Längst sollten große Gebiete des Nordpolarmeers zugefroren sein, doch das Gegenteil ist der Fall: Laut den Daten der CryoSat-Satelliten der ESA bedeckt Meereis eine der geringsten Flächen seit Beginn der modernen Aufzeichnungen – selbst die Minusrekorde aus dem Jahr 2011 und 2012 werden wohl noch unterboten. Der Eiszuwachs in der Arktis liegt mindestens ein Zehntel unter dem langjährigen Durchschnitt. Ende September betrug die gesamte von Eis bedeckte Fläche 4,1 Millionen Quadratkilometer und damit nur wenig mehr als im bisherigen Minusrekordjahr 2012. Immerhin war das verbliebene Eis mit 116 Zentimetern Durchmesser im Mittel dieses Jahr etwas dicker als in den Vorjahren, so dass ein größeres Volumen vorhanden war. Im November wächst dieses Volumen normalerweise durchschnittlich um 161 Kubikkilometer pro Tag, doch 2016 bildet davon eine Ausnahme: Wegen anhaltend zu milder Bedingungen für die Jahreszeit und Region gefriert weniger Wasser, und das Eis legt täglich nur um 139 Kubikkilometer zu.

Das Eis konzentriert sich zudem vor allem auf die zentralen Gebiete der Arktis, während große Teile am Südrand in der Kara- und Beaufortsee sowie vor Zentralsibirien noch eisfrei oder nur schwach zugefroren sind. "Normalerweise nimmt das Meereis rasch zu, nachdem es seine minimale Ausdehnung im September erreicht hat und der Herbst beginnt. Doch dieses Jahr fällt das Wachstum fiel langsamer aus, als wir erwartet haben – wahrscheinlich weil der arktische Winter bislang ungewöhnlich warm ist", sagt Rachel Tilling vom britischen Centre for Polar Observation and Modelling, die mit ihrem Team die Daten von Cryosat auswertet. "Weil Cryosat mit seiner Lasermessung auch die Eisdicke im Herbst erfasst, können wir mittlerweile deutlich genauer sagen, wie es dem Eis während des Sommers ergangen ist", so die Wissenschaftlerin – denn die reine Fläche ist nur eines der Kriterien, die den Wandel in der Arktis verdeutlichen. In den letzten Jahrzehnten ging nicht nur die gesamte Eisfläche zurück, gelitten hat vor allem das mehrjährige Eis, das besonders dick ist und normalerweise nicht einfach während eines einzigen Sommers taut. Gerade dieser Verlust lässt Polarforscher vermuten, dass die Arktis in naher Zukunft während des Sommers komplett eisfrei sein wird und nur noch während des Winters in Teilen zufriert – mit nicht absehbaren Folgen für das Weltklima und die regionalen Ökosysteme.