Welche Pflanze diente Joseph Paxton als Vorbild für den Bau des Crystal Palace in London?

a) Königin der Nacht
b) Königliche Riesenseerose
c) Königskerze
d) Königsfarn

Antwort:

Der ungewöhnliche Blattbau der Königlichen Riesenseerose diente Joseph Paxton im 19. Jahrhundert als Vorbild für das gläserne Rippendach des Crystal Palace.

Erklärung:

Die im Amazonasgebiet heimische Königliche Riesenseerose (Victoria amazonica) ist eine wahre Expertin im Leichtbau: Um Licht einzufangen, schiebt sie große, stachelige Kugeln aus dem Wasser, die sich an der Oberfläche innerhalb weniger Stunden entrollen. Den begehrten Platz an der Sonne verteidigen die im ausgewachsenen Zustand etwa zwei Meter breiten Blätter mit Hilfe eines hochgewölbten Randes, mit dem sie lästige Konkurrenten einfach zur Seite schieben. Den stabilen Unterbau für die schwimmende Blattfläche bilden kräftige, bestachelte Rippen mit Querstreben, die zudem zahlreiche Luftkammern aufweisen. Mit nur zwei Millimetern Dicke sind die kreisrunden Blätter zwar hauchdünn – dank des genialen Konstruktionsprinzips vermögen sie aber mühelos ein Gewicht von bis zu 80 Kilogramm zu tragen.

1837 brachte Robert Schomburgk das erste Exemplar der Riesenseerose nach London. Die Exotin überlebte die lange Reise zwar nicht, doch allein ihre Überreste sorgten schon für Aufsehen. Zehn Jahre später gelangten ihre Samen nach England, auch zu Joseph Paxton, der sich für die prächtigen Gärten des Herzogs von Devonshire verantwortlich zeichnete. Eigens für die Pflanze ließ er ein spezielles Gewächshaus mit temperiertem Teich errichten, in dem sie prächtig gedieh und sogar blühte – zum ersten Mal fernab ihrer Heimat.

Aber Paxton war nicht nur ein begnadeter Gärtner, sondern auch ein genialer Architekt: Als er eines der ersten großen Glasgewächshäuser entwarf, grübelte er, wie er das Stützgerüst für die Glasscheiben konstruieren sollte. Schließlich erinnerte er sich an das quervernetzte Rippengerüst auf der Unterseite der Blätter der Riesenseerose. Ihre Versteifungsweise diente ihm als Vorbild für die Gewächshäuser in Chatsworth und einige Jahre später für den Bau seines Meisterwerkes, den Crystal Palace.

Für die Weltausstellung 1851 im Londoner Hyde Park wurde diese Halle mit dem charakteristisch gefalteten, frei schwebenden Dach innerhalb von sechs Monaten aus vorgefertigten Modulen – Glasscheiben und Eisenelementen – zusammengesetzt, eine für die damalige Zeit revolutionäre Bauweise. Auf den ersten Blick sind die Analogien zwischen dem kreisförmigen Pflanzenblatt und der rechtwinkligen Dachstruktur nur schwer auszumachen. Doch die Tragbalken verliehen wie die radialen Blattrippen Stabilität, während die im rechten Winkel zu den Balken angeordneten Regenrinnen die Funktion der natürlichen Zwischenstege übernahmen und für zusätzliche Steifigkeit sorgten. Der Kristallpalast, 1854 nach Sydenham verlegt und 1936 durch ein Feuer zerstört, gilt als erste bewusste bionische Konstruktion der Baugeschichte.

Eindrucksvoll demonstrierte Joseph Paxton übrigens die Belastbarkeit der Riesenseerosenblätter: Er setzte seine kleine Tochter Annie auf einen grünen "Teller" – ohne dass sie versank.
Blattunterseite einer Seerose
© Ulrike Knoll
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSeerose_blattunterseite
Das Verstrebungsmuster auf der Unterseite von Seerosen (hier Victoria cruciana) inspirierte Joseph Paxton im 19. Jahrhundert zur Konstruktion des gläsernen Rippendaches des Crystal Palace. Foto mit freundlicher Genehmigung des Botanischen Garten der Universität Osnabrück.

Welche Pflanze diente Joseph Paxton als Vorbild für den Bau des Crystal Palace in London?