Im Jahr 1984 gelangte der deutsche Wald auf die Intensivstation: Der erste Waldschadensbericht der damaligen Bundesregierung machte die Öffentlichkeit sensibel für Stichwörter wie Kronenverlichtung, übersäuerte Böden und sauren Regen. Die Bäume galten auf rund 50 Prozent der Waldfläche – das entspricht vier Millionen Hektar – in ihrer Vitalität geschwächt oder geschädigt, Tendenz steigend. Wären die düsteren Zukunftsprognosen von damals wirklich eingetroffen, könnten sie ein heutiges Gespräch über den deutschen Wald nur noch in leisem Plusquamperfekt zulassen.

Doch wir können laut im Präsens reden, Gott sei dank. Üppig grün wogt der Patient quer durch die Republik und breitet sich laut Forststatistik jährlich um etwa 100 Quadratkilometer weiter aus. Ein besorgter Blick in die Kronen zeigt immer noch lichte Stellen, doch die früheren Erklärungsansätze für diese Beobachtung sind heute so nicht mehr haltbar. Waldschäden haben ein komplexes Ursachenbündel, das nicht leicht zu entwirren ist.

Irreversible Schäden durch Luftschadstoffe

Sicher ist: Der Wald wurde regional – wie die Fichten an den windexponierten Westhängen des Erzgebirges dramatisch zeigten – schwer und teilweise irreversibel durch Immissionen von Heizkraftwerken geschädigt. Seit Beginn der Industrialisierung gelangen wesentlich mehr Säuren als Basen in die Luft und verändern den pH-Wert der Atmosphäre nachhaltig. Die in diesem Zusammenhang wichtigen Schwefel- und Stickoxide lösen sich in Wassertropfen oder bilden Aerosole und fallen schließlich als "saurer Regen" auf die Wälder. Böhmische Bäume traf es hart, dort wurde Regen mit pH-Werten um 4,3 gegenüber dem Regenwasserstandard von 5,6 gemessen.

Waldschäden im Böhmerwald
© Claudia Heß
(Ausschnitt)
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Und doch kann die Ursache für dieses Fichtensterben, das als eine der Galionsfiguren des Waldsterbens durch die Medien wanderte, nicht die Pauschaldiagnose für alle auffälligen Baumveränderungen sein. Rauchschäden an Fichten gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ohne dass der Wald damals als sterbend erklärt wurde. Überdies wachsen die Fichten im Erz- oder Fichtelgebirge seit der Modernisierung oder Stilllegung der tschechischen und ostdeutschen Kohlekraftwerke wieder, wenn auch mit Kalkungshilfen und neuer Sortenauswahl.

Der Münchner Forstbotaniker Otto Kandler verglich in den 1980er Jahren Baumfotos aus alten Forstberichten mit nunmehr geltenden Schadensbildern. Was damals als guter Zustand galt, so fand Kandler, wurde jetzt als "sterbender Wald" beurteilt. Hatte sich die Wahrnehmung verändert, und woher kam das plötzliche öffentliche Interesse?

Zukunftsängste bestimmten das Handeln

Im Jahr 1980 traf die Umweltstudie "Global 2000" mit ihren niederschmetternden Zukunftsprognosen zur fortschreitenden Ressourcenverknappung und Umweltzerstörung mitten in das Herz des damaligen Zeitgefühls. In zahlreicher Form rückte die Natur in den Fokus der Wahrnehmung, der erste Waldschadensbericht und besonders der emotional belegte Begriff "Waldsterben" machte sofort in breiter Öffentlichkeit die Runde.

Die Fülle der in den Folgejahren initiierten Forschungsaktivitäten und auch die Summe der dafür bereit gestellten Gelder belegen deutlich die dem Thema zugebilligte Wichtigkeit. Politisch bewegte das "Waldsterben" auch etliches: Die Einführung des "dualen Systems", der Mülltrennung zum Zweck der Wiederverwertung bisherigen Abfalls, wurde massiv vorangetrieben. Müllverbrennungsanlagen galten damals als Hauptsünder bei Luftschadstoffemissionen, und deren Verwendung sollte durch die getrennte Müllsammlung reduziert werden.

Doch genau so wie sich bis jetzt keine der damals in den Raum gestellten und intensiv untersuchten Waldschadenshypothesen als richtig herausstellen konnte, steht auch das duale System mittlerweile unter massiver Kritik. Etliche aufgedeckte Missstände, wie der Export und die Entsorgung von "gelben Säcken" ins europäische Ausland, lassen die theoretisch gute Idee der Mülltrennung heute in einem sehr schlechten Licht erscheinen. Auch scheint ein solches Projekt in großem Stil einfach nicht durchführbar zu sein. Viele Bürger nutzen trotz Aufklärung den gelben Sack als Müllbeutel mit entsprechendem Inhalt, und das Ganze wandert dann doch mit erheblichen Zusatzkosten auf die Deponie oder in die Verbrennung. Doch zurück zum Wald:

Differenzierte Betrachtungen

Die Beurteilung der Kronenverlichtung beruht bei den bis heute durchgeführten jährlichen Waldschadensberichten auf Vergleichen der beobachteten Verlichtung mit einem angenommenen fiktiven Normalzustand. Es werden zusätzlich noch Blatt- und Nadelvergilbungen berücksichtigt, bei der Buche auch Verzweigungsanomalien. Jörg Ewald und seine Kollegen von der Fachhochschule Weihenstephan fanden 1998 in einem Kalkalpen-Bergwald weit weg von industrieller Nutzung Kronenverlichtungen von rund 25 Prozent bei knapp der Hälfte der untersuchten Fichten und 40 Prozent der Buchen.

Waldsterben? Nein, sagen die Forscher. Der Kronenzustand sei in erster Linie vom Karbonatgehalt des Bodens abhängig, der wiederum die Verfügbarkeit von Stickstoff, Phosphor und Mangan steuert sowie – vom Alter der Bäume. Je älter, je lichter; und zusätzlich machen den Bäumen auch noch andere natürlich auftretende Stressoren wie etwa Trockenheit zu schaffen, so Ewald.

Auf kalkhaltigen Standorten kann also Entwarnung für die Bäume gegeben werden; ein allgemeiner Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Kronenverlichtungen kann hier nicht erbracht werden. Das Maß der Kronenverlichtung hängt schlicht von natürlichen Standortbedingungen ab. Für regionale Zusammenhänge wie die schon erwähnten Rauchschäden an Fichten gilt diese Aussage natürlich nicht.

Und wie sieht es auf kalkarmen Standorten aus? Der Säureeintrag von oben stört hier die sowieso geringe Neutralisationsfähigkeit des Bodens empfindlich und entzieht basische Nährstoffe wie Kalzium, Kalium und Magnesium. Fällt der Boden-pH-Wert unter eine bestimmte Grenze, lösen sich schließlich auch Aluminium- und Schwermetallionen aus ihren Verbindungen. Sie gelangen zusammen mit den Stickstoff- und Schwefelverbindungen aus der Luft in die Grund- und Oberflächenwässer und schließlich in die Nahrungskette. Das wurde und das wird gemessen. Aber auch hier starb bisher kein Wald den Säuretod. Das Absurde sogar: Die Bäume reagieren zumindest auf die Stickstoffladung mit verstärktem Wachstum und mit sattgrünem Blatt- oder Nadelkleid. Die Forstwirtschaft freut sich seit geraumer Zeit über einen höheren Holzertrag pro Fläche. Wo ist da der Haken?

Stickstoff im Fokus

Seit 1985 sind Schwefeloxide, Hauptverursacher der beobachteten Rauchschäden in den 1980er Jahren, durch den Einbau von Katalysatoren und Filtern stark reduziert worden. Wie sieht es aber mit dem Stickstoff aus? Langzeitmessungen des Umweltbundesamts zeigen auch hier eine Abnahme, jedoch längst nicht in gleichem Maß wie beim Schwefel. Ammoniak gelangt heute überwiegend durch intensive Landwirtschaft in die Luft, bei Stickoxiden ist der Verkehr die Hauptquelle.

Zu dem Stickstoffeintrag aus der Luft addiert sich aber noch eine Großfracht aus der Landwirtschaft in Form von Dünger, der ebenfalls mit dem Regen in die Grund- und Oberflächenwässer gelangt und dort vor allem hohe Nitrat- und Aluminiumwerte verursacht. Die Stoffe reichern sich in der Nahrungskett an, die Trinkwasserqualität nimmt ab. Und davon betroffen sind nicht mehr in erster Linie die Bäume, sondern Fleischfresser am Ende der Nahrungskette, unter anderem – wir.

Weiter unter Beobachtung

Ein Waldsterben per se hat es wohl beim heutigen Wissenstand nicht gegeben. Doch die Akte einfach zuzuschlagen, wäre auch zu einfach. Beobachtungen und Messungen hier zu Lande werden nicht zuletzt durch massive waldbauliche Maßnahmen wie Kalkungen, neue Sortenauswahl und Herausschlagen von schwachen Bäumen abgeschwächt oder falsch interpretiert.

Außerdem fehlen bisher durch die für das langlebige Ökosystem Wald zu kurze Erhebungszeit wirklich aussagekräftige Daten. Ein verringertes Tiefenwachstum der Wurzeln und damit eine geringere Sturmresistenz der Bäume könnte zwar mit saurem Untergrund zusammenhängen – der Beweis hierfür steht jedoch noch aus. Und auch das derzeitige üppige Wachstum bietet nicht Anlass zu uneingeschränkter Freude: Der Wald entfernt sich von einem gesunden Stabilitätszustand, in dem er bisher durch die unter natürlichen Bedingungen nur begrenzt zur Verfügung stehende Nährstoffmenge gehalten wurde. Was das mittel- und langfristig für Folgen hat, kann noch niemand sagen. Der Patient verdient also weiterhin unsere Aufmerksamkeit.

Und auch er selbst ist immer wieder für Überraschungen gut: Bäume auf stark sauren Standorten scheinen wohl eine neue Nährstoffquelle für sich aufgetan zu haben, wie Ernst Hildebrand und sein Team von der Freiburger Universität herausgefunden haben. Simple Steine im Erdreich sind es, denen sie mit Hilfe ihrer Symbiosepartner, den Mykorrhizapilzen, die vermissten Ionen entlocken. Das hat bisher kein Modell vorhergesagt.