Versuche, östliche Weisheitslehren mit den Erkenntnissen moderner Wissenschaft zu verbinden, hat es immer wieder gegeben. So kombinierte der Österreicher Fritjof Capra in den 1970er und 1980er Jahren Quantenphysik und Taoismus, um eine ganzheitliche Weltsicht zu entwickeln. Der Dalai Lama, einer der höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, tritt gern mit Forschern in einen Dialog. Häufig aber ist das Ergebnis solcher Grenzgänge ein unbrauchbares Gemisch aus rationalen und mystischen Weltmodellen.

Das ist bei dem vorliegenden Werk nicht zu befürchten. Entgegen dem ein wenig zu vollmundig formulierten Untertitel handelt es sich um den keineswegs esoterischen Tagungsband des Kongresses "Achtsamkeit: eine buddhistische Praxis für die Gesellschaft heute", der 2011 an der Universität Hamburg stattfand.

Achtsamkeit, im Englischen häufig mit "mindfulness" übersetzt, ist ein zentrales Konzept aller buddhistischen Lehren. Der Religionswissenschaftler B. Alan Wallace erläutert in seinem Beitrag die Bedeutungen der originalen Begriffe in der klassischen buddhistischen Literatur: "etwas im Gedächtnis behalten" und "Fokussierung auf den Augenblick". Beides zusammen ergibt ein Bewusstsein für das Gegenwärtige, das dann ein Fundament für tiefere Erkenntnis bilden soll.

In den späten 1970er Jahren entwickelte der heute emeritierte Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn von der University of Massachusetts Medical School in Worcester eine säkularisierte Form: die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (englisch MBSR). Inzwischen findet sie vielfach Anwendung, etwa in der Therapie von chronischen Schmerzen, Angststörungen und Depressionen. MBSR setzt geleitete Meditationen ein. Dazu gehören der Bodyscan, bei dem der Praktizierende alle Körperteile der Reihe nach im Geist durchwandert und seinem momentanen Befinden "nachspürt", eine Gehmeditation sowie die Beobachtung des Atemflusses.

Welche Effekte dergleichen auf das Gehirn zeitigt, darüber berichtet die amerikanische Neurowissenschaftlerin Sara Lazar. Sie maß an Meditierenden mittels Magnetresonanztomografie unter anderem gesteigerte Aktivität in Hirnstrukturen des paralimbischen Kortex, der das emotionale Zentrum – das limbische System – mit den für Denken und Problemlösung zuständigen Regionen der Großhirnrinde verknüpft. Hingegen war die an Fluchtreaktionen beteiligte Amygdala weniger aktiv als sonst. Die Forscher ermittelten zudem Veränderungen der grauen Hirnsubstanz in Strukturen wie dem Hippocampus, der bei der Steuerung von Emotionen sowie beim Lernen eine große Rolle spielt. Diese Veränderungen waren bei Personen, die seit mehreren Jahren fast täglich 40 Minuten meditieren, deutlich ausgeprägter als bei Patienten, die ein dreimonatiges MBSR-Programm absolvierten. Daraus schließt Lazar, dass es sich um einen Trainingseffekt handeln müsse.

Der in Liverpool forschende deutsche Psychologe Peter Malinowski untersucht, wie die Achtsamkeitsmeditation Gefühlsregulation und kognitive Flexibilität beeinflusst. 40 Versuchsteilnehmer wurden per Los einer Kontroll- und einer Meditationsgruppe zugeteilt. Letztere Probanden erhielten eine Einführung in die Atemmeditation, die sie dann 16 Wochen lang täglich 10 bis 15 Minuten praktizieren sollten. Die Teilnehmer absolvierten zu Beginn und am Ende der Studie den Stroop-Test: Hierbei gilt es, Farbwörter laut vorzulesen, deren Bedeutung nicht mit der Schriftfarbe übereinstimmt, also beispielsweise das Wort "Blau" in roten Buchstaben. Diese Aufgabe erfordert hohe Konzentration, sonst kommt einem rasch die falsche Farbe über die Lippen. Unterstützt durch EEG-Messungen fanden die Psychologen, dass die Meditationspraxis den Einsatz der kognitiven Ressourcen optimiert und die Regulation der Aufmerksamkeit verbessert hatte.

Ihr Fachkollege Stefan Schmidt von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, einer der Herausgeber, überprüft die Wirkung von Achtsamkeitsübungen bei der Bekämpfung von Schmerzen. Meditationspraxis senke deren Intensität zwar oft nur geringfügig, doch die Patienten gingen mit ihrem Leiden gelassener um.

Solchen Berichten aus Medizin und Psychologie stehen Erörterungen der wichtigsten Textstellen in den maßgeblichen buddhistischen Werken aus Sicht der Religions- und Erkenntniswissenschaften gegenüber. Das ist allerdings harte Kost und dem Laien nur schwer zugänglich. Deutlich wird in diesen Beiträgen aber, dass sich das säkularisierte Achtsamkeitskonzept westlichen Zuschnitts in einem wesentlichen Punkt von dem buddhistischen unterscheidet: Während der therapeutische Kontext eine neutrale Haltung verlangt, in der Gedanken und Gefühle, die während der Meditation auftauchen, nicht bewertet werden, geht die buddhistische Achtsamkeitspraxis unabdingbar mit einer ethischen Erziehung einher – Gedanken schädlichen Inhalts müssen als solche erkannt werden, sodann gilt es, die Aufmerksamkeit bewusst von ihnen abzuwenden.

Meditation ist offenbar nicht gleich Meditation, auch sie vollzieht sich in einem kulturellen Kontext. Sich dessen bewusst zu werden, hilft, die Klippen der Esoterik zu umschiffen. Auch das ist letztlich eine Form von Achtsamkeit.