Der Physiker Arnold Sommerfeld war kaum weniger bedeutend als seine Zeitgenossen Max Planck oder Albert Einstein, ist aber heute weitaus weniger bekannt. Auch eine Biografie fehlte bisher auf dem Markt. Hier schafft das neu erschienene Buch Abhilfe.

Aber Vorsicht! Das Werk ist aus einem DFG-geförderten Projekt hervorgegangen, das die Wirkung Sommerfelds auf die Physik des 20. Jahrhunderts zum Thema hatte; entsprechend richtet es sich in Inhalt und Stil hauptsächlich an Wissenschaftshistoriker. Michael Eckert, theoretischer Physiker und am Deutschen Museum für die Geschichte der Physik zuständig, beschreibt in den ersten fünf Kapiteln Sommerfelds Familiengeschichte, seine jungen Jahre und seine frühe berufliche Entwicklung vor dem Hintergrund des späten 19. Jahrhunderts. Das liefert durchaus interessanten Stoff, der allerdings sehr detailreich ausgewalzt wird. So breitet der Autor auf mehreren Seiten aus, wie Sommerfeld Enzyklopädieartikel redigierte oder Register erstellte. Die langwierige, rein chronologische Darstellung unterscheidet Wichtiges nicht von Nebensächlichkeiten; ein und dasselbe Detail wird oft mit mehreren Zitaten belegt. Das macht es schwierig, interessante Höhepunkte aus dem Text zu klauben.

Wer sich die Mühe macht, lernt eine facettenreiche Person kennen: Sommerfeld war nicht nur ein vielseitiger und produktiver Forscher, sondern auch ein begabter Klavierspieler, ein überzeugter Idealist, der sich preußischen Tugenden verpflichtet fühlte, ein geselliger Mensch, dem Frauen ihr Herz ausschütteten, und ein liebevoller Ehemann. Fotos veranschaulichen wichtige Lebensereignisse, und eine Zeichnung verrät Sommerfelds künstlerisches Talent. Zahlreiche Zitate aus seinen Briefwechseln bringen dem Leser die damalige Denk- und Ausdrucksweise nahe und zeigen Sommerfelds feinen Humor. Er erfand Fantasienamen für Politiker und Kollegen (»Giovanni Fortissimo« für einen seiner Lieblingsfeinde in der Nazizeit, Johannes Stark), und gab seiner Frau ungewöhnliche Kosenamen wie "sympathisches Pendelchen"; gemeint sind gekoppelte Pendel mit gleicher Frequenz, die einander die Energie immer wieder hin- und herreichen. Er zeigte auch eine poetische Ader, indem er die Atomphysik im Vorwort zu seinem Standardwerk "Atombau und Spektrallinien" mit Musik verglich: "Die Quantentheorie ist das geheimnisvolle Organon, auf dem die Natur die Spektralmusik spielt und nach dessen Rhythmus sie den Bau der Atome und der Kerne regelt."

Hier und da sind kuriose und unterhaltsame Anekdoten über bekannte Wissenschaftler der damaligen Zeit versteckt – wie die Bemerkung von Sommerfelds vierjährigem Sohn zu seiner zwei Jahre jüngeren Schwester: "Du isst ja wie Onkel Boltzmann!"

Weitere drei Kapitel befassen sich hauptsächlich mit Sommerfelds wissenschaftlicher Arbeit in München, wo er ab 1906 bedeutende Beiträge zur Atomphysik und Quantentheorie leistete. Unter anderem zeigte er, dass Röntgenstrahlen sich wie Wellen verhalten, und erklärte bis dahin unverstandene Eigenschaften von Metallen. Als begabter Lehrer und Buchautor inspirierte er viele junge Wissenschaftler, darunter Werner Heisenberg und Wolfgang Pauli. Sommerfeld hält einen zwiespältigen Rekord: Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde er 81 Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen und erhielt ihn doch nie – dafür bekamen mehrere seiner Schüler diese Auszeichnung.

Für theoretische Physiker, die sich für die Geschichte ihres Fachs interessieren, sind diese Kapitel Leckerbissen, doch Leser mit weniger Vorkenntnissen dürften sich an der Fülle wenig erklärter Fachbegriffe die Zähne ausbeißen. Die langatmigen Ausführungen machen es schwer, die Rolle Sommerfelds für die Entwicklung der Physik einzuschätzen. Prägnante Zusammenfassungen, ein Stichwortverzeichnis oder ein Glossar wären hilfreich, oder auch eine Zeitleiste wichtiger Ereignisse. All dies fehlt jedoch, so dass man sich wissenschaftliche und historische Zusammenhänge mühsam aus dem Text heraussuchen muss.

Schließlich geht es in fünf Kapiteln darum, wie Sommerfeld trotz zwei Weltkriegen die Entwicklung der Quantenphysik vorantrieb. Dieser Teil des Buchs dürfte am ehesten ein breiteres Publikum ansprechen: Hier wird anhand von Originalquellen lebendig, welche Schikanen Sommerfeld und andere Wissenschaftler im Dritten Reich ertragen mussten und wie sich die Vertreter einer ideologisierten "Deutschen Physik" selbst lächerlich machten. Einstein und viele andere Fachkollegen wanderten aus, so dass Deutschland seine Führungsrolle in der Forschung an andere Länder abtrat. Ein Highlight des Buch ist ein leidenschaftliches Anti-Nazi-Gedicht von Sommerfelds Frau.

Wer sich durch die langwierigen Ausführungen kämpft, erfährt viel über wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts und lernt einen der bedeutendsten Physiker jener Zeit als vielseitigen Menschen kennen. Wahrscheinlich jedoch wird das vorliegende Buch nur einen kleinen Leserkreis begeistern. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige Autoren Sommerfelds Leben einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen werden.