Wie nannte Thomas Jefferson die Amerikaner in seiner ersten Version der Unabhängigkeitserklärung?

Claudia Reinert
John Trumbull, US Capitol
© John Trumbull, US Capitol
(Ausschnitt)
a) Untertanen
b) Revolutionäre
c) Bürger
d) Souverän

Antwort:

1776 nannte Thomas Jefferson die Bewohner der 13 Kolonien - auch wenn es unglaublich scheint - zunächst "subjects", also Untertanen.

Erklärung:

Bei dem ersten Entwurf zur US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung handelte es sich um das Dokument, mit dem das "Fünferkomitee" John Adams, Benjamin Franklin, Robert R. Livingston und Roger Sherman ihr Mitglied Thomas Jefferson beauftragt hatte. Über dem Wort "subjects" befindet sich allerdings als Korrektur das Wort "citizens", Bürger. Den darunter liegenden ersten Entwurf fand die Forscherin Fenella France in der Library of Congress mit Hilfe von hyperspektraler Bildgebung, als sie das Originaldokument untersuchte.

Revolutionäre wäre in diesem Kontext ein unpassender Begriff gewesen: Die gesamte Argumentation der Unabhängigkeitserklärung zielt darauf ab, dass es sich nicht um einen gewaltsamen Umsturz gegen das herrschende Recht handelt, sondern um ein Unternehmen, zu dem die Naturgesetze und Gott selbst ("the Laws of Nature and of Nature’s God") die Siedler antreiben. Den faktischen Bruch des bestehenden Rechts, das von der britischen Krone repräsentiert wird, stilisiert Jefferson dadurch zur Kontinuität.

Zwar wird die Zeit zwischen 1773 und 1783 als American Revolution bezeichnet – und auch Jefferson verwandte das Wort "revolutionär", wie folgendes Zitat zeigt: "As revolutionary instruments (when nothing but revolution will cure the evils of the State) [secret societies] are necessary and indispensable, and the right to use them is inalienable by the people." Im Fall der Unabhängigkeitserklärung hatte er aber vermutlich diplomatische Gründe, ihren revolutionären Charakter herunterzuspielen.

Apropos "Revolution": Die Bedeutung "gewaltsamer Umsturz der politischen und sozialen Ordnung" bekam das Wort erst im 17. Jahrhundert, als in der britischen "Glorious Revolution" 1688 das politische System zur alten, legitimen Ordnung zurückkehrte. Vorher bezeichnete der Begriff die Umdrehung der Himmelskörper (von lat. revolutio).

Jefferson hätte die Bürger seiner zu gründenden Republik durchaus als Souverän bezeichnen können. Doch die Unabhängigkeitserklärung soll nicht die Machtverhältnisse im neuen Staat klären, sondern Gründe für die Loslösung von den Briten anführen. Durch das Dokument soll die Welt erfahren, welche Verletzungen ihrer Rechte und welche Anmaßungen ("injuries and usurpations") die Kolonisten seitens des Königs von Großbritannien erdulden mussten. Bereits Thomas Hobbes argumentierte im 17. Jahrhundert mit dem Wort "Souverän": Für ihn war er derjenige, dem die höchste Macht übertragen wurde, der starke Herrscher – damals der absolutistische König.

Warum aber wählte Jefferson ausgerechnet den Begriff Untertan, der dem absolutistischen König gegenübersteht? Das mittelhochdeutsche Adjektiv "undertan" bedeutet ursprünglich "unterjocht, verpflichtet". Doch seit dem 14. Jahrhundert, als diese Sprache noch in Gebrauch war, hat sich die Wortbedeutung allerdings stark gewandelt. Seit der Zeit des Absolutismus bezeichnet es einen Staatsangehörigen, der einem Regime unterworfen ist, das er nicht mit legitimen Mitteln absetzen kann. Somit handelt es sich in fast allen Fällen um eine (Erb)Monarchie.

Um Jeffersons Beweggründe zu verstehen, ist es sinnvoll, sich nochmals Thomas Hobbes vor Augen zu führen: Dieser plädierte – angesichts der Wirren der Cromwell-Diktatur – für einen starken Monarchen – dem die subjects, Untertanen, gegenüberstehen. Seiner Meinung nach war der Monarch deswegen besser geeignet zu herrschen, weil er nur einen Willen hat, in "Demokratien" aber viele Willen herrschen. Außerdem führt Hobbes die Beständigkeit des Monarchen an. Das rechtfertigt in gewisser Weise Jeffersons ursprüngliche Schreibweise – wenn sie auch mit der Erklärung der Unabhängigkeit offensichtlich hinfällig wird: Wem sollten die Amerikaner untertan sein?

Im Gegensatz zum Untertan zeichnen den Bürger schon immer seine Rechte aus: Das römische Bürgerrecht umfasste beispielsweise aktives und passives Wahlrecht ebenso wie Vertragsfähigkeit. Wenige Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung wird im Frankreich nach der französischen Revolution der Titel Bürger, citoyen, wiederbelebt, und zwar genau im Gegensatz zum Wort Untertan. Er steht symbolisch für das Schlagwort der "égalité" der Französischen Revolution – jeder kann Bürger genannt werden ohne Ansehen seines Standes.

War es diese Betonung des Bürgerrechtes, die Jefferson zur Änderung veranlasste? Leider gibt es keine Tagungsberichte zu den Entwürfen der Unabhängigkeitserklärung – daher lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, ob und wie den Vätern der Erklärung die Tragweite dieser simplen Wortänderung klar wurde. Fest steht nur: Am 4. Juli 1776 nahmen die Vertreter der 13 Gründerstaaten im Kontinentalkongress den Entwurf an und erklärten formell die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten vom Mutterland Großbritannien.