Welcher Farbstoff kann mit Urin hergestellt werden?

Daniel Lingenhöhl
a) Indigo
b) Purpur
c) Indischgelb
d) Innsbrucker Grün

Antwort:

Alle diese Farben können mittels Urin gewonnen werden - und die Methode war früher durchaus gängig.

Erklärung:

Vor dem Siegeszug der chemischen Industrie mit ihren schier unendlichen Möglichkeiten der künstlichen Farbstoffmassenproduktion mussten sich die Färber, Maler und Illustratoren mit den Farben begnügen, die sie aus der Natur gewinnen konnten. Das Extrahieren von blauen, gelben oder roten Farbtönen aus bunten Erden, Pflanzen oder Tiersekreten war jedoch auch nicht so simpel, wie man es sich heute vielleicht vorstellt. Was in der Moderne oft fein austariert unter Computer gesteuerten Oxidations- oder Reduktionsbedingungen abläuft, basierte in der Antike, im Mittelalter oder Barock auf der Pi-mal-Daumen-Methode und Hausrezepten, sodass die Qualität der Endprodukte oft schwankte.

Ein klassischer Farbstoff, der unter Urineinfluss gewonnen wurde, ist beispielsweise das Indigo – dieses lichtechte, leuchtende Blau aus dem Färberwaid (Isatis tinctoria). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts legten die Färber von Leinen und anderen Textilien die Fasern der Pflanze in Wasser ein, bis aus dem farblosen Stoff Indican in den Zweigen durch Gärung der ebenfalls farblose Stoff Indoxyl entstand. Anschließend verbrachten die Arbeiter freitags fein verteilte Pflanzenfasern in ihren gesammelten Urin: die so genannte Küpe.

Die Brauanleitung verhieß die vielversprechendsten Ergebnisse mit Urin von Knaben und jungen Männern, die zuvor reichlich dem Alkohol zugesprochen hatten. Erst durch den im Harn vorhandenen Ammoniak wurde das wasserunlösliche Indoxyl in eine lösliche Form übergeführt, in der schließlich Tücher oder Kleidungsstücke getränkt und über das Wochenende eingeweicht wurden. Am darauffolgenden Montag hängten die Gesellen die Stoffe zum Trocknen auf, wodurch das Indoxyl an der Luft oxidierte und sich das Material im Laufe des Tages vom anfänglichen Gelb in das gewünschte satte Indigoblau verfärbte. Dieser Prozess lief von selbst ab, sodass sich die Färber an jenem Tag durchaus eine Auszeit nehmen konnten. Sie ging schließlich als "blauer Montag" in den Sprachgebrauch ein und überdauerte auch die erste synthetische Gewinnung des Farbstoffs 1878.

Kaisern, Senatoren und Päpsten war lange das Purpur vorbehalten, das aus einem weißlichen Sekret der Hypobranchialdrüse von Schnecken der Gattung Murex abstammte. Purpur ist chemisch eng mit Indigo verwandt, und so war auch dessen Art der Erzeugung eigentlich wenig adelig. Denn auch die Kleidung höchster Würdenträger musste durch eine urinhaltige Küpe, ohne die das edelste Purpur nicht hätte gewonnen werden können.

Zuerst mussten dazu die Drüsen der im Mittelmeer vorkommenden Meeresschnecken entfernt und tagelang in Salz eingelegt werden. Diese Masse füllte man anschließend mit Wasser auf und erwärmte sie sachte, sodass sie nicht zu kochen begann, was den Farbstoff zerstört hätte. Der Urin diente wiederum zum Anheben des pH-Werts in den basischen Bereich. Nach drei Tagen beginnt sich die zuerst violette Küpe mit den darin liegenden Stoffen zu verfärben: Über Grünlichblau geht sie zu Grün über, später klart sie schließlich auf, und das organische Material der Brühe setzt sich ab. In diesen Phasen darf kein Licht mehr den Färbeprozess stören, sonst endet das Kleidungsstück nicht im gewünschten Purpurviolett, sondern in oxidativem Purpurblau.

Laut dem Griechen Konstantion Paleokappa entdeckte ein Hirtenhund diesen Farbstoff. Er zerbiss am Strand eine Purpurschnecke, sodass sich sein Maul rot und seine Lefzen nach einer gewissen Zeit violett verfärbten. Andere verorten diese Legende zu den Phöniziern und deren Gott Melkart, dessen Hund sich an einer Purpurschnecke versuchte. Als der Gott die Schnauze mit einem Tuch reinigen wollte, wurde es purpurfarben. Vielleicht auch wegen dieser göttlichen Abstammung blieb Purpur bis heute einer der teuersten Farbstoffe.

Tierisch ist auch die Produktion von Indischgelb. Wie der Name schon andeutet, stammt es aus Indien, wo es aus dem getrockneten Urin von Rindern hergestellt wird, die zuvor mit Mangoblättern gefüttert wurden. Gleichzeitig durften sie nur wenig trinken, sodass ihr Harn mit dem Magnesium- und Kalzium-Salz der Euxanthinsäure angereichert war, das ein warmes, rötliches Gelb ergibt. Während es in Indien schon seit dem 15. Jahrhundert verwendet wurde, kamen die Europäer erst Mitte des 19. Jahrhunderts in den Genuss dieser Farbnuance. Wenig später verbot die indische Regierung allerdings die Gewinnung des Stoffs aus tierschützerischen Gründen: Die dazu eingespannten Kühe litten wegen der einseitigen Diät unter Mangelversorgung und Hunger.

Ob es dagegen den Farbstoff Innsbrucker Grün tatsächlich gibt, ist zumindest zweifelhaft. Das "Innsbrucker Manuskript" zur Farbherstellung im Mittelalter schreibt aber allgemein zur Erzeugung von Grüntönen: "Will Er grüne Farbe machen, nehm er Grünspan, siede das in Harn und mische Alaun dazu und einen Teil Gummiarabikum, und färbe damit. Will er die Farbe heller machen, so nehm er Auripigmentum (arsenhaltiges Trisulfid) hinzu und misch sie mit Alaun, gesotten in Essig und färb damit."

Welcher Farbstoff kann mit Urin hergestellt werden?