Molekularbiologen analysieren an Universitäten und in professionellen Laboren das Erbgut von Pflanzen und Tieren. Dort züchten sie, ausgestattet mit den neuesten Geräten und unter strengsten Sicherheitsauflagen, gentechnisch veränderte Organismen – ein Job für Experten, die genau wissen, was zu tun ist. So sollte man meinen. Und so irrt man sich.

Langsam und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen findet die Gentechnik ihren Weg aus den Hightech-Laboren in die heimische Küche – oder das kleine Berliner Büro von Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg. Die drei Journalisten beschreiben, wie sie sich völlig legal DNA-Sequenzen liefern lassen, mit denen man das Gen für das tödliche Gift Rizin herstellen kann, ihr eigenes Erbgut nach einem "Sportler-Gen" durchforsten und mit kriminalbiologischen Methoden genetische Fingerabdrücke erstellen.

Kann man heutzutage wirklich mit einfachen, frei zugänglichen Mitteln Erbgut analysieren oder gar manipulieren? Was für eine gefährliche molekularbiologische Suppe brodelt da außerhalb der akademischen Genforschung? Diesen Fragen gehen die Autoren nach – und werden dafür auf Zeit selbst zu "Do-it-yourself-Biologen". Spannend und auch für den biologischen Laien verständlich geschrieben lassen sie den Leser an ihrem "beispiellosen, zweijährigen Selbstversuch" teilhaben.

Das Handwerk für ihre Experimente eignen sie sich auf einer Reise in die USA an. In einem heruntergekommen Haus in der Nähe von Boston treffen sie auf Nerds, die nicht wie früher Computerplatinen verlöten, sondern "Bio-Bausteine" zusammensetzen, Bakterien gentechnisch mit allen erdenklichen Eigenschaften ausstatten und Zellen züchten, die nach jeder Teilung die Farbe wechseln. Schnell wird klar: Grundständige Genforschung ist in den Vereinigten Staaten längst kein universitäres Monopol mehr. In Garagen oder offenen Gemeinschaftslaboren gehen Wissenschaftler und Laien ihrem Spieltrieb nach, aus Spaß an der Sache und ganz ohne das akademische Korsett zielgerichteter Forschung.

Schnell haben Charisius, Friebe und Karberg ihre Grundausbildung abgeschlossen. Eine Maschine zum Vervielfältigen von DNA bekommen sie für schlappe 320 Euro bei E-Bay. Chemikalien beziehen sie über Apotheken und Lieferanten für Arztpraxen – alles ganz legal. Für 3500 Euro ist am Ende ein einfaches Minilabor komplett.

Der erste Untersuchungsgegenstand ist eine Sushi-Probe aus dem benachbarten Restaurant. Kommt dort vielleicht nicht der teure Fisch auf den Tisch, den die Speisekarte verspricht? Ein Gentest könnte Klarheit schaffen. Hierfür muss aus dem Erbgut des Fischs nur ein artspezifisches Gen untersucht werden. Mit einiger Mühe gelingt es den Hobbyforschern tatsächlich, ein solches zu isolieren. Aber um zu wissen, um welchen Fisch es sich handelt, müsste das Gen sequenziert werden – und das kann nur ein professionelles Labor leisten.

Deutlich weiter kommen die Journalisten auf dem Pfad der Kriminalbiologie: Sie erstellen einen genetischen Fingerabdruck und überführen einen Verdächtigen, der seit Längerem in Berliner Parks sein Unwesen treibt. Trickreich und unbemerkt nehmen sie Speichelproben und sind sich anschließend einigermaßen sicher: Der Übeltäter muss "klein, schwarz und pudelähnlich" sein. Das zumindest legt der DNA-Vergleich des Hundesabbers mit den im Park verstreuten Tretminen nahe.

Kann man heutzutage mit Amateurmitteln Erbgut analysieren oder gar manipulieren? Vermutlich ja, doch zuverlässig oder gar einfach durchführbar sind die Analysen nicht. Und ein Killerbakterium wird wohl noch lange nicht in irgendeinem Hinterhof entstehen – allein, weil der Aufwand zu groß und das Knowhow der Hobbybiologen noch zu begrenzt ist. So steckt die spielerische Do-it-yourself-Biologie wohl noch in den Kinderschuhen, auch wenn die Autoren sie in der Tradition einer "Bürgerwissenschaft" sehen, von der sie sich mehr demokratische Teilhabe an der viel diskutierten Gentechnik erhoffen. Von einem "aufgeklärten Bio-Bürgertum" ist die Rede, das als "Gegenstück und kompetente Kontrollinstanz zu den Bio-Eliten im akademischen, privatwirtschaftlichen und Verwaltungs-Sektor" dienen könnte.

Bis dahin ist es sicher noch ein langer Weg – aber das Buch macht Lust darauf, diesen mitzugehen und selbst einmal auszuprobieren, wie weit man als Biohacker kommen kann. An das Equipment kommt man zurzeit nicht ganz so günstig wie die Autoren; aber bei E-Bay habe ich kürzlich immerhin einen Genkopierer für 699 Euro gesehen.