Die junge Werbetexterin Mila begibt sich wegen einer Depression in eine psychosomatische Klinik. Inmitten einer großen Maschinerie, deren Gesetze sie nicht versteht, beobachtet sie zunächst ihre Mitpatienten – darunter ein "aufgescheuchtes Huhn" und ein "scheues Reh" sowie drei Manager, die ihr seelisches Leiden in einem Tonfall vortragen, "in dem man normalerweise zwei Pfund Gehacktes an der Fleischtheke bestellt". Mit ihrem eigentlichen Problem beschäftigt sie sich zunächst weniger als mit den Romanzen ihrer Leidensgenossen: Immer sei "irgendjemand eifersüchtig, fühlt sich ausgeschlossen oder heult. Wie im Ferienlager."

Im Lauf der Zeit gewöhnt sich Mila an das Klinikleben. In der Therapie rückt sie nach und nach mit schmerzlichen Erkenntnissen heraus, schildert, wie sie sich schämt, wenn sie Rotz und Wasser heulend vor ihrem Therapeuten sitzt, und dass sie sich doch befreit fühlt, "endlich mal diese geballte Traurigkeit jemandem vor die Füße zu werfen, ohne Rücksicht auf Verluste".

Als sie sich mit ihrem Freund streitet, weil sie das Gefühl hat, er würde mit ihr sprechen wie mit einer unzurechnungsfähigen Irren, spiegeln sich darin vor allem ihre eigenen Befürchtungen. Mila bemerkt, dass "dieser Psychozirkus" in der Klinik Teil ihres Lebens geworden ist - ein Teil, der viel mehr zu ihr gehöre als ihr altes Leben, in dem sie sich so lange verbogen hatte, bis sie schließlich nicht mehr wusste, was sie eigentlich wollte.

Die Gespräche mit anderen Patienten nehmen in diesem Erfahrungsbericht ähnlich viel Raum ein wie die Therapiestunden - sicherlich ein realistisches Bild des Klinikalltags. Mit halb so vielen Dialogen wäre dieses Buch zwar weniger wirklichkeitsnah, doch spannender und aufschlussreicher geworden: Wenn Lohmann die Selbstreflexionen ihres Alter Ego vor dem Leser ausbreitet, erreicht das Buch seine inhaltlichen und sprachlichen Höhepunkte.

Zum Beispiel bringt Werbetexterin Mila ihre seelischen Nöte anschaulich und treffend auf den Punkt: wie lächerlich sich ihre Arbeit anfühlte, wie bleiern ihr Körper, gefühllos wie ein eingeschlafener Arm, eine kaputte Puppe: "Mir ging es irgendwie überhaupt nicht mehr." Schonungslos seziert sie ihr eigenes Verhalten, etwa ihre Sorge, zum Elterngespräch beim Therapeuten die richtige Kleidung zu wählen. Dabei kommt ihr der Gedanke, wie schön es wäre, wenn doch einmal "mein Vater stundenlang vorm Kleiderschrank steht in dem Bemühen, mir zu gefallen".

Das Ende dagegen fällt ganz und gar nicht realistisch aus. Zunächst findet Mila einen Zettel, auf dem steht: "Das Leben ist entweder ein aufregendes Abenteuer oder gar nichts." Das bringt sie dazu, kurz entschlossen ihren Job zu kündigen. Dann kommen Vater und Mutter zum Therapiegespräch und verhalten sich letztlich doch wie Bilderbucheltern. Und schließlich taucht auch noch der verloren geglaubte Freund am Tag der Entlassung wieder auf. Ein Wunschtraum – oder nahm die wahre Geschichte hinter diesem autobiografisch inspirierten Erfahrungsbericht tatsächlich ein so versöhnliches Ende? Leider findet nicht jeder Klinikaufenthalt einen derart hollywoodtauglichen Abschluss.