Wo herrscht das schlechteste Wetter der Welt?

Daniel Lingenhöhl
a) Mount Washington, New Hampshire
b) Kifuka, Kongo
c) Kericho-Nandi-Hills, Kenia
d) Waialeale, Hawaii
e) Point Reyes, Kalifornien

Antwort:

Überall dort ist es nicht besonders schön, aber die unangenehmsten Bedingungen herrschen wohl auf dem Mount Washington.

Erklärung:

Eisige Kälte, Nässe, Nebel und Unmengen an Schnee, rasende Winde: Es gibt sicherlich angenehmere Arbeitsplätze als die Wetterbeobachtungsstation auf dem Mount Washington im US-Bundesstaat New Hampshire. Wer aber als Meteorologe Rekorde sucht, ist hier genau an der richtigen Stelle. Obwohl der Berg nur knapp 1917 Meter hoch ist und auf dem gleichen Breitengrad wie beispielsweise die italienische Hafenstadt Genua liegt, suchen ihn extreme Wetterlagen heim wie sonst kaum einen anderen Ort auf diesem Planeten. Oder wie es einer der Treuhänder des örtlichen Observatoriums einst ausdrückte: "An irgendeinem Platz auf Erden mag es dann und wann noch schlechteres Wetter geben. Aber das muss man erst einmal verlässlich aufzeichnen."

Auf dem von den früheren Indianern ehrfurchtsvoll Agiocochook ("Das Zuhause des Großen Geistes") genannten Mount Washington ist dies der Fall: 1870 wurde dort die weltweit erste meteorologische Überwachungsstation aufgebaut. Hier wurden am 12. April 1934 die bislang stärksten Windgeschwindkeiten in Bodennähe aufgezeichnet: Mit Spitzenwerten von 372 Kilometern pro Stunde fegte ein Sturm über den Gipfel – Weltrekord, nirgends maßen Menschen mehr. Solch heftige Orkane sind nicht die Regel, aber prinzipiell windet es auf dem Berg fast ständig und kräftig, denn er liegt im Kreuzungspunkt dreier ausgeprägter Sturmbahnen. Sowohl aus der Golfregion, als auch aus dem Atlantik und sogar vom nordwestlichen Pazifik fegen Sturmtiefs vorüber.

An 110 Tagen im Jahr übersteigen die Windgeschwindigkeiten Hurrikanstärke – alles, was draußen stehen muss, ist deshalb mit schweren Ketten festgezurrt. Und das Observatorium ist so gebaut, dass es Stürmen bis zu 480 Kilometern pro Stunde widersteht. Doch Winde allein plagen die Forscher nicht: Mit den Tiefs prasseln auch ergiebige Niederschläge auf sie herab. Im Winter 1968/69 fielen 14 Meter Schnee auf dem Berg, dazu regnet es im Jahresschnitt mehr als 2500 Liter auf den Quadratmeter. Im Winter fallen die Temperaturen häufig unter minus 40 Grad Celsius, die sich in Kombination mit den harschen Winden bisweilen wie bis zu minus 70 Grad Celsius anfühlen. An der Wetterstation wachsen dann waagrechte, meterlange Eisfahnen und hüllen sie in einen frostigen Panzer.
Mount Washington Observatory
© NOAA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernMount Washington Observatory
Derartig frische Bedingungen stellen sich in Kifuka im Kongo nicht ein. Starke Sonneneinstrahlung, feuchte, instabile Luftmassen und die Lage im Bergland sorgen für ein anderes rekordverdächtiges Phänomen: Nirgends schlagen womöglich mehr Blitze pro Quadratkilometer ein als rund um dieses kleine Dorf. 158 Mal pro Jahr entlädt sich dort die aufgestaute Spannung von Gewitterwolken und zuckt gleißend zu Boden - zum Vergleich: Die allgemeine Blitzhäufigkeit in Deutschland liegt zwischen 0,5 und 10 Einschlägen pro Quadratkilometer und Jahr.

Ebenfalls in Afrika findet sich der Ort, an dem es am häufigsten hagelt: die Kericho-Nandi-Hills am Rande des Großen Grabenbruchs in Kenia. In der Hitze des Nachmittag verstärkt sich dort der Aufstieg feuchter Luft vom Viktoriasee an den Hängen der Hügel, so dass sich über dem mehr als 2000 Meter hohen Hochplateau große Gewittertürme ausbilden. Darin wiederum herrscht enormer Auftrieb, der die Feuchtigkeit in kühle Atmosphärenschichten reißt, wo sie gefriert, so dass sie schließlich als Hagel ausfallen kann. Wegen dieser geografisch-klimatischen Kombination kann es hier also nahezu täglich hageln. Richtig schmerzhaft bis lebensgefährlich wird es aber vor allem im Norden Indiens und Bangladeshs, wo Meteorologen die meisten Stürme mit Extremhagel beobachten: Die Eisbrocken haben Durchmesser von mehr als zehn Zentimetern, und in Bangladesh glaubte man am 14. April 1986 sogar Hagelkörner auf, die mehr als ein Kilogramm wogen - 92 Menschen starben in diesem Unwetter.

Sonnenanbeter sind auf dem Vulkan Waialeale auf der Hawaii-Insel Kauai fehl am Platze: Hier regnet es durchschnittlich an 335 Tagen im Jahr insgesamt 10 800 Millimeter - kein Wunder also, dass der Ort übersetzt "überfließendes Wasser" heißt. Touristen zieht es dennoch hierher, denn sie hoffen den feuchtesten Flecken der Erde besuchen zu können. Doch sie täuschen sich, denn der liegt in absoluten Zahlen eigentlich in Indien beim Dorf Mawsynram: Die zwölf Meter Niederschlag konzentrieren sich allerdings auf die Monsunsaison, während es am Waialeale beständig nieselt, tröpfelt, regnet, gießt und schüttet.

Point Reyes an Kaliforniens Küste schließlich wurde gerade auch wegen seines trüben Wetters berühmt: als Drehort für den Gruselfilm "The Fog - Nebel des Grauens". Nur an wenigen Orten stellt sich die dicke graue Suppe ähnlich zuverlässig und häufig ein wie an dieser Landzunge in der Nähe von San Francisco. Vor der Küste drängt der Kalifornienstrom mit seinem kalten Wasser südwärts und kühlt die feuchten Luftmassen darüber so stark ab, dass sich oft über Wochen hinweg und an mindestens 200 Tagen im Jahr Nebel bildet. Bisweilen beträgt die Sichweite weniger als 50 Meter, und man sieht am Beginn der 300 Stufen langen Treppe nicht den pittoresken Leuchtturm, zu dem sie führen sollen. Dazu pfeifen oft orkanartige Winde über die exponierte Landzunge, an der vor Bau des Leuchtturms manch ein Schiff zerschellte - die passende Kulisse also für einen Film, in dem untote Seeleute dafür Rache nehmen, dass sie mit einem falschen Signalfeuer ins Verderben gelockt worden waren.

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