Eine naturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Angst" war lange dem Betreten von dünnem Eis vergleichbar. Nun wagt sich (endlich) Günter Tembrock vor, der Begründer der Verhaltensforschung in der ehemaligen DDR, und siehe da – das Eis trägt. Angst wird traditionell als ein rein psychologisches Phänomen verstanden. Für die Frage nach Angst bei Tieren führte diese Sicht zu der Kontroverse um das Vorhandensein einer Tierseele. Nachdem der Begriff "Seele" auch in der Psychologie zunehmend durch "Bewusstsein" ersetzt wurde, ergab sich daraus die Frage nach dem Bewusstsein von Tieren. Im Gegensatz zur Seele ist das Bewusstsein jedoch in Reichweite der Biologie, und gerade in der Neurobiologie sind große Fortschritte zu verzeichnen. Wenn nun dieselben Mechanismen, die Angst beim Menschen begleiten, auch bei Tieren (insbesondere Säugetieren) wirksam sind, dürfen wir davon ausgehen, dass Tiere Angst erfahren können. Gemäß Tembrock ist Angst ein dynamischer Verhaltenszustand, der in Situationen auftritt, für die kein adäquates Verhalten abrufbar ist. "Nicht die Maus, die vor dem Verfolger flieht, hat ‚Angst‘, sondern jene, die daran gehindert wird." Besonders die Qualifikation von Angst als Verhaltenszustand geht weit über die den meisten Verhaltensbiologen lieb gewordene, eher phänomenologische Definition von Verhalten hinaus, wie sie zum Beispiel in Immelmanns "Wörterbuch der Verhaltensforschung" gegeben wird. Damit wird eine weiter reichende Definition von Verhalten notwendig, die Tembrock auch nicht schuldig bleibt. Tiere zeigen häufig ähnliches Verhalten wie wir selbst in Situationen, die uns ängstigen. Das Verhalten der Tiere kann somit als Bioindikator für Angst zum Einsatz kommen. An dieser Stelle hebt Tembrock, der über eine jahrzehntelange Erfahrung in der Bioakustik verfügt, insbesondere das akustische Verhalten der Tiere hervor. Durch Lautanalyse kann auf die Ängstlichkeit von Tieren geschlossen werden. In welchen Situationen und auf welche Weise Angst auftritt, ist von Tier zu Tier je nach genetischer Prädisposition und individueller Erfahrung sehr verschieden. Für den Menschen sind durch die kulturelle und technische Evolution neue Dimensionen der Angst entstanden: Situationen, für die keine adäquaten Verhaltensweisen evolviert sind, wie Prüfungs- oder Flugangst, die oftmals als existenzielle Bedrohung empfunden werden. Durch präadaptive Mechanismen und erlerntes Verhalten ist der Mensch zwar grundsätzlich in der Lage, in den meisten Situationen angemessen zu reagieren, doch greifen diese Mechanismen nicht immer ausreichend. Darüber hinaus schafft der Mensch zunehmend Ursachen für die Gefährdung seiner Existenz, denen selbst die durch individuelle und kulturelle Erfahrung ausgebaute "natürliche Verhaltensausstattung" nicht mehr genügt. Die 27 – durchwegs gut erläuterten – Abbildungen erfordern manchmal viel Aufmerksamkeit, bieten jedoch schematische und präzise Zusammenfassungen des Textes. Im Literaturverzeichnis fehlen zahlreiche Quellen, auf die der Text verweist – im Zeitalter moderner Textverarbeitung ein seltsamer Fehler! Da das Buch ein Glossar enthält, hätte Tembrock im Text nicht immer wieder umgangssprachlichen Ausdruck und Fachterminus nebeneinander aufführen müssen. Mit zahlreichen Beispielen aus seiner eigenen Forschungs- und Erlebniswelt sowie aus anderen ausgewählten Untersuchungen stellt Tembrock stets einen Bezug des manchmal abstrakt theoretischen Inhalts zum echten Leben her. Dabei kommt seine Begeisterung für sein Forschungsgebiet und dessen Umfeld deutlich zum Vorschein.