"Ich möchte diesen ersten Raumflug den Menschen des Kommunismus weihen, der Gesellschaft, in die unser sowjetisches Volk bereits eintritt und in die, davon bin ich überzeugt, alle Menschen der Welt eintreten werden." Mit diesen patriotischen Worten hatte Juri Gagarin seine Ansprache beendet – kurz bevor er den Aufzug zu der kleinen Kapsel an der Spitze der fast 40 Meter hohen Rakete bestieg. Wenn man den blumigen Ausführungen in seinem Buch "Der Weg in den Kosmos" glaubt, das wohl nicht von ihm geschrieben wurde, sondern von Journalisten der "Prawda", dann waren es wirklich nicht die eigenen Befindlichkeiten angesichts dieser epochalen Mission, die Gagarin an diesem denkwürdigen Mittwoch umtrieben. Stattdessen war er beseelt von sozialistischer Dankbarkeit. Selbst während seines Flugs im All war er demnach "eins mit seinem Volk". Oder seine Gedanken weilten bei den unbekannten Ingenieuren, deren komplizierte Raketentechnik "mit der Präzision der Kremluhr" funktionierte. Während er in dem Raumschiff "Wostok 1" (russisch: Osten) mit fast 28 000 Kilometer pro Stunde über seine russische Heimat sauste, verzehrte er sich in "heißer Sohnesliebe für dieses Land", das den "Staub der alten Welt abgeschüttelt und sich zu seiner Riesengröße aufgerichtet hat, um auf dem von Lenin gewiesenen Weg voranzuschreiten".

Auf dem Weg zum Start
© NASA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAuf dem Weg zum Start
Mit dem Bus wird Juri Gagarin zur Startrampe seines Raumschiffs "Wostok 1" gefahren. Hinter ihm sitzt der Ersatzpilot German Titov. Es gibt Gerüchte, wonach er der geeignetere Kosmonaut gewesen wäre. Auf Grund seines ziemlich unrussischen Vornamens habe er aber nur die Nummer zwei sein dürfen.
Immerhin: Nach dem Start stieg sein Puls dann doch noch auf den eines Joggers. Ein bisschen aufgeregt wird er angesichts des Höllenritts also doch gewesen sein. Tatsächlich verlief der Start vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur wie am Schnürchen. Nach und nach zündeten die drei Raketenstufen, und auch wenn diese ihn mit seinem fünffachen Gewicht in den Sitz pressten, fühlte sich Gagarin stets wunderbar. Allenfalls mit dem Reden tat er sich angesichts der Belastung mitunter etwas schwer. Nach 676 Sekunden dann: plötzliche Stille. In knapp 200 Kilometer Höhe war die letzte Raketenstufe abgesprengt worden, die das Raumschiff auf seine endgültige Umlaufbahn gebracht hatte. "Ich saß nicht, lag nicht, sondern schwebte im Raum." Sein Bleistift flog davon. "Es war wie ein Traum." Als draußen die weite, von der Morgensonne beschienene Landschaft Sibiriens vorbeizieht, rief er: "Wie herrlich!". Später schrieb er: "Doch das Wort blieb mir in der Kehle stecken. Meine Aufgabe war, kurz und sachlich zu informieren, und keineswegs, mich meiner Begeisterung hinzugeben." Um 9.52 Uhr überflog er Kap Hoorn. "Flug verläuft normal, fühle mich gut", funkte er zur Erde. Immer wieder musste er die Rollos schließen, weil die Sonne hier eine "wahrscheinlich dutzend-, wenn nicht hundertmal stärkere Leuchtkraft hat als auf der Erde". Unterdessen spielte ihm die Moskauer Bodenkontrolle "Amurwellen" in die Kabine – eines seiner Lieblingslieder.

Um 10.15 Uhr erreichte er Afrika – und den Anfang vom Ende seiner Reise. Und dann passierte es: Kurz nach der Zündung der Bremsrakete kam es zu einem ernsten Zwischenfall. Eigentlich hätte sich in diesem Moment die kugelförmige Landekapsel vom Rest des Raumfahrzeugs lösen müssen, doch die Trennung erfolgte nicht vollständig – beide Komponenten blieben zunächst durch eine Reihe loser Kabel miteinander verbunden. Die Kapsel begann, sich unkontrolliert zu drehen. Gagarin verlor zwar die Orientierung, nicht aber die Nerven. Nach Hause funkte er, alles laufe normal, in seinem Buch heißt es gar, dass er schallend sein Lieblingslied "Die Heimat hört, die Heimat weiß" sang. So oder so: Am Ende ging alles glatt. In 7000 Meter Höhe öffnete sich der Hauptfallschirm, wenig später sprengte sich Gagarin planmäßig mit seinem Schleudersitz aus der Kapsel und landete um 10.55 Uhr – eine Stunde und 48 Minuten nach seinem Start – auf einem Acker rund 500 Kilometer östlich von Dnipropetrowsk. "Gut Freund, Genossen, gut Freund!", rief er den Bauern zu, die ihn gleich erkannten und "umarmten und küssten wie Brüder".

"Durch Ihre Heldentat haben Sie unserem Heimatlande großen Ruhm gemacht", lobte ihn wenig später Staatschef Nikita Chruschtschow, während US-Präsident John F. Kennedy nach dem "Sputnikschock" von 1957 im Wettlauf um den ersten Menschen im All nun eine weitere Niederlage einstecken musste. Niemand sei an diesem Tag so müde wie er, sagte er einem Journalisten. Es werde wohl einige Zeit dauern, bis die Sowjetunion eingeholt werden könne. Tatsächlich vergingen gut acht Jahre, bis Neil Armstrong am 21. Juli 1969 den Mond betrat – und die Sowjetunion den großen Wettkampf des Kalten Kriegs am Ende doch verlor. Gagarin erlebte das nicht mehr. Er kam am 27. März 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

PS: Auf dem Weg zur Startrampe hatte Juri Gagarin übrigens den Bus anhalten lassen – um sich in letzter Minute vom Druck seiner Blase zu erleichtern. Seither pinkeln alle Kosmonauten und Astronauten kurz vor dem Start in Baikonur in seinem Gedenken an die Busreifen.