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Seebeben: Zerschmetterte Ökosysteme

Das katastrophale Seebeben im Indischen Ozean am 26. Dezember 2004 kostete weit über 150 000 Menschen das Leben und machte mindestens zwei Millionen Küstenbewohner obdachlos. Unbeachtet blieben dagegen bislang weitgehend die ökologischen Schäden: Ihre Auswirkungen könnten die Bevölkerung aber noch über Jahrzehnte benachteiligen.
Küstenschäden nach Tsunami
Angesichts des vielfachen menschlichen Leids in den Katastrophengebieten Asiens gilt der Versorgung der betroffenen Opfer natürlich auch weiterhin die oberste Priorität. Mittlerweile rücken jedoch ebenso die ökologischen Schäden des Seebebens und der anschließenden Tsunamis zunehmend in den Fokus der Experten. Wie der Wiederaufbau der Infrastruktur wird die Erholung und Restaurierung der Ökosysteme die Bevölkerung in den nächsten Jahren beschäftigen.

Die größten Sorgen von Naturschützern und Ökologen gelten den Mangroven und Korallenriffen der Region. Sie litten gerade in der jüngeren Vergangenheit unter Abholzung und Überfischung. Mangroven mussten zunehmend Häfen und vor allem Garnelenzuchtanlagen Platz machen. Thailand etwa verlor seit 1960 die Hälfte seiner Gezeitenwälder. Dabei dienen sie einer Vielzahl an Fischarten als Kinderstube und schützen die hinter ihnen liegenden Küstenbereiche vor Sturmfluten.

Erste Berichte aus Indien und Malaysia bestätigen denn auch diese Schutzfunktion: Regionen wie Pichavaram und Muthupet im indischen Tamil Nadu oder Teile der malaysischen Insel Penang, die noch ausgedehnte Mangrovenbestände aufweisen, kamen relativ glimpflich davon und mussten nur wenige Todesfälle beklagen. Direkt daneben liegende Gebiete ohne diese Schutzstreifen wurden dagegen ungleich härter getroffen – so etwa Car Nikobar in den Nikobaren oder Cuddalore in Tamil Nadu.

Wie ein Puffer nehmen die Mangroven die Wucht der Wellen – und Stürme – auf und lassen sie nur gedämpft das Hinterland erreichen, denn ihre typischen Baumarten sind sehr fest im Boden verwurzelt und überaus flexibel, brechen also nicht so leicht ab.

Auch Korallenriffe absorbieren einen Teil der kinetischen Energie von Wellen und bremsen sie somit ab. Intakte Bestände leisten diese Arbeit natürlich viel besser als durch Klimawandel, Massentourismus oder Überfischung geschwächte.

Während aber die Mangroven relativ widerständig sind und sich bei unbeeinflusster Entwicklung schnell erholen dürften, reagieren Korallenriffe sehr empfindlich auf massive Einflüsse wie einen Tsunami und benötigen unter Umständen Jahrhunderte, um sich wieder zu regenerieren. Neben mechanisch entstandenen Schäden durch Abreißen oder Zertrümmern der Korallen machen ihnen vor allem die Bedeckung durch in das Meer gespülte Sedimente zu schaffen, welche die Organismen ersticken.

Sowohl die Mangroven als auch die Riffe bilden den Grundstock der lokalen Fischerei. Beide Ökosysteme werden von vielen Fischarten oder Krustentieren zur Eiablage aufgesucht, und die Jungtiere wachsen dort auch auf. Durch die Zerstörungen dürfte es folglich in naher Zukunft zu einem weiteren Rückgang an verwertbaren Meerestieren kommen und sich die Ernährungs- und Finanzsituation der dörflichen Bevölkerung verschlechtern. Natürlich hat die Vernichtung der Riffe auch nachteilige Konsequenzen für den Tauchtourismus, der eine weitere Einnahmequelle für die Küstenbewohner bedeutet.

Die gewaltigen Kaventsmänner nach dem Beben entfachten zudem einen extrem starken Untersog, als sie sich nach ihrem Zerstörungswerk wieder in das Meer zurückzogen. Dabei rissen sie nicht nur weitere tausende Opfer mit sich, sondern saugten regelrecht ganze Strände in die Weiten des Ozeans. Dort trüben sie die küstennahen Gewässer und bedecken schließlich die Korallen. Vom Verlust der Sandflächen sind auch Meeresschildkröten stark betroffen, denn sie verloren viele Eiablageplätze – Bestandseinbrüche können zukünftig nicht ausgeschlossen werden.

Es ist aber nicht nur der unmittelbare Küstenbereich getroffen, selbst weiter im Landesinneren gelegene Wälder und Sümpfe könnten Schäden davon getragen haben. Die Wucht der Wellen trieb Salzwasser teilweise kilometerweit in das Land hinein und schädigte nicht daran angepasste Pflanzen und Tiere. Vor allem auf den flachen Inseln der Andamanen und Nikobaren steht zukünftig ein Waldsterben zu befürchten, denn hier hat salziges Wasser das süße teilweise verdrängt.

Noch nicht absehbar sind die indirekt durch die Tsunamis verursachten Schäden durch Kontaminationen mit Chemikalien und Ölprodukten, die Verschmutzung des Meeres durch die Unmengen an Müll, der in das Wasser gespült wurde, oder die Vielzahl an Fischnetzen, die jetzt unkontrolliert durch den Indischen Ozean treiben und Meeresschildkröten, Delphine und Seevögel ertränken.

Auch die ohnehin bereits dezimierten Regenwälder der Region könnten im Nachhinein weitere Ausdünnung erleiden. Da viele Häuser und Hotelanlagen zerstört wurden, muss eine große Zahl an Gebäuden neu errichtet werden, und Holz stellt das billigste Baumaterial in den betroffenen Gebieten dar. So hat die indische Regierung bereits eine sechs Monate währende Aufhebung des Rodungsstopps auf den Andamanen erlassen, um dort Häuser neu zu bauen oder zu renovieren.

Indonesische und indische Regierungsstellen planen zudem eine Umsiedelung betroffener Küstenbewohner in höher gelegene, aber noch bewaldete Regionen, was weitere Rodungen auslösen würde. Auf den indischen Andamanen könnte dies zudem die dort ansässigen indigenen Bevölkerungsgruppen bedrohen.

Im Zuge des Wiederaufbaus wäre es allerdings auch möglich, einige ökologische Schäden aus der Vergangenheit wieder gutzumachen. Viele der zerstörten Garnelenzuchtanlagen könnten etwa erneut – gegen Entschädigung der Eigentümer – in vitale Mangroven umgewandelt werden: Zum neuen Kindergarten für Fische und vor allem zum Schutze der Küste.

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