Welchen Wissenschaftler brachte eine seltene Erkrankung dazu, einen erfolgreichen Selbstversuch zu unternehmen?

von
Grüner Tee
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(Ausschnitt)
a) Albert Hofmann
b) Werner Hunstein
c) Alexander von Humboldt
d) Jonas Salk

Antwort:

Werner Hunstein begann, nach einer schweren Erkrankung im Jahr 2006, einen Selbstversuch mit grünem Tee. Doch auch die anderen Wissenschaftler führten erfolgreiche Selbstversuche durch.

Erklärung:

Es war im Jahre 2001, als Werner Hunstein, seines Zeichens überzeugter Schulmediziner, anfing sich krank zu fühlen. Bis dahin war der 72-Jährige vital und gesund. Selbst Facharzt für Blutkrankheiten, vertraute er in das Können der Kollegen – und begann damit eine Odyssee: vom Hausarzt zum Kardiologen, weiter zum Nierenfacharzt und erneut zu einem Herzspezialisten. Doch niemand fand eine Erklärung für seine Blähungen, die geschwollene Zunge und sein schwaches Herz. Im Dezember 2004 wurde der emeritierte Professor endlich selbst aktiv und wendete sich an seinen ehemaligen Schüler Rainer Haas. Dieser untersuchte ihn gründlich und fand endlich einen Namen für seine Beschwerden: Lambda-Leichtketten-Amyloidose.

Ursache für diese extrem seltene Blutkrankheit ist eine Überproduktion von Molekülbausteinen, die für die Bildung von Antikörpern des Immunsystems benötigt werden. Die überzähligen Fragmente können vom Körper nicht abgebaut werden. Stattdessen verklumpen sie zu unauflöslichen Fäden, den Amyloidfibrillen, und lagern sich nun im Gewebe von lebenswichtigen Organen, vor allem in Herz und Nieren ab.

Nachdem er endlich eine Diagnose hatte, begann Hunstein nach den besten Behandlungsmethoden zu recherchieren. Im April 2005 fing er schließlich eine Chemotherapie an und konnte seinen Zustand damit stabilisieren, die Erkrankung schien aufgehalten. Doch Hunstein fühlte sich wie ein Wrack, konnte nicht schlafen, verlor den Geschmackssinn. Da erreichte ihn im September 2006 ein Anruf seines ehemaligen Schülers Antonio Pezzutto. Dieser erzählte ihm von der hemmenden Wirkung von EGCG (Epigallocatechingallat) – einem Bestandteil von grünem Tee – auf die Bildung von Amyloidfibrillen. In seiner Verzweiflung begann Hunstein in einem Selbstversuch große Mengen grünen Tees zu trinken – zwei Liter jeden Tag – in der vagen Hoffnung, dass sich die Laborergebnisse auf die Verhältnisse im Körper übertragen ließen. Dazu sagte er die Chemotherapie ab und bemerkte nach drei Wochen erste Verbesserungen. Sein Herz wurde wieder kräftiger, seine Zunge schwoll ab. Im Frühjahr 2007 ging es ihm wieder gut.

Hunstein veröffentlichte seinen Selbstversuch 2007 im Journal Blood, und die Uniklinik Heidelberg startete 2008 ein klinische Studie zur Wirksamkeit von EGCG auf Amyloidose-Erkrankungen.

Fünf Jahre lag die erste Synthese von LSD-25 schon zurück, als Albert Hofmann die Substanz im Frühjahr 1943 erneut herstellte. Eine Ahnung veranlasste ihn dazu, die schon zuvor getestete Verbindung nochmals einer erweiterten Prüfung zu unterziehen. Während der Arbeit fühlte er sich jedoch plötzlich seltsam und beschloss, nach Hause zu gehen, wo er sich hinlegte und nach eigenen Schilderungen "in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Fantasie kennzeichnete" versank. Obwohl er grundsätzlich penibel sauber arbeitete, vermutete er LSD-25 als Auslöser seiner merkwürdigen Symptome. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, entschloss Hofmann sich zu einem Selbstversuch. Mit einer, wie er glaubte, Minimalmenge von 25 Milligramm LSD startete er am 19. April 1943 sein Experiment.
Schnell setzte die Wirkung ein: beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörung, Lähmungen und Lachreiz bringt er zu Protokoll, bevor er von seiner Laborantin begleitet, mit dem Rad nach Hause fuhr. Dort angekommen glaubte er sich bald dem Tode nahe, sah in der freundlichen Nachbarin plötzlich eine Hexe und seine Seele schien ihm von einem Dämon besessen. Ein hinzugerufener Arzt konnte bis auf geweitete Pupillen jedoch keinerlei ungewöhnliche Symptome feststellen. Gegen Ende erschien Hofmann dann doch noch das schon zuvor erlebte Farben- und Formenspiel, welches ihn begeisterte.

Am nächsten Morgen, körperlich müde, aber geistig klar, schrieb er einen Bericht über den neu gefundene Wirkstoff LSD. Er ist überzeugt, eine psychoaktive Substanz mit außergewöhnlichen Eigenschaften gefunden zu haben, die für die Anwendung in der Neurologie und Psychiatrie sicher von Nutzen sein würde.

Doch schnell wurden Zweifel an seinem Erlebnis laut. Die Dosierung könne so nicht korrekt sein. Und so erklärten sich drei weitere Kollegen Hofmanns zu einem Selbstversuch bereit. Diesmal jedoch nur mit einem Drittel der zuvor verwendeten Dosis, dafür aber ebenfalls mit einer für die Probanden überaus beeindruckenden Wirkung.

Schon Mitte der 1940er Jahre entwickelte Jonas Salk, zusammen mit Thomas Francis an der University of Michigan, einen Impfstoff gegen Influenzaviren. Nach seiner Ernennung als Direktor des virologischen Forschungslabors an der School of Medicine der University of Pittsburgh wandte er sich dem Erreger der Poliomyelitis (Kinderlähmung) zu. Entgegen dem damaligen Dogma, dass die Immunität durch eine Impfung nur mit lebenden Viren möglich sei, entwickelte Salk einen Totimpfstoff, bei dem nichtinfektiöse, deaktivierte Viren verwendet werden. 1952 führte er schließlich die ersten Impfversuche an sich und seiner Familie durch. Anschließend wurden in einem landesweiten Test bis 1954 insgesamt 1,8 Millionen Kinder gegen Polio geimpft. Im April 1955 erfolgte schließlich die Freigabe des Impfstoffes in den USA.

Sein Wissensdrang trieb Alexander von Humboldt um die ganze Welt. Besonders Südamerika hatte es im angetan. Von 1799 an erkundete er fünf Jahre lang Lateinamerika und erforschte dort das "Zusammenwirken der Naturkräfte".

Dabei nutzte er besonders gern seinen eigenen Körper zu Forschungszwecken. Und so war auch die Besteigung des bis dahin größten bekannten Bergs, des Chimborazos im heutigen Ecuador, in gewisser Weise ein Selbstversuch. In normaler Straßenkleidung (schwarzer Frack mit weißer Halsbinde, mit Hut und dünnen Rokoko-Stiefelchen) bestieg die Expeditionsgruppe um Humboldt den fast 6300 Meter hohen Berg. Dabei dokumentierte der Forscher akribisch die Reaktionen des eigenen Körpers auf die Bedingungen in der extremen Höhe. Jedes Symptom der Höhenkrankheit wurde genau festgehalten: neben Atembeschwerden, Schwindel und Übelkeit auch blutendes Zahnfleisch und blutunterlaufene Augen. Er versuchte auch die Symptome als Maß der Luftdrucks und damit der Höhe aufzuzeigen - der Körper als Messinstrument.

Den Gipfel erreichte der mutige Forscher zwar nicht, aber es fanden sich weitere Möglichkeiten für Selbstversuche: So testete er die Wirkung von Zitteraalen und trank das Lianengift Curare, um zu zeigen, dass nur der direkte Blutkontakt tödlich ist. Geschadet hat ihm das alles nicht, erst im hohen Alter von 90 Jahren starb der vielleicht letzte Universalgelehrte der Welt 1859 in Berlin.