Wann enthüllten die Europäer offiziell das Geheimnis der Porzellanherstellung?

Daniel Lingenhöhl
a) beim Versuch der Goldgewinnung
b) nach einem Diebstahl in Fernost
c) nach chemischer Analyse
d) zufällig

Antwort:

Es entstand der Legende nach beim Versuch der Goldgewinnung.

Erklärung:

Nicht umsonst wird Porzellan auch weißes Gold genannt: In jenen Jahrhunderten, als einzig die Chinesen das Geheimnis der Porzellanherstellung kannten, mussten europäische Liebhaber des edlen Geschirrs immense Beträge für den Kauf der fernöstlichen Ware aufwenden – allein der Transport verschlang Unsummen. Deshalb blieb es auch lange Zeit den Fürsten- und Königshäusern des alten Kontinents vorbehalten, sich die blauweißen Tassen, Teller und Terrinen auf den heimatlichen Tisch zu stellen oder sich am Anblick teurer Ming-Vasen aus dem Reich der Mitte zu delektieren.

Dem Porzellan besonders verfallen war Sachsens Kurfürst Ernst August I. (1670-1733), den sie auch August den Starken nannten. Er selbst bezeichnete seine Vorliebe für das kühle und glatte Material als "Maladie de Porcelain", die ihn fast die Finanzen seines Heimatlandes ruinieren ließ: Er konnte einfach nicht genug bekommen von den fein ausmodellierten Kunstwerken und kunstvoll verzierten Alltagsgegenständen aus der kaiserlichen Porzellanmanufaktur Ching Te Chen in der Provinz Jianxi.

Um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden und gleichzeitig genügend monetäre Mittel für weitere Sammlungsstücke zu generieren, mussten folglich neue Geldquellen aufgetan werden. Als eine glückliche Fügung empfand es also der starke August, als ihm die Kunde von einem jüngst zugezogenen Untertanen zu Ohren kam, der angeblich Blei zu Gold wandeln könne. Zu diesem Wunderding sollte der gelernte Apotheker Johann Friedrich Böttger fähig sein, der zuvor in Berlin lebte, dort zur Lehre gegangen war und dabei auch unter die Fittiche von Johannes Kunckel von Löwenstern geriet – einem damals bekannten Alchemisten, der angab, aus unedlen Metallen reinstes Gold oder Silber zu erschaffen.

Die Nachricht dieser zauberhaften Fähigkeit sprach sich in seinem Umfeld rasend schnell herum und gelangte schließlich bis an den Hof von Preußens König Friedrich I., der darob natürlich ebenfalls sehr angetan war: Zusätzliche Einnahmen hätte auch schon der damalige Finanzminister oder Schatzmeister immer gerne in seinem Etat verbucht. Böttger entgingen diese Begehrlichkeiten allerdings auch nicht. Und da er klugerweise seine vorhandenen Fähigkeiten richtig einschätzen konnte, floh er des Landes und begehrte Asyl im benachbarten Sachsen – schließlich wollte er nicht in einem preußischen Verlies landen, wo ihm das vermeintliche Geheimnis der Goldgewinnung abgepresst werden sollte.

In Sachsen geriet er jedoch schnell ebenso vom Regen in die Traufe, denn Ernst August I. scheute keine Kosten und Mühen, um dem Ex-Apotheker auf die Schliche zu kommen und ihn in den Gewahrsam seines Hofstaates überzuführen. Was letztlich auch gelang: Am 15. Februar 1702 wurde der Wunderchemiker aufgespürt und nach Dresden überstellt, wo sein neuer Auftrag lautete, Gold herzustellen. Ansonsten drohte der Galgen.

Natürlich konnte Böttger diesen Erwartungen nicht gerecht werden, dennoch versuchte er sich zwei Jahre an der unmöglichen Aufgabe, Edles aus Billigware herzustellen. Im Jahre 1704 verlor Sachsens Potentat schließlich die Geduld, doch ließ er seinen Zauberlehrling nicht hinrichten, sondern stellte ihm den damals renommierten Naturwissenschaftler Walther von Tschirnhaus zur Seite. Er sollte das Tun seines Kollegen teils überwachen, teils ihn aber ebenso unterstützen und damit die Forschungsarbeiten doch noch zu einem glücklichen Ende führen.

In gewisser Hinsicht gelang dies auch, wenn auch anders als geplant: Im Zuge ihrer Arbeit erzeugten die beiden Schicksalsgenossen 1708 offiziell erstmals außerhalb Chinas das wertvolle weiße Gold namens Porzellan. Wie genau sie die Rezeptur und den Produktionsweg entschlüsselten, liegt teilweise im Dunkel der Geschichte. Laut Legende rettete der Zufall Böttgers Leben, als er und Tschirnhaus versuchten, aus Kaolin – einem weißen Tonmineral –, Quarz und Feldspat das echte Gold zu kreieren. Tatsächlich führten sie aber nur Tschirnhaus vorherige Versuche zur Porzellanherstellung zu einem glücklichen, weil öffentlichen Ende. Und eigentlich gilt deshalb auch Walther von Tschirnhaus der alleinige Ruhm, denn er versuchte sich bereits seit 1694 an der Erzeugung von Porzellan, was mittlerweile verschiedene historische Dokumente belegen.

Im Jahr 1708 mischten sie also die genannten Minerale, die heute noch im oberpfälzischen Hirschau oder im sächsischen Caminau abgebaut werden, mahlten sie feinpulvrig klein und gaben etwas Wasser zu. Die gewonnene Paste wurde getrocknet und anschließend gebrannt; das fernöstliche Monopol war mit einem Becher damit endlich gebrochen – sehr zur Freude von Kurfürst Ernst August, der erstmals 1709 von diesem Erfolg erfuhr. Walther von Tschirnhaus profitierte davon leider nicht mehr, er verstarb kurz vor Bekanntgabe des porzellantechnischen Durchbruchs. Das Geheimnis des porzellantechnischen Verfahrenswegs nahm der Mathematiker und Naturwissenschaftler allerdings mit ins Grab, sodass die tatsächliche Produktion noch nicht anlaufen konnte.

Erst als der Hauslehrer der Familie von Tschirnhausen, Melchior Steinbrück, den Nachlass gesichtet hatte, wurden die eigentlichen Rezepte wiederentdeckt.Mit denen Johann Friedrich Böttger schließlich vor den starken August trat – weshalb er lange Zeit als der Erfinder galt und nicht von Tschirnhausen.

Böttger entging nun dem vorzeitigen Tod und wurde stattdessen Leiter einer kurfürstlichen Werksneugründung: der auch heute noch weltberühmten Porzellanmanufaktur zu Meißen.

Für August den Starken erfüllte sie einen doppelten Zweck, denn sie befriedigte nicht nur kostengünstig sein Verlangen nach edlen Gefäßen. Gleichzeitig trugen die europäischen Adelshäuser wie wohlhabende Bürger jetzt ihr Geld nach Sachsen, das mit seiner Porzellanproduktion an die Stelle der zwischenzeitlich zusammengebrochenen chinesischen Handelsbeziehungen getreten war, und füllten damit den zuvor arg strapazierten Staatssäckel wieder auf. Böttger hatte nicht viel von diesem Erfolg: Er wurde weitere fünf Jahre als Leiter der Manufaktur zwangsverpflichtet. Als er 1714 endlich seine Freiheit wiedererlangte, blieben ihm nur mehr fünf Jahre, bevor er nach langer Krankheit in Dresden verstarb.

Wann enthüllten die Europäer offiziell das Geheimnis der Porzellanherstellung?