Von welchem dieser Gifte verträgt der Mensch am meisten?

a) Botulinustoxin
b) Blausäure
c) Di-Wasserstoffoxid
d) Nikotin

Antwort:

Von Di-Wasserstoffoxid verträgt ein Mensch mehr als fünf Kilogramm pro Tag.

Erklärung:

Von den aufgeführten Chemikalien ist nur eine für die tägliche Einnahme zu empfehlen. Das Botulinustoxin ist es zweifellos nicht – davon genügen schon einige Milliardstel Gramm für ein vorzeitiges Ableben, womit es das potenteste bekannte Gift ist. Unter dem Spitznamen Botox bekommt es immer wieder die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens lähmt seine Injektion Muskeln, beispielsweise im Gesicht, weswegen es – in Deutschland allerdings nicht erlaubt – zur kosmetischen Beseitigung von altersbedingten Falten verwendet wird. Und zweitens ist es so toxisch, dass die Vermutung nahe liegt, Terroristen könnten mit dem Gedanken spielen, es per Biowaffenanschlag unters Volk zu bringen.

Eine andere Gefahr für die Öffentlichkeit geht bekanntermaßen vom Zigarettenrauchen aus. Hier bilden aber vorwiegend die Langzeitfolgen das Gesundheitsrisiko, nicht die akute Vergiftung mit Nikotin. Die für einen Erwachsenen tödliche Dosis von zirka fünfzig Milligrammm ist zwar schon in fünf Zigaretten enthalten, der Körper baut das Nervengift aber so schnell ab, dass der konventionelle Inhalationsweg nicht direkt lebensgefährlich ist. Babys dagegen kann zu viel Neugier zum Verhängnis werden: Wenn sie eine herumliegende Zigarette verschlucken, kann das schon für eine tödliche Dosis reichen. Eine andere Riskogruppe waren früher Plantagenarbeiter. Nikotin fand als Pflanzenschutzmittel breite Anwendung, weil es bei Insekten wie Blattläusen wirkt. Großflächig versprüht, dringt es aber auch gut über die menschliche Haut ein, weshalb es bei übermäßigem Einsatz schon zu einigen Todesfällen auf Grund von Atemlähmung kam.

Eine tödliche Dosis von ebenfalls etwa fünfzig Milligramm ist für Blausäure indiziert. Chemiker nennen die Verbindung Wasserstoffcyanid. In etwa einen Milligramm dieser Substanz wandelt sich beim Verzehr einer Bittermandel deren Inhaltsstoff Amygdalin um. Somit hätte spätestens der Genuss der fünfzigsten Bittermandel tödliche Konsequenz. Jedoch ist es unwahrscheinlich, dass jemand so viele herunterbekommt, ohne sich vorher zu übergeben. In der Zwischenzeit hätte der Körper auch schon einen Gutteil des Cyanids entgiftet. Allerdings sollte für Kleinkinder eine Tüte Bittermandeln ebenso schwer durch Greifen zu erreichen sein wie eine Schachtel Zigaretten. Denn sie könnten schon an der Wirkung des Cyanids aus fünf bis zehn Mandelbaumkernen ersticken.

Ausdrücklich zu empfehlen ist indes – gerade in der heißen Jahreszeit – der tägliche Genuss von zwei Kilogramm Di-Wasserstoffoxid – also von zwei Litern H-zwei-O. Den exakten chemischen Namen des Wassers trotzdem unter die Gifte einzureihen, lässt sich nicht nur mit dem viel zitierten Satz des guten alten Paracelsus "jed ding is gift und kein ding ohn gift, allein die dosis macht, daß ein ding zum gift wird" rechtfertigen.

Tatsächlich geraten immer wieder Menschen durch Trinken von zu viel Wasser in Lebensgefahr. So beim kürzlich gemeldeten Fall eines niederländischen Studenten, der bei einem Trinkspiel sechs Liter Wasser zu sich genommen hatte und daraufhin einen epileptischen Anfall erlitt und in ein zweitägiges Koma fiel. Besonders Marathonläufer werden von Medizinern davor gewarnt, zu viel zu trinken. Wenn sie mehr Flüssigkeit aufnehmen als der Körper ausschwitzt und sie zusätzlich über den Schweiß viele Mineralstoffe wie Natrium verlieren, droht eine Hyponaträmie – Natrium-Mangel. Dann ist so viel Wasser und so wenig Salz im Körper, dass Wasser aus dem Blut ins Hirngewebe eindringt. Der Hirndruck steigt und damit die Wahrscheinlichkeit eines Bewusstseinsverlusts.

Die Intoxikation mit Di-Wasserstoffoxid erscheint auch in medizinischen Diagnosekatalogen unter einem eigenen Kürzel. Zu deutsch steht dort dahinter: Wasservergiftung. Also merke: Auch H2O-Trinken kann gefährlich werden. Beim Namensvetter Wasserstoffperoxid, das ein Sauerstoff-Atom mehr hat (genaugenommen also Di-Wasserstoff-Di-Oxid heißt), greift man dagegen schon instinktiv lieber nicht zu Flasche.
Gifte
© Brookhaven National Laboratory (links oben); Spektrum Akademischer Verlag (übrige)
(Ausschnitt)
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Das Botulinustoxin (links oben) ist ein komplexes Protein. Die anderen "Gifte" sind niedermolekulare Verbindungen: Nikotin (rechts oben), Blausäure (links unten), Wasser und Wasserstoffperoxid (rechts unten).

Von welchem dieser Gifte verträgt der Mensch am meisten?