Wer hält die Schlüsselgewalt über die Grabeskirche in Jerusalem?

Jan Philipp Bornebusch
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© Jan Philipp Bornebusch
(Ausschnitt)
a) die römisch-katholische Kirche
b) die griechisch-orthodoxe Kirche
c) das israelische Innenministerium
d) die muslimischen Familien Joudeh und Nusseibeh

Antwort:

Seit der Zeit Saladins und seines vorübergehenden Friedensschlusses mit Richard Löwenherz 1192 trägt jeden Morgen ein Vertreter der Familie Joudeh den großen, eisernen Schlüssel zur Tür der Grabeskirche. Dort nimmt ihn ein Angehöriger der Nusseibeh entgegen und schließt das untere der beiden uralten Schlösser auf. Dann öffnet sich eine Luke, durch die ein römisch-katholischer oder ein griechisch-orthodoxer Mönch eine schmale Leiter zu Nusseibeh hinaus schiebt, mit deren Hilfe er auch das obere Schloss erreichen kann. Abends spielt sich das Ritual in umgekehrter Reihenfolge ab.

Erklärung:

Die Nusseibehs führen ihre Verwalter-Pflichten auf ein Dekret von Kalif Omar ibn Khattab aus dem Jahr 637 zurück, das ihnen die Verantwortung für einen Vorläuferbau der heutigen Grabeskirche in Jerusalem übertrug. Als Saladin die heilige Stadt 1187 – nach Besetzung Jerusalems und Vertreibung der Muslime durch die Kreuzfahrer – eroberte, vertraute er den Schlüssel zur Grabeskirche jedoch der Familie Joudeh an. So verwahren bis heute die Joudehs den Schlüssel, damit die Nusseibehs ihres Amtes walten können.

Seit der Kreuzfahrerzeit teilt die griechisch-orthodoxe Kirche den Bau, der laut Tradition die letzten Stationen im Leben Christi überspannt, mit der armenisch-apostolischen und der römisch-katholischen Kirche, vertreten durch die Franziskaner. Beginnend mit ausführlichen Renovierungsarbeiten durch die Franziskaner im Jahr 1555 wechselte die Oberaufsicht jedoch immer wieder zwischen Orthodoxen und Katholiken hin und her, je nachdem wessen Bestechungsgelder bei der osmanischen Obrigkeit auf fruchtbareren Boden fielen. Der ständigen, teilweise gewalttätigen Querelen überdrüssig erließ die Regierung 1767 schließlich einen Ferman, der die Kirche klar zwischen den Konfessionen aufteilte. Der überwiegende Teil fiel an die griechisch-orthodoxe Kirche.

Im 19. Jahrhundert erweiterten dann noch syrisch-orthodoxe Christen von Antiochien, ägyptische Kopten und mit ihnen die damals noch zur koptischen Kirche zählende Tewahedo-Kirche äthiopisch-orthodoxer Christen das gruppendynamisch schwierige Arrangement und beanspruchten einige kleinere Bereiche in und um die Kirche mit den dazugehörigen Privilegien und Pflichten für sich. Um den daraus resultierenden Zankereien (die auf weltpolitischer Ebene 1853 zum Krimkrieg führten) Herr zu werden, verordneten die Osmanen 1852 ein erneutes, heute als "Status Quo" bekanntes Dekret. Es regelt, wer zu welcher Zeit an welchem Ort welche Riten ausführen darf, Kerzen anzündet, den Boden wischt, Reparaturen durchführen oder anderen Platz machen muss.

Damit hörten die Streitereien aber nicht auf. Als einige Jahre später alle äthiopisch-orthodoxen Mönche im aus Lehmhütten bestehenden Deir-es-Sultan-Kloster auf dem Dach der Grabeskirche der Pest zum Opfer fielen, besetzten es die Kopten, weil sie es als ihr Eigentum betrachteten. 1970 eroberten es die Äthiopier, die mittlerweile eine eigenständige Kirche bildeten, zurück, indem sie während des Osterfestes, als alle koptischen Mönche zum Gebet gegangen waren, sämtliche Schlösser austauschten. Heute zanken beide Parteien darum, wer die Renovierungskosten für das mittlerweile einsturzgefährdete Kloster übernehmen muss.

Das israelische Innenministerium, das seit 1967 den im Status Quo festgelegten "neutralen Faktor" und somit die Beschwerde- und Schiedsinstanz verkörpert, hat angeboten, die Kosten zu übernehmen – aber erst, wenn sich die Glaubensbrüder über die Besitzrechte geeinigt haben.

Es bedarf aber weit geringeren Anlasses für handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen den Gottesmännern verschiedener Couleur. 2002 wurden sieben äthiopische und vier koptische Mönche mit Verletzungen durch Steinwürfe ins Krankenhaus eingeliefert, weil ein Kopte seinen Stuhl in den Schatten gerückt hatte und damit in das Hoheitsgebiet der Tewahedo-Kirche eingedrungen war. 2004 stand die Tür zur franziskanischen Kapelle offen, während die Griechisch-Orthodoxen der Auffindung von Jesu Kreuz durch die Heilige Helena gedachten – diese Respektlosigkeit löste eine Schlägerei aus, die zur Festnahme zweier Ordensbrücher führte. 2008 kam es gleich mehrfach zu tumultartigen Szenen zwischen griechischen und armenischen Mönchen.

In solchen Fällen greifen die 14 in der Kirche stationierten israelischen Polizisten ein und Abdul Quader Adib Joudeh und Waheeh Nusseibeh nehmen die zweite traditionelle Aufgabe ihrer Familien wahr: Sie versuchen zu schlichten, damit in der Grabeskirche jeder nach seiner Fasson selig werden kann.
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