Ein Foto aus dem Jahr 1935 zeigt eine 19-Jährige mit kindlichen Gesichtszügen, die freundlich in die Kamera lächelt. Sie steht vor einem Krankenhaus, in dem man sie zwangssterilisieren wird, damit sie ihr Erbgut nicht weitergeben kann. Laut medizinischem Bericht leidet Anna Lehnkering an "angeborenem Schwachsinn". 1936 wird sie von einem Arzt für "nutzlos und wertlos für die Volksgemeinschaft" erklärt und in eine Pflegeanstalt eingewiesen. Den Akten zufolge fordert sie hartnäckig, zu ihrer Familie heimkehren zu dürfen – vergeblich. Rund vier Jahre lebt sie in dem Heim, offenbar ohne jemals Besuch zu erhalten. Dann schickt das Anstaltspersonal die inzwischen 24-Jährige in die Gaskammer von Grafeneck.

2003 findet die Lehrerin Sigrid Falkenstein den Namen ihrer Tante Anna im Internet auf einer Liste von "Euthanasie"-Opfern, die 1940/41 bei der ersten Massenvernichtungsaktion im Dritten Reich von deutschen Ärzten ermordet wurden. Das Ziel der so genannten Aktion T4: "lebensunwertes Leben" zu vernichten und damit in den Anstalten Platz für verwundete Soldaten zu schaffen. Die Autorin beginnt, die Familiengeschichte zu rekonstruieren. Doch ihr Vater kann oder will sich nicht mehr an die Ereignisse um das Verschwinden seiner behinderten Schwester erinnern. Nach mehrjähriger Recherche vollzieht Falkenstein Annas Lebensgeschichte anhand von Krankenakten in dieser Biografie nach. Dabei spricht sie ihre Tante immer wieder persönlich an und berichtet ihr quasi im Gespräch, was sie über sie herausgefunden hat. Diese persönliche Note hebt das Buch vom trockenen Stil vieler Historiker und Chronisten ab.

Gleichwohl schildert die Autorin ihre Schwierigkeiten bei der Recherche ganz sachlich – ihre Erfahrungen sprechen für sich. So habe die Heilanstalt, die Anna einst an ihre Mörder ausgeliefert hatte, die Namen der von ihr zu verantwortenden Opfer zunächst nicht an die Gedenkstätte von Grafeneck übermittelt. Noch 2006 habe die Anstalt ihr "aus datenschutzrechtlichen Gründen" die Auskunft verweigert.

In die letzten Kapitel mischen sich zunehmend die Empörung über das Vergessen sowie mahnende Worte zum Gedenken an die Opfer. Wiederholt sei sie anfangs auf "Mauern aus Gleichgültigkeit und Ignoranz" gestoßen. Auf der anderen Seite habe sie im Bemühen um Aufklärung viele Mitstreiter gefunden – darunter Frank Schneider, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). 2010 bekannte er sich in deren Namen zur Verantwortung seines Berufsstands an der organisierten Massentötung psychisch kranker und behinderter Menschen im Dritten Reich.

Mehr als 70 000 von ihnen wurden allein in den Jahren 1940 und 1941 ermordet. Die kargen Zahlen machen es schwer, sich das Leid der Betroffenen vorzustellen. Mit ihrer Tante gibt die Autorin den behinderten deutschen NS-Opfern ein Gesicht und vermittelt stellvertretend deren grauenhaftes Schicksal. Als Falkenstein mit ihrer Recherche begann, wäre Anna 88 Jahre alt gewesen. Man hätte sie gerne noch einmal auf einem Foto gesehen: eine freundliche ältere Dame inmitten ihrer Familie.