Welche Krankheit verbirgt sich hinter dem "Würgeengel der Kinder"?

Antje Heidemann
a) Wundstarrkrampf
b) Kinderlähmung
c) Diphtherie
d) Keuchhusten

Antwort:

Die Diphtherie wurde früher als "Würgeengel der Kinder" bezeichnet.

Erklärung:

Abgeschlagenheit, Halsentzündung, Husten, Fieber – was als scheinbar normale Erkältung beginnt, kann tödlich enden, wenn der "Würgeengel der Kinder" wieder einmal zuschlägt. Früher wüteten regelrechte Braunhals-Epidemien – so benannt, weil sich im Hals der Kranken ein bräunlicher Belag bildete. Dies geschah trotz der Amulette, die vor dem hundeköpfigen Dämon mit Greifvogelklauen schützen sollten, den man im Altertum für den Verursacher dieses schrecklichen Todes – hauptsächlich durch Ersticken – hielt.

Im alten Rom war die Erkrankung als "syrisches Geschwür" oder "ägyptisches Übel" bekannt, da sie aus dem Orient eingeschleppt worden war. Die Patienten bekamen zur Behandlung appetitliche, mit zermahlenen Schwalbennestern oder Tausendfüßern angereicherte Getränke, die wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur einen Placeboeffekt hatten und nicht viel besser halfen als Amulette. Ein pragmatischerer letzter Rettungsversuch war ein Luftröhrenschnitt, an dem die Kranken allerdings meistens verbluteten. Auch die christlichere Methode des Mittelalters die Krankheit mit Gebeten an Schutzheilige wie St. Blasius zu heilen, dürfte kaum erfolgreicher gewesen sein.

Erst im 19. Jahrhundert identifizierte Friedrich August Loeffler (1852-1915) Corynebacterium diphtheria, den Erreger der heute Diphtherie genannten Krankheit. Er zeigte auch, dass das eigentliche Übel ein Giftstoff, das Diphtherietoxin, ist.

Interessanterweise produzieren die Bakterien das Toxin gar nicht selbst, sondern ein Bakteriophage – ein Virus für Bakterien – von dem diese Bakterienart gewöhnlich befallen ist. Es wirkt, indem es die für alle Zellen überlebenswichtige Eiweißherstellung hemmt. Durch den Blutstrom gelangt das Gift dann auch zu nicht befallenen Organen. So verursachte Organschäden, häufig an Herz oder Gehirn, können ebenfalls zum Tod führen.

Ende des vorletzten Jahrhunderts entwickelte Emil von Behring schließlich eine wirksame Behandlung gegen die Krankheit: die Serumtherapie. Aus mit Corynebacterium diphtheria immunisierten Tieren gewann er antikörperhaltiges Serum gegen das Diphtherietoxin und verabreichte es Erkrankten. Die Antikörper neutralisierten das Toxin, und das Immunsystem der Patienten gewann Zeit, um schließlich die Infektion zu besiegen. Für diese bahnbrechende Arbeit erhielt von Behring 1901 den ersten Nobelpreis für Medizin. Nur ein paar Jahre später entwickelte er aus diesen Forschungsarbeiten die Idee der Impfung, erstmals praktisch angewandt gegen Diphtherie und nachfolgend auch gegen Tetanus.

Tetanus oder auch Wundstarrkrampf wird durch das Bakterium Clostridium tetani ausgelöst, welches Nervenzellen befällt und Toxine freisetzt, die zu lähmenden, sogar tödlichen Krämpfen führen. Eine Infektion findet statt, wenn die recht verbreiteten und sehr resistenten Sporen des Bakteriums aus Straßendreck oder der Erde in Wunden gelangen. Eine typische Kinderkrankheit, die durch Bakterientoxine von Bordetella pertussis verursacht wird, ist Keuchhusten, der bei Kindern ebenfalls tödlich enden kann. Polioviren führen zu eine weiteren Kinderkrankheit, der Kinderlähmung oder auch Poliomyelitis. Die Viren befallen die Muskel steuernden Nervenzellen des Rückenmarks und können bleibende Lähmungen bis hin zum Tod bewirken.

Die meisten dieser "Impfkrankheiten" sind in Deutschland sehr selten geworden, jedoch lange noch nicht ausgerottet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Beispiel trat dort 1995 eine Diphtherie-Epidemie mit ungefähr 50 000 Krankheitsfällen auf. In Deutschland gab es in dieser Periode allerdings nur zehn Infektionen. Besonders in letzter Zeit jedoch scheinen es die Deutschen mit den Impfungen nicht mehr so genau zu nehmen, und die Krankheiten treten auch hier wieder häufiger auf. Die Einhaltung der Impfempfehlungen, vor allem bei Kindern, ist daher immer noch anzuraten.

Welche Krankheit verbirgt sich hinter dem "Würgeengel der Kinder"?