Wann wurde der Nordpol zum ersten Mal zu Fuß erreicht?

Andreas Jahn
Nordpol
© NASA
(Ausschnitt)
a) Am 21. April 1908
b) Am 6. April 1909
c) Am 12. Mai 1926
d) Am 3. August 1958
e) Am 6. April 1969

Antwort:

Endgültig geklärt ist es immer noch nicht, aber vermutlich war Wally Herbert, der den Nordpol am 6. April 1969 erreichte, der Erste - ohne es zu ahnen.

Erklärung:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entbrannte unter Polarforschern ein gnadenloser Wettkampf, wer als Erster die letzten weißen Flecken auf der Erde tilgen sollte. Beim Südpol steht der Sieger fest: Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) schlug am 14. Dezember 1911 seinen britischen Kontrahenten Robert Falcon Scott (1868-1912) knapp, der seinen Ausflug in die Antarktis nicht überlebte.

Auf der anderen Seite der Erdkugel ist der Ausgang des Rennens dagegen nicht so eindeutig. "Offiziell" galt lange Robert Edwin Peary (1856-1920) als Erster, der den Nordpol zu Fuß erreichte. Der amerikanische Ingenieur verfolgte Zeit seines Lebens wie besessen dieses Ziel. "Ich glaube, dass Gott der Allmächtige mich für diese Arbeit auserkoren hat", versicherte er dem US-Präsidenten Theodore Roosevelt.

Nach mehreren Arktisexpeditionen brach er im Sommer 1908 abermals Richtung Norden auf. Und am 6. April 1909 – so schreibt er später in seinem Bericht – wurden seinen Mühen vom Erfolg gekrönt: "Endlich der Pol. Der Preis von drei Jahrhunderten, mein Traum und Ziel seit 23 Jahren. Endlich mein."
Peary Nordpolexpedition 1909
© Archival Research Catalog
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernPeary Nordpolexpedition 1909
Allein war er dabei natürlich nicht. Auf der letzten Etappe hatten ihn vier Inuit sowie sein Assistent Matthew Henson (1866-1955) begleitet, der für sich in Anspruch nahm, kurz vor seinem Chef als Erster seinen Fuß auf den nördlichsten Punkt der Erde gesetzt zu haben.

Auf diese Lappalie seines farbigen Dieners ging Peary nicht ein. Doch um so ernüchternder muss es für ihn gewesen sein, als er bei seiner Rückkehr erfuhr, sein ehemaliger Schiffsarzt Frederick Cook (1865-1940), hätte auf eigene Faust den Pol bezwungen - und zwar ein Jahr zuvor, am 21. April 1908.

Eine wütende Presseschlacht zwischen den beiden Amerikanern um Ruhm und Ehre begann. Zunächst standen die Sympathien auf Seitens Cook; auch Amundsen war überzeugt. Doch als Peary die Weltöffentlichkeit mit den Aussagen zweier Inuit konfrontierte, nach denen Cook auf seiner Expedition das Festland höchstens für ein, zwei Tage verlassen hätte, tauchten erste Zweifel auf.

Dann stellte sich heraus, dass Cook schon einmal betrogen hatte, als er 1906 die Erstbesteigung des Mount McKinley in Alaska für sich in Anspruch nahm. Im Dezember 1909 kam schließlich ein dänisches Wissenschaftlerkomitee zu dem Schluss, Cooks Aufzeichnungen und Messdaten von seiner Arktisreise genügten nicht als Beweis. Kurz zuvor, im November 1909, wurde Peary von einem Gremium der National Geographic Society - einem seiner wichtigsten Geldgeber - als Erstbezwinger des Nordpols anerkannt.

Doch auch dieser konnte keine zweifelsfreien Messdaten vorlegen. Außerdem hatte er auch schon bei früheren Expeditionen falsche geografische Beschreibungen abgeliefert. Und schließlich erschienen die riesigen Tagesetappen, die Peary und seine Mannen bewältigt haben wollen, als unrealistisch.

1984 konnte der britische Polarforscher Wally Herbert (1934-2007) das bis dahin verschlossen gehaltene Tagebuch seines längst verstorbenen Kollegen einsehen. Doch die Seite vom 6. April 1909 war - leer. Nach Herberts Recherchen dürfte Peary den Pol um etwa 100 Seemeilen verfehlt haben. Vermutlich ahnte dieser sein Scheitern; da er jedoch zuvor alle Expeditionsteilnehmer, die zur Positionsbestimmung in der Lage waren, zurückgeschickt hatte, konnte niemand seine Daten widerlegen.

Ironischerweise offenbarte Herbert damit, dass er wohl selbst der Erste gewesen war. Denn 15 Jahre zuvor, am 6. April 1969, hatten er und seine drei Gefährten Allan Gill, Roy Koerner und Kenneth Hedges mit ihren Hundeschlitten und Unterstützung aus der Luft den Nordpol erreicht.

Nach norwegischer Sichtweise gebührt dem Südpolbezwinger Amundsen auch der Siegerkranz der Arktis. Ganz falsch ist das nicht, denn sein Luftschiff "Norge" überquerte am 12. Mai 1926 zusammen mit dem italienischen Luftschiffkapitän Umberto Nobile (1885-1978) und dem amerikanischen Polarforscher Lincoln Ellsworth (1880-1951) - diesmal wissenschaftlich zweifelsfrei - den Nordpol.

Am 3. August 1958 ging man dem Pol erstmalig per Schiff zu Leibe. Der Kapitän des nuklearbetriebenen U-Boots "USS Nautilus", William Anderson (1921-2007), vermerkte knapp ins Logbuch: "Nautilus auf 90 Grad nördlicher Breite."

Und am 2. August 2007 rammte die Besatzung des russischen U-Boots "Mir-1" mit einem Roboterarm eine aus Titan gefertigte Nationalflagge in den 4621 Meter tiefen Meeresboden unter dem Pol - nicht zuletzt, um russische Territorialansprüche des vermutlich erdölreichen Gebiets zu untermauern.

Den "Kampf um den Nordpol" können Sie auch in der Zeitschrift "epoc" nachlesen.
Nordpol

Wann wurde der Nordpol zum ersten Mal zu Fuß erreicht?