Wer am Capgras-Syndrom erkrankt...

Lia Oberhauser
a) verwechselt vertraute Personen mit Gegenständen.
b) meint, seine Liebsten seien ihre Doppelgänger.
c) glaubt nicht zu existieren.
d) kann seine Bewegungen nicht bewusst steuern.

Antwort:

Menschen mit Capgras-Syndrom sehen und erkennen ihnen vertraute Menschen - und sind sich dennoch absolut sicher, einen Fremden vor sich zu haben.

Erklärung:

Offenbar verknüpft ihr Gehirn das Aussehen – beispielsweise des Ehepartners – nicht mehr mit den Gefühlen, die sie normalerweise bei dessen Anblick empfinden. Der Geliebte sieht also so aus wie immer, wirkt aber gleichzeitig seltsam fremd. Das passiert, wenn die Verbindung zwischen dem Hirnareal für Gesichtererkennung (Gyrus Fusiformis) und dem für emotionales Erinnern (Amygdala) gekappt wird, zum Beispiel infolge eines Schlaganfalls oder eines schizophrenen Schubs. Um nicht vollends den Verstand zu verlieren, stempeln die verwirrten Betroffenen den Fremden, der ihrem geliebten Ehepartner zum Verwechseln ähnlich sieht, ganz einfach als Doppelgänger ab. Dann hilft nur noch eins: Telefonieren! Die Stimme ihrer Vertrauten wirkt auf die Erkrankten nämlich nach wie vor vertraut.

Mindestens genauso problematisch für's Liebesleben muss es sein, wenn man seine Frau mit einem Hut verwechselt. Der Neurologe und Autor Oliver Sacks benannte gleich ein ganzes Buch nach diesem kuriosen Fall von assoziativer Agnosie, einer Art Bedeutungsblindheit. Sacks Patient konnte äußere Merkmale des Gegenstands "Ehefrau" – wie die Farbe oder Form – zwar problemlos beschreiben – und wusste trotzdem nicht, worum es sich bei diesem handelte. Also tippte er ganz willkürlich auf einen Hut. Er hatte sich Verletzungen in den assoziativen visuellen Areale seines Kortex eingefangen, die das Aussehen eines Gegenstandes mit Informationen zu dessen Sinn und Funktion verknüpfen.

Menschen mit Apraxie hingegen erkennen und verstehen die Welt um sich herum sehr wohl, haben aber Schwierigkeiten auf sie zu reagieren. Denn Mimik, Sprache, Gestik und andere Bewegungen entgleiten ihrer bewussten Kontrolle. Apraxiker kämpfen nicht mit Lähmungen – ihre motorischen Hirnareale sind intakt. Vielmehr hindern beschädigte assoziative Kortexareale sie daran, ihre Bewegungen auf das abzustimmen, was um sie herum geschieht.

Was sie überhaupt noch in dieser Welt zu suchen haben, fragen sich schließlich Menschen mit Cotard-Syndrom: Sie sind der festen Überzeugung, nicht mehr zu existieren und quasi als lebendige Leiche durch die Gegend zu wandeln. Manche Experten nehmen an, dass Cotard-Erkrankte das gleiche hirnorganische Problem haben wie Capgras-Betroffene und nur anders damit umgehen: Statt die Fremden um sich herum als Doppelgänger zu deklarieren, halten sie sich selbst für gefühlskalte Zombies.

Wer am Capgras-Syndrom erkrankt...