Wie veränderte sich der durchschnittliche IQ seit den letzten 100 Jahren?

Andreas Jahn
a) Er nahm zu
b) Er nahm ab
c) Er blieb gleich

Antwort:

Seit 1890 lässt sich in den Industrieländern eine kontinuierliche Zunahme des durch Tests messbaren Intelligenzquotienten (IQ) nachweisen. Das Phänomen wird nach seinem Entdecker Flynn-Effekt genannt.

Erklärung:

Vermutlich hielt James R. Flynn nicht viel von Intelligenztests. Zumindest entdeckte der Politologe von der University of Otago im neuseeländischen Dunedin den nach ihm benannten Effekt in den achtziger Jahren eher zufällig und verspürte keinen Anlass, das Phänomen wegzuerklären: "Als Nicht-Psychologe wusste ich nicht, was richtig zu sein hatte."

Tatsächlich ist der Flynn-Effekt inzwischen mehrfach quer durch alle Industrieländer bestätigt worden und am sichersten für den Zeitraum zwischen 1952 und 1982 belegt. Demnach stiegen die unstandardisierten Intelligenzwerte über mehrere Generationen kontinuierlich an. Ein heutiger Durchschnittsmensch löst also bei einem Intelligenztest in der gleichen Zeit weitaus mehr Aufgaben als ein Durchschnittsmensch vor 30 Jahren. Oder anders ausgedrückt: Wer vor 100 Jahren zu den besten zehn Prozent gehört hatte, würde jetzt, bei den gleichen Testaufgaben, zu den dümmsten fünf Prozent gezählt.

Werden die Menschen wirklich immer schlauer? Und waren unsere Ahnen wirklich so viel dümmer als wir? Wohl kaum.

Eine genetische Ursache für den Flynn-Effekt scheidet von vornherein aus, denn dazu erfolgen die Veränderungen viel zu schnell. Die Ursachen liegen wohl eher im Messverfahren und in der immer noch fehlenden Definition der Intelligenz begründet. "Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst", heißt es so schön, und so versuchen standardisierte Testverfahren die intellektuelle Leistungsfähigkeit einer Person zu erfassen und auf eine Vergleichsgruppe zu beziehen. Dabei wird ein durchschnittlicher IQ auf 100 festgesetzt, wobei die Werte nach oben wie nach unten nach einer Glockenkurve gleichmäßig streuen: 68 Prozent der Vergleichsgruppe liegen zwischen den IQ-Werten 85 und 115, zwei bis drei Prozent gelten mit einem IQ über 130 als hochbegabt, während es genauso viele Minderbegabte mit einem IQ unter 70 gibt.

Doch die Tests, die aufgrund des Flynn-Effekts immer schwieriger gestaltet werden müssen, messen letztendlich nicht Intelligenz – was immer das auch sein mag –, sondern bestimmte Fertigkeiten, die sich auch mehr oder weniger trainieren lassen. Beliebt sind dabei Testaufgaben, die auf das schnelle Erkennen von Mustern abzielen, und bei diesen Bilderrätseln macht sich der Flynn-Effekt besonders stark bemerkbar. So vermuten Psychologen, dass die zunehmende Bilderflut unserer Zeit zu einer Steigerung der Testergebnisse geführt haben könnte. Wird dagegen erlerntes Schulwissen abgefragt, dann schneiden heutige Testkandidaten nicht besser ab – eher im Gegenteil.