Was ist das Stendhal-Syndrom?

von
a) eine Geschlechtskrankheit
b) in Ostdeutschland verbreitete Sonderform von Depression
c) kulturelle Reizüberflutung
d) nervöses Mundwinkelzucken

Antwort:

Das Stendhal-Syndrom steht für die körperlichen Symptome einer kulturellen Reizüberflutung.

Erklärung:

"Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großen so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Ich war an dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen gatten. Als ich die Kirche verließ, klopfte mir das Herz. Mein Lebensquell war versiegt, und ich fürchtete umzufallen."

Mit diesen lebendigen Worten beschrieb der französische Schriftsteller Stendhal – bürgerlich genannt Marie-Henri Beyle – in seinem Buch "Neapel und Florenz: Eine Reise von Mailand nach Reggio" seine Gefühle und körperlichen Reaktionen, als er 1817 die Toskana-Metropole besuchte. Vor allem der Aufenthalt in der Franziskanerkirche Santa Croce verdrehte ihm den Kopf, denn hier waren die sterblichen Überreste von Michelangelo, Machiavelli und Galilei begraben, hier bezirzten Giottos Fresken die Besucher. Angeblich halluzinierend und der Ohnmacht nahe, verließ er das Gotteshaus und kam erst Stunden später wieder einigermaßen zu sich.

Wer hier nun eine literarische Übertreibung der stendhalschen Gefühlswelt vermutet, liegt falsch. Tatsächlich berichten verlässliche medizinische Bulletins seit dem 19. Jahrhundert von verwirrten Zeitgenossen, die, überwältigt von den Kunstschätzen der florentinischen Uffizien, mit körperlichen Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten – selbst heute noch sollen es pro Jahr etwa ein Dutzend Betroffene sein.

Beschrieben wurde die Malaise allerdings erst 1979 durch die italienische Psychiaterin Graziella Magherini vom Hospital Santa Maria Nuova, die sie zu Ehren ihres berühmtesten Opfers als Stendhal-Syndrom titulierte. Zu den gängigen Symptomen zählen Herzrasen, Schwindel, Verwirrung und sogar Halluzinationen, wie sie auch der französische Literat be- und vermerkte. Normalerweise wird diese Form des Unwohlseins beim Betrachten besonders schöner Kunst oder bezaubernder Kunstwerke in großen Mengen auf engem Raum ausgelöst – sie kann einen aber auch beim Anblick atemberaubender Natur befallen. Insgesamt trug Magherini etwa 100 Fälle derartiger Reizüberflutung für Touristen in Florenz zusammen.

Erstmals richtig anerkannt und fachlich diagnostiziert wurde das Stendhal-Syndrom dann 1982. Es befällt angeblich vor allem angelsächsische und deutsche Touristen, während sich die Italiener weniger stark von ihren Kunstwerken beeindruckt zeigen – sie wachsen schließlich damit auf. Besonders gefährdet sind nach den Studien der italienischen Psychiaterin Alleinreisende zwischen 26 und 40 Jahren, die sich ohne konkrete Planung und professionelle Führung den Bildern und Denkmälern der Stadt widmen. Von einem Besuch der Stadt sollten Sensible dennoch nicht absehen, denn schon nach kurzer Zeit klingen die Symptome des Syndroms wieder ab, ohne Schäden zu hinterlassen: Margherini kurierte die meisten bei ihr eingelieferte Fälle denn auch mit einer Gesprächstherapie – nur schweren Fällen ist es angeraten, zur Genesung Florenz rasch zu verlassen.

Was ist das Stendhal-Syndrom?