Bis wann führte die WHO Homosexualität als Krankheit?

a) niemals
b) 1948
c) 1969
d) 1992
e) bis heute

Antwort:

Im ICD-Katalog der WHO war Homosexualität bis 1992 als eigene Krankheit erfasst.

Erklärung:

In der Antike wie auch in vielen anderen Kulturkreisen galt und gilt gleichgeschlechtliche Liebe weder als moralisch anstößig noch als krankhaft, sondern eher als eine Spielart unverfälschter menschlicher Sexualität. Im europäischen Mittelalter rangierte sie dann aber bald neben anderen angeblich widernatürlichen sexuellen Handlungen unter dem Oberbegriff Sodomie. Über diese ereiferten sich nicht nur die kirchlichen Sittenhüter, sondern auch die weltliche Gerichtsbarkeit.

Auch in der Neuzeit und bis nahe an die Gegenwart heran mussten bei gleichgeschlechtlichen sexuellen Praktiken ertappte Menschen mit Strafverfolgung rechnen. In Deutschland regelte dies der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts als Straftat erfasste. Der Gesetzespassus bestand seit den ersten Tagen des Deutschen Reichs 1871, wurde durch die Nationalsozialisten nochmals verschärft und überlebte auch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Er sah eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren, in "erschwerten Fällen" (§ 175a) sogar bis zu zehn Jahren vor.

1969 schränkte eine erste Reform des Paragrafen das strafbare Delikt dann auf homosexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 21 Jahren ein, in einem zweiten Schritt 1973 dann nur noch gegenüber männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren. Daraufhin sank die Zahl der Verurteilungen stark – abgeschafft wurde die umstrittene Regelung aber erst 1994 im Zuge der Rechtsangleichung mit der ehemaligen DDR.

Die Psychiatrie begann sich Mitte des 19. Jahrhunderts für Homosexualität zu interessieren – der Berliner Nervenarzt Carl Westphal veröffentlichte 1869 einen der ersten wissenschaftlichen Aufsätze zum Thema. Zwar betrachteten nicht alle Psychologen Homosexualität als krankhafte Abweichung, schon Freud war anderer Meinung, dennoch führte sie auch die American Psychiatric Association (APA) bis 1974 in ihrem Krankheitenkatalog.

Auch die 1948 gegründete Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfasst Erkrankungen in einem Katalog, der International Classification of Diseases (ICD). Die ICD führt systematisch Krankheiten und Todesursachen auf und weist ihnen einen bestimmten Kode zu. Mit den ICD-Notationen können Ärzte ihre Diagnosen international verständlich verschlüsseln. In der bis 1992 gültigen neunten Ausgabe der ICD erschien Homosexualität unter dem Klassenkürzel 302.0 als eigene Krankheit. In der folgenden, bis heute geltenden Version ICD-10 tauchte die gleichgeschlechtliche Neigung dann endlich nicht mehr auf.