Welches dieser medizinischen Syndrome, die nach einer literarischen Gestalt benannt sind, gibt es nicht?

Sebastian Hollstein
a) Dorian-Gray-Syndrom
b) Alice-im-Wunderland-Syndrom
c) Oskar-Matzerath-Syndrom
d) Rapunzelsyndrom

Antwort:

Mediziner bedienen sich bei der Benennung bestimmter Krankheitsbilder gern im reichen Fundus der Weltliteratur. Romanfiguren können helfen, komplizierte medizinische Erscheinungen zu veranschaulichen. Allerdings ist bis heute kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch einfach beschließt, nicht mehr zu wachsen - wie der Held der "Blechtrommel", Oskar Matzerath.

Erklärung:

Inzwischen ist es ein weit verbreitetes Phänomen, dass sich Leute dem Älterwerden widersetzen wollen und dabei alle Möglichkeiten der Medizin ausnutzen. Dies kann krankhafte Ausmaße annehmen. Wer könnte als Namensgeber da besser passen als der Held aus Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray", der das Leben ausschweifend genießt, das Altern aber seinem Porträt auf der Leinwand überlässt?

Das Syndrom bezeichnet jedoch nicht nur das Krankheitsbild Einzelner, sondern das einer ganzen Gesellschaft. Immer häufiger lehnen Menschen mit zunehmendem Alter ihr Aussehen ab und versuchen es, radikal zu verändern und dem Schönheitsideal der Zeit anzupassen. Lifestyle-Medikamente wie Anti-Aging-Präparate oder Viagra sind in aller Munde. Die Schönheitschirurgie boomt. Die Ablehnung des eigenen Körpers aber greift die Psyche an. Depressionen – sogar mit Suizidgefahr – sind die Folge. Erst im Jahr 2000 bezeichneten deutsche Ärzte dieses Phänomen erstmals als Dorian-Gray-Syndrom. Oscar Wilde selbst achtete auch auf jugendliches Aussehen. Allerdings starb er bereits im Jahr 1900 mit 46 Jahren. Seine letzten Worte sollen ein Kommentar zur Einrichtung seines Hotelzimmers gewesen sein: "Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich."

Ein Zeitgenosse des berühmten Dandys lieferte den Namen für das Alice-im-Wunderland-Syndrom – Lewis Carroll. Die Bezeichnung geht auf eine bestimmte Textstelle zurück, in der Alice – genervt vom ständigen Wachsen und Schrumpfen innerhalb weniger Minuten – den Rat einer Raupe befolgt und Stücke vom einem Pilz abbeißt, der ihr die normale Gestalt wiedergeben soll. Allerdings drückt sich ihr Körper nach dem ersten Stück zusammen und sie stößt mit dem Kinn an ihre Füße. Beim zweiten Bissen schwingt sich ihr Kopf auf in luftige Höhen und sie bekommt einen Schlangenhals. Was hier eher witzig anmutet, hat in der Medizin allerdings einen ernsten Hintergrund: Patienten dieses Syndroms leiden an Wahrnehmungsstörungen. Sie nehmen Größenverhältnisse nicht mehr richtig wahr, haben Halluzinationen und sind orientierungslos. Sogar akustische Irritationen können sich einstellen. Meist ist dieses Syndrom eine Folgeerscheinung von Migräne oder Epilepsie. Vor allem Kinder und Jugendliche leiden darunter.

Das Rapunzelsyndrom tritt hauptsächlich bei Mädchen und jungen Frauen auf. Im November 2007 etwa entfernten Ärzte in Chicago einer 18-jährigen Patientin ein fünf Kilogramm schweres Haarknäuel (auch Trichobezoar genannt), das den Darm verschloss. Auf Grund einer psychischen Störung hatte sie sich jahrelang die Haare ausgerissen und dann gegessen. Sie sammelten sich im Magen und bildeten dort das lebensgefährliche Knäuel, von dem aus ein Zopf bis in den Dünndarm ragte. Bisher ist noch nicht bekannt, wieso sich ein solcher Korken bildet. Allerdings tritt das Syndrom nur sehr selten auf – bisher sind erst elf Fälle weltweit bekannt. Nur die wenigsten "Haaresser" sind davon betroffen.

Welches dieser medizinischen Syndrome, die nach einer literarischen Gestalt benannt sind, gibt es nicht?