Warum kratzen wir uns?

a) Früher wegen der Körperhygiene
b) Es lenkt ab
c) Schutz vor Mücke & Co

Antwort:

Kratzen hilft kurzzeitig über unangenehme Juckreize hinweg, indem es Schmerzneuronen reizt - ihre Aktivität übertüncht das Jucken und lenkt davon ab.

Erklärung:

Der Pruritus, wie Mediziner den stärkeren Juckreiz getauft haben, ist ein oft unterschätzter Lästling des Menschen – nimmt er überhand, dann kann er unerträglich werden, sogar in ernsthafte psychische Krisen treiben und schwerwiegende körperliche Folgeschäden nach sich ziehen.

Das juckende Gefühl folgt einer Irritation ganz bestimmter Nervenzell-Enden in der Haut. Hier sitzen so genannte Prurizeptoren, die eine wichtige Wächterfunktion für den Körper übernehmen: Sie schlagen Alarm, wenn die von ihnen überwachte Hautstelle direkt durch mechanische oder Temperaturstimuli sowie indirekt durch bestimmte, vom Körper selbst ausgeschüttete Chemikalien gereizt wird (hier spielen einige Signalstoffe wie zum Beispiel Histamine, Opionide oder Neurotransmitter eine Rolle).

Gereizt werden dabei Prurizeptoren einer ganz speziellen Sorte von dünnen, marklosen Nervenzellen des so genannten C-Typs. Rein anatomisch unterscheiden diese sich dabei nicht von den C-Nerven, die auch Schmerzreize weitergeben – fünf Prozent der hauteigenen C-Nervenfasern der menschlichen Haut sind aber ausschließlich Juckreiz-Spezialisten. Werden sie durch einen der oben genannten Reize stimuliert, so leiten sie Impulse über das Rückenmark in Gehirnareale, die sie nachbearbeiten und eine prompte Rückantwort einleiten: den Kratzbefehl.
Was nützt es?
© Richard Zinken
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKratzen
Kratzen oder starkes Reiben reizen daraufhin in der juckenden Körperpartie verschiedene andere Berührungs- und Schmerzrezeptoren - und deren Signale übertünchen dann tatsächlich die ursprünglichen Juckinformationen. Das ist allerdings ein nur kurzfristiger Erfolg der Gegenmaßnahme - ständig wiederholtes Kratzen bei andauerndem Juckreiz führt höchstens seinerseits zu juckreizstimulierenden lokalen Entzündungen, Verletzungen oder gar einer Infektion aufgekratzter Wunden.

Dauerhaft stoppen kann trotz intensiver Forschung den Juckreiz kaum etwas - immerhin aber sorgen Blockadestoffe gegen Histamine oder Opionide des Erregungsprozesses nicht selten für Ruhe. Auch Aspirin oder Bestrahlungen mit ultraviolettem Licht sollen helfen. Ernsthafte Fortschritte machten übrigens auch Forscher, die über die vom Juckreiz ablenkende Schmerzwirkung in die entgegengesetzte Richtung nachgedacht haben. Sie konstatierten zunächst, dass dort, wo Schmerz etwa durch opionidhaltige Medikamente unterbunden wird, stattdessen ein Jucken auftreten kann. Andersherum kann eine Blockade der auf Opionate ansprechenden Rezeptoren im Rückenmark wiederum den Juckreiz daran hindern, im Gehirn einzutreffen. Schmerz und Jucken beeinflussen sich aber auf so vielfältige Weise, dass einfache Lösungen wohl nie nur gewünschte Resultate nach sich ziehen.

Warum sich die Kratzreaktion bei Mensch und Tier tatsächlich entwickelt hat, ist übrigens durch keine Theorie überzeugend erklärt. Als Schutz gegen landende Insekten etwa täte es durchaus ein einfaches System von simplen Berührungsmeldern - sie führten über Kontrollblicke oder -taster gefahrlos zum Ziel. Wenn ein Mückenstich erst einmal zu jucken beginnt, ist der Plagegeist mit unserem Blut ohnehin längst verschwunden.

Und natürlich hat der freundliche Zuruf "Waschen, nicht Kratzen" in aufgekratzt gestimmten Cliquen nicht wirklich einen realen Hintergrund. Zumindest nicht bei Menschen. Wildschweine dagegen schlagen, wenn sie ihre Flanke arttypisch an einem Baumstamm schubbern, tatsächlich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie reinigen sich von einer eingetrockneten Schlammschicht, die sie sich zum Schutz ihrer Haut vor Sonne und Parasiten in einer Kuhle angesuhlt hatten. Neben dem kaum hinreichenden Wascheffekt werden sie dabei insbesondere die im Schlammschutz eingetrockneten Plagegeister los. Gezieltes Kratzen sieht allerdings anders aus.

Jan Osterkamp

Warum kratzen wir uns?