Was macht den Klang einer Amati, Stradivari oder Guaneri so unverwechselbar?

Cornelia Reichert
a) Lackrezeptur
b) Geheime Porenfüllungen
c) Holzlagerung
d) Fällzeit der Bäume
e) Klima

Antwort:

Sie sind Millionen wert und wahre Klangwunder: die legendären Amatis, Guaneris und Stradivaris aus dem lombardischen Cremona. Schon viele Generationen von Geigenbauern haben versucht, deren Geheimnis zu lüften. Spekuliert wurde über alles, von der Lackrezeptur bis zur Holzlagerung, daher ist eigentlich jede Antwort richtig. Allerdings lässt sich bisher nur die Rolle des Klimas wissenschaftlich begründen.

Erklärung:

Die meisten Gerüchte kursieren über die Methoden von Antonio Stradivari (um 1644-1737). Sein Lack, heißt es, basierte auf geheimer Rezeptur – vielleicht war sie sogar so geheim, dass nicht einmal der Meister selbst sie kannte. Möglicherweise bezog er sie vom ortsansässigen Apotheker, der sich im Gegensatz zum Instrumentenkünstler mit den inzwischen identifizierten Ingredenzien auskannte: Polysacharide und Boraxsalze. Als Chemiekundiger ahnte er vielleicht, dass Boraxsalze Zuckermoleküle zu einem Netz verweben und nebenbei auch Schutz vor Holzwurm bieten. Die wichtigste Lackzutat jedoch soll Jungfrauenurin gewesen sein, was allerdings recht abenteuerlich klingt. Ob's stimmt, hat der große Meister mit ins Grab genommen.

Neben diesem sonderbaren Lack verwendete Stradivari eine eigenartige Porenfüllung: Zwischen Holz und Lack findet sich bei seinen Geigen eine dünne Ascheschicht. Sollte sie das Holz vor Bakterien und Pilzen schützen? Vielleicht. Womöglich beeinflusste sie die Schwingfähigkeit des Holzes, denn auch wenn der Lack buchstäblich ab ist, haben die Stradivaris dieser Welt kaum etwas von ihrem einzigartigen Klang eingebüßt.

Lack hin, Porenfüllung her. Für die meisten Geigenliebhaber macht das Holz die Persönlichkeit und den Klang der Instrumente aus. Und das wurde vor dreihundert Jahren noch geflößt und anders gelagert als heute. Nach einer Reise mit dem Po dümpelte es oft monatelang in der Lagune von Venedig herum und saugte Salze und Mineralien mit dem Wasser auf, die nach dem Trocken im Material blieben. Auch sie werden von Zeit zu Zeit für den cremonesischen Spitzenklang verantwortlich gemacht.

Die Vorliebe für qualitativ bestes Holz hatte Stradivari von seinem Lehrmeister aus der Amati-Dynastie übernommen. Traditionell bestehen der Geigenboden, die Zargen – die gebogenen Holzteile, die Decke und Boden miteinander verbinden – und die Schnecke aus Ahornholz, die Decke aus Fichte oder Rottanne und das Griffbrett, die Wirbel sowie die Saitenhalter aus Ebenholz, Palisander oder Buchsbaum. Manche glauben sogar, Stradivari hätte Holz bereits ausgestorbener Baumarten verarbeitet.

Außerdem soll er stets auf Stämme bestanden haben, die bei Neumond gefällt wurden. Nur eine weitere komische Eigenart einer exaltierten Künstlerseele? Anfang 2003 behauptete Ernst Zürcher von der Hochschule für Architektur, Bau und Holz in Biel, der Mond habe Einfluss auf auf die Holzdichte nach der Trocknung. Neumondholz sei sehr stabil, dichter und fester als Vollmondholz. Ob's stimmt? Manch Geigenbauer jedenfalls schwört darauf beim Traum vom perfekten Klang.
Dabei hätte es der Kraft des Mondes gar nicht bedurft, schließlich zeigten damals sämtliche Hölzer besondere Eigenschaften. Alle Bäume wuchsen extrem langsam und gleichmäßig und besaßen enge Jahresringe - alles wegen schlechten Klimas: Die Cremonenser Hochzeit zwischen 1520 und 1750 fiel in die so genannte Kleine Eiszeit, die besonders Europa vom 14. bis ins 19. Jahrhundert hinein ungewöhnlich kalte Sommer, trockene Winter und jede Menge Missernten bescherte.

Des Bauerns Pech war der Geigenmeister Glück. Denn bei solchen Klimabedingungen überwiegt der Frühholzanteil mit großporigen Zellen mit hauchdünner Zellwand, während sich bei mildem Klima vorwiegend Spätholz mit dicken Zellwänden und kleinem Porenraum bildet. Das damalige Holz hatte also eine niedrige Dichte, war sehr leicht und trotzdem extrem biegesteif - genau so, wie es die virtuosen Handwerker brauchten. Am begehrtesten dürften die Hölzer von Bäumen gewesen sein, die zwischen 1645 bis 1715 gewachsen waren, als es besonders kalt war. Heute ist bekannt, dass in diesen siebzig Jahren die Sonnenaktivität praktisch zum Erliegen kam. Ob das allerdings die niedrigen Temperaturen auslöste, ist nicht sicher.

Gut, Fichten, Tannen und Ahorn wachsen auch in nördlichen Gefilden. Könnten heutige Geigenbauer nicht skandinavische Hölzer verwenden? Leider ist das dortige Holz ein klanglicher Versager, denn es enthält zu viel Harz. Vor dreihundert Jahren kam das Geigenholz aus den Dolomiten, heute aus den Pyrenäen oder den Karpaten. Manchmal schafft es auch nur das beste Holz wie Ahorn aus Bosnien und Tannenholz aus den Alpenländern - gewachsen in Höhen ab 1000 Metern - und Ebenholz von der afrikanischen Dattelpflaume auf moderne Werkbänke.

Bald schon könnte die Suche nach dem richtigen Holz einfacher werden, denn Mitte letzen Jahres entdeckten Materialforscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in St. Gallen Holz zersetzende Pilze, welche die Zellwandzellulose der Hölzer angreifen, dabei deren Dichte reduzieren und so die Schallabstrahlung verbessern ohne gleichzeitig die Biegefestigkeit herabzusetzten. Da sich Nadel- und Laubhölzer unterscheiden, muss man ihnen mit verschiedenen Pilzen zu Leibe rücken. Für Ahorn und Fichte jedenfalls sind schon geeignete Pilzkandidaten gefunden. In etwa zwei Jahren also könnte das erste Pilzholz auf dem Markt sein. Ob dieses Holz tatsächlich klangvollere Geigen liefert, bleibt abzuwarten.

Die beste Mozartgeige ist also immer noch die Große Amati, die Stradivari behält den Ruf der Primadonna, und die Guaneri geht weiterhin als teuerste Geige über den Tisch - und wir lassen uns immer wieder gern von ihnen verzaubern.

Was macht den Klang einer Amati, Stradivari oder Guaneri so unverwechselbar?