Wer stellt zahlenmäßig die größte Fraktion in den Ozeanen dieser Welt?

Ulrike Gebhardt
a) Cyanobakterien
b) Algen
c) Viren
d) Krebstiere

Antwort:

Viren führen die Liste an.

Erklärung:

Zugegeben: Viren hier unter eine Auflistung von Lebewesen zu setzen, ist gewagt. Schließlich können die kleinen infektiösen Partikel ohne "richtige" Organismen gar nicht überleben – sie können sich nur vermehren, wenn sie als Untermieter die zelluläre Maschinerie anderer Lebewesen nutzen. Sie als eigenständige Organismen zu betrachten, ist daher mindestens umstritten.

Doch ein Blick durch das Elektronenmikroskop brachte es vor 15 Jahren ans Licht: Im Meerwasser wimmelt es nur so vor Viren. Dass es diese Winzlinge, die lediglich aus Eiweißen, Erbsubstanz und gelegentlich einer Membranhülle aufgebaut sind, im Meer gibt, war seit längerem bekannt. Für Aufregung sorgte jedoch letztes Jahr die Beobachtung, dass jedes Lebewesen, ob Blauwal oder "Blaualge" – also Cyanobakterium –, infiziert sein kann. Die Fülle der Viren im Meer ist daher unüberschaubar.

In einem Milliliter Seewasser in Küstennähe finden Forscher rund hundert Millionen Viren, in der Tiefsee sind es immer noch etwa drei Millionen. Nach aktuellen Berechnungen sind Viren damit die zahlenstärksten Meeres-"Bewohner" und stellen im Ökosystem Ozean nach den Prokaryoten den zweitgrößten Biomasseposten – so man sie in diesem Fall mal zu den Lebewesen zählt. Alle marinen Viren enthalten so viel Kohlenstoff wie 75 Millionen Blauwale.

Doch allein die Menge macht noch nicht die Bedeutung aus. Die meisten der Viren im Seewasser sind infektiös, und manche können das auch nach mehr als hundert Jahre langem Aufenthalt in den Meeressedimenten bleiben. In den letzten Jahren entdeckten Wissenschaftler laufend neue Arten und ordneten sie verschiedenen Virusfamilien zu. Sie verschonen nichts und niemanden, von Bakterien über Garnelen und Krabben bis zu den Fischen, Robben oder Walen.

Exakte Aussagen über die Sterblichkeit zu machen, die durch Viren hervorgerufen wird, ist allerdings schwierig. Nach Schätzungen fallen täglich zwanzig bis vierzig Prozent der Meeresbakterien einer Virusinfektion zum Opfer. Damit tragen die Viren im gleichen Ausmaß zum Tod der Mikroben bei, wie die Fraßaktivität des Zooplanktons.

Viren infizieren das Meeresplankton und haben daher einen großen Einfluss auf das ökologische Gleichgewicht, die Verfügbarkeit von Nährstoffen oder auch das Auftreten von Algenblüten. Modellberechnungen zeigten, dass Viren im Meer als eine Art Katalysator fungieren, der die Umwandlung von Nährstoffen beschleunigt. Indem sie das Absterben von Organismen bewirken, werden Nährstoffe in gelöster Form frei, die wiederum von mikrobiellen Lebensgemeinschaften aufgenommen werden können. Viren beeinflussen daher entscheidend den globalen Kohlenstoff-Kreislauf oder auch auf die Verfügbarkeit des Elementes Eisen.

Wenig ist bislang über die Ansteckungswege und Reservoire der Krankheitserreger bekannt, die höhere Meerestiere infizieren. Caliciviren etwa zirkulieren offenbar zwischen im Meer lebenden und terrestrischen Säugetieren. Der erste Fall einer Infektion, die durch marine Caliciviren hervorgerufen wurde, liegt mehr als 70 Jahre zurück: 1932 erkrankte eine Schweineherde im kalifornischen Orange County, nachdem die Tiere mit Küchenabfällen aus umliegenden Restaurants gefüttert worden waren. Wie sich später herausstellte, muss der Abfall rohen Fisch enthalten haben, über den die Viren auf die Haustiere übergehen konnten. Manche Viren, die Meerestiere infizieren, stellen auch ein mögliches Risiko für die menschliche Gesundheit dar. Ein Calicivirus etwa, das gewöhnlich Seelöwen befällt (San Miguel sea lion virus serotype 5; SMSV-5), ist auch für Menschen krankheitserregend.