Rezension | 02.08.2013 | Drucken | Teilen

Der begehrte Seeweg

In ihrem neuesten Buch schildert die Historikerin, Ethnologin und mehrfache Buchautorin Gudrun Bucher die faszinierende Entdeckungsgeschichte des nördlichen Seewegs vom Atlantik zum Pazifik. Europäische Seefahrer suchten ab dem 15. Jahrhundert nach dieser Verbindung, um eine westliche Handelsroute nach Indien und China zu finden. In den darauf folgenden Jahrhunderten organisierten sowohl mächtige Königshäuser als auch Handelsunternehmen und einzelne Abenteurer immer wieder Expeditionen, um die Nordwestpassage zu durchfahren und zu kartographieren.

Zunächst wurden sie von wirtschaftlichen Motiven angetrieben: Man wünschte sich eine möglichst kurze und profitable Schifffahrtsstraße nach Asien. Später kamen weitere Beweggründe hinzu. Großbritannien führte die Suche lange Zeit an, um seinen Einfluss und sein Prestige zu mehren. Aus den gleichen Gründen beauftragten auch Holland, Spanien und Portugal risikobereite Seefahrer damit, die Passage zu finden. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts traten zudem vermögende Einzelpersonen auf, die den arktischen Seeweg aus reiner Abenteuerlust und Ruhmbegierde erkunden wollten.

"Abenteuer Nordwestpassage" ist chronologisch gegliedert, beginnt im antiken Griechenland und endet mit dem norwegischen Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928), der die Passage im 20. Jahrhundert als Erster durchfuhr. In den Kapiteln dazwischen arbeitet Bucher die Jagd auf den verheißungsvollen Seeweg umfangreich auf, geht dabei auf berühmte Forscherpersönlichkeiten wie Sir John Franklin (1786-1847) ein oder gewährt Einblicke in die Tagebucheinträge eines unbekannten Schiffskochs. Parallel dazu beschreibt sie die Erkundung und Kartographierung Amerikas.

Als Ethnologin befasst sich Bucher auch mit den Ureinwohnern der Regionen rund um die Nordwestpassage, den Inuit. Sie dienten europäischen Polarforschern und Siedlern lange Zeit als Dolmetscher, Jäger und Führer. Als die Suche nach dem nördlichen Seeweg jedoch vorbei war und die Inuit somit nur noch von geringem Nutzen, wurden viele von ihnen deportiert, ihrer Heimat und Tradition entrissen, was etliche in den Selbstmord trieb. In den 1960er Jahren begannen sie damit, sich gegen die von Weißen auferlegten Jagdregeln zu wehren. Seit 1999 verfügen sie über ein großes eigenständiges Territorium im Norden Kanadas, genannt Nunavut ("Unser Land").

Im letzten Teil ihres Buchs diskutiert die Autorin, welche Vor- und Nachteile die Nutzung des Nordpolarmeers hat. Im Zuge der globalen Erwärmung schrumpft die Eisdecke in der Arktis. Auch die Nordwestpassage ist zunehmend eisfrei, was sie als Handelsroute immer interessanter macht. Unter anderem wird dadurch die Frage drängender, ob Öltanker den Seeweg befahren dürfen und wie sich in dem Fall die polare Umwelt schützen lässt. Bucher zählt die Argumente sowohl dafür als auch dagegen auf, stets sachlich und fundiert. Alles in allem spricht sie sich aber für eine Priorität des Naturschutzes aus.

"Abenteuer Nordwestpassage" ist historisch sehr detailliert aufgearbeitet und lehrreich. Die Lesefreude kommt ebenfalls nicht zu kurz. Vor allem die eingefügten Originalzitate von Polarforschern, Seefahrern und Abenteurern sorgen für Spannung. Fesselnd stellt die Autorin auch die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe dar, vor denen sich die Suche nach der Nordwestpassage abspielte.

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