Was ist am giftigsten?

Julia von Sengbusch
Glasfläschchen mit Gefahrenkennzeichnung
© fotolia / Björn Wylezich
(Ausschnitt)
a) 12 Esslöffel Kochsalz
b) 8 Kilogramm grüne Tomaten
c) 8 Fliegenpilze
d) 12 Liter Kaffee

Antwort:

12 Esslöffel Kochsalz sind für einen erwachsenen Menschen am giftigsten.

Als Vergleichsgröße diente die so genannte LD50 für Ratten, bei dieser Dosis überlebt nur die Hälfte der Versuchstiere. Der Wert lässt sich zwar nicht ohne Weiteres auf Menschen übertragen, im Großen und Ganzen entsprechen sich die Verhältnisse jedoch.

Erklärung:

"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist", sagte Paracelsus zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Das trifft besonders auf Kochsalz (Natriumchlorid) zu. Ein tragischer Fall aus dem Jahr 2005 macht das deutlich: Ein vierjähriges Mädchen starb, nachdem seine Mutter es gezwungen hatte, einen Pudding aufzuessen, in den es statt Zucker zwei Esslöffel Salz gerührt hatte. Die LD50 für Ratten liegt bei drei Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei Menschen kann bereits ein Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich wirken.

Die toxische Wirkung entsteht durch Osmose: Um die erhöhte Salzkonzentration außerhalb der Zellmembranen auszugleichen, strömt Wasser aus den Zellen. Die Folge ist zunächst starker Durst. Wird dieser nicht gelöscht, kommt es zu Durchfall und Erbrechen bis hin zum Tod infolge von Herz- und Atemstörungen. Dass sich ein erwachsener Mensch mit mehreren Esslöffeln Salz versehentlich selbst vergiftet, ist unwahrscheinlich. Doch auch eine geringere Überdosierung kann gefährlich werden, wenn sie regelmäßig stattfindet. Aber Vorsicht: Zu geringe Salzaufnahme, also weniger als ein Gramm pro Tag, schadet wiederum den Nieren. Die lebensnotwendige und die tödliche Dosis unterscheiden sich also nur um den Faktor 100.

Auch unreife, grüne Tomaten (Solanum lycopersicum) sind giftig, obwohl sie besonders in der mediterranen Küche gerne eingelegt oder zu Konfitüre verarbeitet werden. Beim Verzehr dieser Spezialitäten ist Vorsicht geboten. Für Ratten sind bereits 180 Gramm grüne Tomaten fatal, denn sie können bis zu 32 Milligramm Tomatin pro 100 Gramm enthalten, und die LD50 für Ratten beträgt 59 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Das Gift ist eng mit einem typischen Gift der Nachtschattengewächse, dem Solanin, verwandt. Ebenso wie Solanin führt Tomatin zum Zelltod, indem es Kanäle in der Mitochondrienmembran öffnet und dadurch die Kalziumkonzentration in der Zelle erhöht. Die ersten spürbaren Vergiftungserscheinungen sind recht unspezifisch: Kopf- und Magenschmerzen, Halskratzen und Übelkeit. In schweren Fällen kommt es zu Krämpfen und Atemnot und letztlich zum Tod. Die Verarbeitung der unreifen Früchte kann dem Gift nicht viel anhaben – es zerfällt auch bei hohen Temperaturen nicht, geht allerdings teilweise ins Kochwasser über. Bei der Marmeladenproduktion werden zwar geschälte Früchte verwendet und das Gift durch den Zucker verdünnt, trotzdem raten Ernährungsexperten dazu, nur kleine Mengen aufs Brötchen zu streichen. Reife Tomaten sind mit einer Tomatinkonzentration von maximal 0,7 Milligramm pro 100 Gramm völlig unbedenklich. Bei ihnen enthält lediglich der grüne Stielansatz noch etwas Gift. Das gilt auch für speziell gezüchtete Tomatensorten, die auch im reifen Zustand grün bleiben.

Der Fliegenpilz (Amanita muscara) ist dagegen harmloser als sein Ruf. Bisher sind keine Todesfälle bekannt, die ausschließlich auf den bunten Pilz zurückzuführen sind. In Japan gelten speziell zubereitete junge Exemplare sogar als Delikatesse, trotzdem ist von seinem Verzehr dringend abzuraten. Die Konzentration seines Giftes schwankt unvorhersagbar abhängig vom Standort, den Wetterbedingungen und anderen Umweltfaktoren. Von der Größe eines Pilzes kann man daher nicht auf seinen Giftgehalt schließen.

Giftig wird der Fliegenpilz vor allem durch das Muscimol, ein Abbauprodukt der im Pilz enthaltenen Ibotensäure. Ibotensäure ist eine leicht zersetzliche Substanz, die beim Trocknen des Pilzes oder auch beim Verdauen im Körper zu Muscimol zerfällt. Dieses wiederum hemmt die motorischen Funktionen, macht schläfrig oder unkonzentriert. Für Ratten liegt die LD50 bei 45 Milligramm Muscimol pro Kilogramm Körpergewicht. In geringen Konzentrationen kann es aber auch euphorisierend und berauschen werden, was den Fliegenpilz in den USA zum beliebtesten Drogenpilz macht. In einigen sibirischen Völkern war es üblich, den Urin des Schamanen zu trinken, nachdem er Fliegenpilze gegessen hatte, weil die "Filterung" durch den Körper die Übelkeit erregende Ibotensäure in Muscimol umwandelte, das nahezu unverändert ausgeschieden wird.

Schmackhafter und auch deutlich risikoärmer ist da für viele der Kaffee am Morgen. Tatsächlich ist auch das Koffein im Wachmacher eine psychoaktive Droge, die bei Ratten bei Aufnahme von 192 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht toxisch wirkt. Aber obwohl für Ratten bereits zwei Tassen schwarzer Kaffee den Tod bedeuten können, sind für uns über den Tag verteilt auch mehrere Liter noch unbedenklich. Kritisch wird es ab etwa 15 Litern.

In geringen Mengen wirkt Koffein in erster Linie anregend, indem es Antrieb sowie Konzentration steigert und Müdigkeitserscheinungen beseitigt. Vermutlich erzielt es diese Wirkung auf zwei Wegen: Einerseits verlängert es die Adrenalinwirkung im Körper, indem es ein Enzym in der Großhirnrinde hemmt, andererseits besetzt es im Gehirn die Adenosin-Rezeptoren. Da Adenosin beruhigend wirkt, wird das zentrale und vegetative Nervensystem so in Erregung gehalten. Erste Zeichen für eine Überdosierung sind Unruhe und Schlafstörungen, die Hände beginnen zu zittern und es kann zu Herz- und Kreislaufproblemen kommen. Normalerweise steht dem Stoffwechsel erst 45 Minuten nach der Aufnahme das gesamte Koffein zur Verfügung, allerdings beschleunigt Kohlensäure im Getränk diesen Prozess. Wer länger etwas von der Wirkung haben möchte, sollte zum Kaffee ein Glas Grapefruitsaft trinken – der darin enthaltene Bitterstoff verlangsamt den Abbau des Koffeins in der Leber.

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