert und decken die Welt ungleichmäßig ab."

Wenn genauer, öfter und in mehr Gegenden der Welt hingeschaut wird, dann wird man auch noch mehr Ausbrüche zählen als bislang, und man wird auch bislang unbekannte Erreger entdecken. Insofern tauchen neue Infektionskrankheiten nicht nur in der Welt auf und breiten sich aus, sondern sie kommen zunehmend auch in der öffentlichen Wahrnehmung zum Vorschein, sagt der Zoonosenexperte Thulke: "Es gibt ein höheres Forschungs- und Publikationsinteresse in der Wissenschaft, ein größeres Interesse der Öffentlichkeit an Nachrichten in den Medien, einen gestiegenen Wissensbedarf auf Ebene der Entscheider." Es gebe nur ein Problem, sagt Thulke: Es sei typisch, dass Seuchen, die Tiere oder Menschen bedrohen, eine überdurchschnittlich hohe Betroffenheit bei den Menschen erzeugen – während Weltprobleme wie der Klimawandel nicht als derart bedrohlich empfunden würden. Der Forscher gibt deswegen zu bedenken: "Die erwarteten Klimaänderungen werden das Vorkommen und die Verbreitung der Erreger von Infektionskrankheiten ändern." Das könne man schon heute beobachten. Trotzdem machen die globale Erwärmung und deren Folgen wohl nicht so viel Angst wie die Epidemien.