Welche dieser Berühmtheiten litt unter dem Tourette-Syndrom?

Daniel Lingenhöhl
a) Kaiser Claudius
b) Napoleon
c) Mozart
d) Samuel Johnson
e) Peter der Große

Antwort:

Möglicherweise litten alle fünf unter dem Tourette-Syndrom.

Erklärung:

Alles begann mit Madame de Dampierre – zumindest die wissenschaftliche Erforschung des so genannten Tourette-Syndroms. Mit sieben Jahren fing die Dame mit unkontrollierten Bewegungen – den Tics – ihrer Arme an, später empörte sie ihre blaublütigen Verwandten und Bekannten durch geschriene Verbalinjurien, die durchweg beleidigenden Inhalts waren oder der Gossensprache entstammten. Immerhin blieb Madame de Dampierre bis ans Ende ihrer Tage nach 86 Jahren in ihren gehobenen Kreisen, ohne verstoßen zu werden.

Ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte ihr zumindest zeitweilig der Arzt George Gilles de la Tourette, ein Neurologe, der schließlich der Krankheit ihren Namen gab. Er beschrieb 1885 als erster wissenschaftlich die Symptome dieser neuropsychiatrischen Störung, deren genauer Auslöser bis heute noch nicht bekannt ist.

Doch bereits vor de la Tourette und seinem Studiensubjekt gab es womöglich zahlreiche Betroffene in der Geschichte der Menschheit. Die erste Erwähnung von typischen Tourette-Symptomen wie Zuckungen, Grimassen, Flüchen oder Gotteslästerungen stammt vom griechischen Arzt und Gelehrten Aretios von Kapadokien, einem späten Schüler von Hippokrates, aus dem Jahrhundert vor Christi Geburt. Kurz darauf machte der römische Kaiser Claudius (10 v. bis 54 n. Chr.) in der Geschichtsschreibung auf sich aufmerksam, der einen eigenwilligen Gang sein eigen nannte und bei Erregung – politischer, geschäftlicher oder sportlich-spielerischer Art – zu unkontrolliertem Speichelfluss, Lachen und unkoordinierten Bewegungen neigte. Auch bei den beiden Herrschern Peter dem Großen und Napoleon gibt es biografische Hinweise, die manche Ärzte und Psychologen im Nachhinein vermuten lassen, sie hätten an Tourette gelitten.

Eindeutiger scheint da bereits die Beweislage bei Wolfgang Amadeus Mozart zu sein, der seiner Cousine Anna Maria Thekla, genannte Bäsle, allerlei Briefe schrieb, die vor Unflätigkeiten nur so strotzten. Dieses zwanghafte Ausstoßen von Obszönitäten – genannt Koprolalie – gehört bei vielen vom Syndrom Betroffenen zum Erscheinungsbild der Krankheit dazu. So schrieb der begnadete Musiker einmal: "… jetzt wünsch ich eine gute Nacht, scheißen Sie ins Bett, dass es kracht; schlafen's gesund, recken's den Arsch zum Mund … leben Sie recht wohl, ich küsse Sie 1000 mal und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz Wolfgang Amadé Rosenkranz."

Ebenfalls zu eigen war ihm anscheinend der Hang zu einem weiteren Bestandteil des Syndroms: der Echolalie, der Aneinanderreihung von Wörtern ohne erkennbaren Sinnzusammenhang. Dies geht aus einem weiter Brief hervor, den der Komponist für seinen Mentor und Chorleiter Anton Stoll verfasste: "Liebster Stoll! bester Knoll! großter Schroll! Bist sternvoll! gell das Moll thut dir wohl? Ich bin Ihr ächter Freund Franz Süssmayer Scheißdreck. Scheißhäusel den 12. Juli." Und schließlich beobachteten Zeitgenossen Mozarts immer wieder an ihm Grimassen, Zwänge und eine gewisse Hyperaktivität, die durchaus Tics gewesen sein konnten.

Es gibt jedoch ebenso viele Wissenschaftler, die diese Spätdiagnose anzweifeln. Denn Mozart zeigte alle diese Verhaltensweisen erst in einem späteren Teil seines kurzen Lebens. Das Tourette-Syndrom beginnt allerdings schon in der Kindheit mit ersten Anzeichen – Belege hierfür fehlen jedoch in Mozart-Biografien. Als alternative Erklärung ziehen Forscher daher die Nierenkrankheit Glomerulo-Nephritis in Betracht, die dem Salzburger Genie schließlich das Leben nahm. Dieses Leiden offenbart sich ebenfalls durch Ruhelosigkeit, Nervenzucken, Grimassieren, Tics und manchmal gröbere Muskelkrämpfe. Bleibt Mozarts mitunter derbe Sprache: Sie könnte womöglich durch eine andere neuronale Störung ausgelöst worden sein. Oder aber der Künstler hatte einfach Spaß am Provozieren seiner Umwelt und an Wortspielereien.

Ziemlich sicher ist sich die Medizin jedoch bei Samuel Johnson (1709-1784), einem englischen Literaten und Lexika-Verfasser, der unter anderem das erste umfassende Wörterbuch der englischen Sprache erarbeitete – ein Meilenstein der europäischen Kulturgeschichte. Seine manchmal sprunghaften Bewegungen und seine Neigungen zu plötzlichen, teils vulgären Ausrufen galten zu seinen Lebzeiten als Auslebungen des berühmt-berüchtigten britischen Spleens; in Wahrheit waren sie wohl eher Ausdruck des Tourette-Syndroms. Johnsons Tics und Koprolalie wurden derart detailreich und ausführlich festgehalten, dass es kaum an Zweifel an der Tourette-Diagnose gibt. Johnson dürfte deshalb der erste gesicherte Fall des Syndroms sein.

Vielleicht wundert sich jetzt der eine oder andere, dass es scheinbar nur berühmte Herren gibt, die diese neuropsychiatrische Störung entwickelt haben. Tourette betrifft jedoch dreimal mehr Männer als Frauen. In Deutschland leiden etwa 40 000 Menschen darunter; Schätzungen reichen allerdings bis zu einer Million Betroffene. Um als tourettekrank eingeschätzt zu werden, müssen die jeweiligen Menschen mindestens zwei motorische Tics sowie eine sprachliche Auffälligkeit dauerhaft über mindestens ein Jahr hinweg aufweisen. Die Auffälligkeiten müssen vor dem 21. Lebensjahr beginnen, und das Syndrom gilt nur dann als Krankheit, wenn die Patienten darunter leiden.

Weiter Information finden Sie unter der Tourette-Syndrom-Homepage für Deutschland.

Welche dieser Berühmtheiten litt unter dem Tourette-Syndrom?