Worunter leidet jemand mit Retifismus?

Daniel Lingenhöhl
a) Tanzsucht
b) Schuhfetischismus
c) Ekel vor Fröschen
d) Chronisches Sodbrennen

Antwort:

Es ist der Schuhfetischismus.

Erklärung:

Schuhgeschäfte gelten wahrscheinlich vielen Männern als Schwarze Löcher, die beim Einkaufsbummel in großstädtischen Fußgängerzonen ihre Angetraute oder Lebensgefährtin unweigerlich anziehen und verschlucken. Im Gegensatz zu den unersättlichen Schwerkraftmonstern des Alls entlassen die hungrigen Einkaufstempel der Städte ihre Kundschaft aber wieder, und frau (seltener auch mann) ist um diverse Sneaker, Stilettos oder schnöde Schlappen reicher.

Zumindest dem subjektiven Empfinden nach besitzen die meisten Frauen also mehr Schuhe als ihre Partner, und wegen ihres Faibles für edle Fußbekleidung locken die entsprechenden Boutiquen auch mit ihren Damenschuhen im Eingangsbereich und Erdgeschoss, während jene für die Herren der Schöpfung verschämt im Keller oder in den hinteren Ecken des Ladens angeboten werden.

Dennoch wäre es fehl am Platze, wenn die Männer einen ausgeprägten Schuhfetischismus bei ihren besseren Hälften diagnostizieren, sobald diese mit den Worten "Schatz, ich habe mir neue Schuhe gekauft" die abendliche Sportschau unterbrechen. Denn der Schuhfetischismus ist eine tatsächlich anerkannte Zwangshandlung aus der Psychologie wie Sexualforschung und hat als einzige Form des Fetischismus eine eigene Bezeichnung erhalten: den Retifismus.

Der Begriff leitet sich ab vom Vornamen des französischen Schriftstellers Nicolas Rétif de la Bretonne, der von von 1734 bis 1806 lebte und selbst unter einer manischen Anziehung durch Schuhe und beschuhte Damenfüße litt. Seiner Liebe zum – oder Sucht nach – Schuhwerk gab er auch literarisch Ausdruck; er verfasste unter anderem einen Roman mit dem Titel "Le Pied de Fanchette" und schrieb in seiner Autobiografie "Monsieur Nicolas": "Von der heftigsten, ganz abgöttischen Leidenschaft für Colette fortgerissen, wähnte ich sie leiblich zu sehen und zu fühlen, indem ich die Schuhe, die sie eben noch getragen hatte, mit meinen Händen betastete. Ich drückte meine Lippen auf das eine dieser Kleinode, während mir in einem Anfall von Raserei das andere das Weib ersetzte."

Mit dieser Neigung des Schuh- oder Fußfetischismus blieb und bleibt Rétif de la Bretonne jedoch nicht allein. Schätzungen zufolge gehört der Retifismus zu den häufigsten sexuellen Fixierungen auf Gegenstände oder bestimmte Körperteile und existiert in verschiedenen Spielarten. Sexualforscher empfehlen eine Behandlung bei echtem Leidensdruck oder wenn der Fetischismus den Geschlechtsverkehr mit einem lebenden Partner vollständig ersetzt.

Die Tanzsucht (auch Tanzwut) dagegen hat nichts mit Fetischismus zu tun. Angeblich handelt es sich dabei um eine Volkskrankheit aus dem Mittelalter, bei der tausende Menschen aus religiösen Gründen tanzten, bis sie Schaum vor dem Mund hatten und in Zuckungen verfielen. Ähnlich wie heute noch die muslimischen Derwische der Türkei, die während eines endlosen Kreiseltanzes in eine religiöse Trance fallen, wollten die mittelalterlichen Tänzer womöglich himmlische Visionen empfangen.

Ihre damit wenig einverstandenen Angehörigen beteten um Hilfe den Heiligen Veit an, weshalb sich auch der Name Veitstanz dafür eingebürgert hat. Ausgelöst wurden diese Massentänze womöglich durch Vergiftungen: etwa durch den halluzinogen wirkenden Mutterkornpilz, der damals häufig Getreide befiel. Die Begriffe Veitstanz, Tanzwut und Tanzsucht sind zudem volkstümliche Bezeichnungen für die schwere, bislang unheilbare Erbkrankheit Chorea Huntington, bei der für Bewegungen verantwortliches Nervengewebe im Gehirn zerstört wird und die Betroffenen unter anderem unter unkontrollierten Bewegungen von Armen und Schultern leiden.

Ekel vor Fröschen, die so genannte Ranidaphobie, ist wiederum eine abnorme, irrationale und unkontrollierbare Angst vor den Lurchen, die bei den Betroffenen körperliche und psychische Folgen wie Panikattacken, Herzrasen oder Schweißausbrüche auslösen kann. Diese Phobie tritt allerdings weit seltener auf als jene gegen Spinnen oder Schlangen.

Chronisches Sodbrennen schließlich entsteht durch den häufigen Rückfluss (Reflux) von Magensäure in die Speiseröhre – etwa in Form Verschlussstörung des Mageneingangs oder bei zu hohem Genuss von stark fetthaltige Mahlzeiten, Kaffee, stark gewürzten Speisen oder alkoholischen Getränke. Stress kann die Ausbildung von Sodbrennen ebenfalls begünstigen.

Worunter leidet jemand mit Retifismus?