Was war das Karfreitagsexperiment?

Daniel Lingenhöhl
a) medizinischer Kreuzigungstest
b) psychodelischer Drogenversuch
c) Beginn einer einjährigen Bettlägrigkeitsstudie
d) psychiatrische Beobachtung des Erstkontakts dreier Menschen, die sich für Jesus hielten

Antwort:

Es war ein psychodelischer Drogenversuch.

Erklärung:

Den Karfreitagsgottesdienst vom 20. April 1962 werden diese zehn Studenten wohl nie mehr vergessen. Die Predigt von Pfarrer Howard Thurman fesselte ihre Aufmerksamkeit jedoch nicht, und auch das Ende der Fastenzeit war für sie von untergeordneter Bedeutung. Sie waren vielmehr fasziniert von all den Farben, die sie wahrnahmen, sie hörten Stimmen und fühlten sich eins mit ihrer Umwelt.

Ausgelöst wurde dieser Rauschzustand jedoch nicht vom Weihrauch und auch nicht durch übermäßigen Konsum von Messwein. Die Studenten waren vielmehr Teilnehmer eines medizinischen Drogenversuchs von Walter Pahnke und Timothy Leary, der damals das Psylocibin-Projekt der Harvard University geleitet hat. Ihr Ziel: Sie wollten herausfinden, ob halluzinogene Pilze der Gattung Psilocybe ähnlich mystische Gefühle auslöst, wie sie besonders gläubige Menschen in religiöser Trance erleben.

Deshalb verabreichten sie zwanzig Testpersonen Kapseln, von denen die eine Hälfte mit dem Rauschmittel und die andere mit einem wirkungslosen Pulver gefüllt war. Das Ergebnis war durchschlagend: Während sich die nüchternen Personen angemessen verhielten, erlebte die andere Gruppe mystische Höhenflüge. Sie hatten Visionen, wollten die Botschaft Jesu weiterverbreiten und fühlten sich glücklich und beschwingt. Leary schrieb später in seinen Memoiren, dass jeder der Psylocibin-Schlucker religiöse Eingebungen wie einst Moses hatte. Selbst Stunden nach Ende des Gottesdiensts, den die Studenten in einem Raum unter der eigentlichen Kapelle über Lautsprecher verfolgt hatten, standen sie noch völlig unter dem Einfluss der Droge: Die vorgesehene Befragung zur Wirkung der Pilze musste ausfallen, da die Probanden noch nicht in der Lage waren zu antworten – sie brachte als einzige Aussage nur ein "Wow!" hervor.

Nur 30 Milligramm des halluzinogenen Pulvers hätten demnach ausgereicht, Ekstasezustände bei den Konsumenten auszulösen, wie sie tiefgläubige Christen, Hindus oder Buddhisten bei Selbstkasteiung, Jahren der Meditation oder langen Gebets- und Mantraübungen erleben, schrieben Leary und Pahnke in ihrem Bericht. Noch Jahre später berichteten die damaligen Testteilnehmer einem weiteren Forscher, der wissen wollte, wie es ihnen nun ging, dass der Karfreitagsgottesdienst von 1962 einer der Höhepunkte ihres spirituellen Lebens war. Allerdings erlebten die Studenten nicht nur glückliche Phasen, wie sie ebenfalls zu Protokoll gaben: Zwischendurch bekamen sie auch Wahnvorstellungen und fürchteten, verrückt zu werden oder gar zu sterben.

Ermutigt von ihren Ergebnissen wollten Pahnke und Leary ihre Forschungen weiter vorantreiben, doch alle ihre Pläne zerschlugen sich: Bewusstseinserweiternde Drogen wurden in den USA verboten und Leary in Harvard gefeuert. Pahnke starb 1971 bei einem Tauchunfall.

Bisweilen ebenfalls unter dem Begriff "Karfreitagsexperiment" läuft eine Versuchsreihe, die der Mediziner Frederick Zugibe Mitte der 1980er Jahre in seinem Wohnzimmer durchgeführt hat: Der Gerichtsmediziner von Rockland County bei New York hatte sich ein 2,30 Meter hohes Kreuz zimmern lassen, an dem sich hunderte Testteilnehmer versuchsweise "kreuzigen" ließen – allerdings wurden sie nicht an die Balken genagelt, sondern wurden dort "nur" hingebunden. Zugibe wollte auf diese Weise herausfinden, woran Jesus damals tatsächlich starb. Das Ergebnis: Gottes Sohn kam wohl durch einen Atem- und Herzstillstand um, der durch starken Blutsackung und anschließenden -verlust über die Nägel in den Füßen sowie traumatischen Schock ausgelöst worden war. Probleme bei der Anwerbung der Probanden – die das Experiment übrigens alle ohne größere Schäden überstanden – hatte Zugibe nicht: Sie strömten zahlreich aus einer benachbarten Freikirche herbei.

Was passiert, wenn man Menschen aufeinandertreffen lässt, die alle von sich behaupten Jesus zu sein, wollte der Psychologe Milton Rokeach von der State Psychiatric Clinic in Ypsilanti bei Detroit wissen. Und deshalb arrangierte er ein Treffen von drei seiner Patienten, die sich alle für den Heiland beziehungsweise dessen Wiedergeburt hielten. Zwei Jahre verbrachten sie anschließend gemeinsam in der psychiatrischen Klinik, und Rokeach hoffte, dass diese Konfrontation sie heilen könnte: Schließlich mussten sie erleben, dass ein jeder sich für das hielt, was sie selbst eigentlich waren. Doch der Therapieansatz schlug fehl. Jeder der drei fand immer neue schlüssige Begründungen, warum er Gottes Sohn war und die beiden anderen Betrüger. Eines der Argumente war sogar richtig entwaffnend: Die beiden Konkurrenten konnten nicht Jesus sein – denn schließlich waren sie ja Patienten in einer psychiatrischen Einrichtung.

Keinerlei religiösen Charakter hatte schließlich das letzte der Experimente – außer, dass man sich während eines Aufenthalts im All vielleicht Gott näher fühlt. Um die Folgen der fortgesetzten Schwerelosigkeit während eines solchen Raumflugs zu erforschen, verfrachtete Boris Morukov vom Institut für biomedzinische Probleme in Moskau elf Menschen im Januar 1986 ins Bett: 370 Tage sollten sie ruhen und nicht aufstehen. Sie wurden im Liegen gewaschen, aßen, lasen, sahen fern und schrieben Briefe in der Vertikalen – es war das längste Experiment zur Bettlägrigkeit, das je gemacht wurde.

Neben Muskel- und Konditionsschwund plagte vor allem Langeweile die elf Männer: Sie erhielten nur einmal in der Woche Besuch von ihren Familien; manche Ehe zerbrach daran. Einige wollten eine Fremdsprache lernen, doch sie gaben dies bereits nach zwei Wochen wieder auf. Bisweilen kam es untereinander und mit dem medizinischen Personal zu heftigen Spannungen, weshalb eine der drei Gruppen neu gemischt werden musste. Andererseits entdeckten die Probanden ihre Kreativität und bastelten aus ihren Aluminiumschälchen, in denen das Essen serviert wurde, allerlei Spielzeug und Kunstgegenstände, die sie an Morukov und die Krankenschwestern verschenkten. Nach den 12 Monaten mussten sie weitere acht Wochen in Rehabilitation, in der sie wieder gehen und sitzen lernte. Immerhin hielten zehn der elf Teilnehmer bis zum Schluss durch – als Belohnung bekamen sie jeweils ein Auto vom Staat geschenkt.

Was war das Karfreitagsexperiment?