Bruno P. Kremer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie und ihre Didaktik der Universität zu Köln. Das merkt man seinem Buch an. Er überblickt sein Gebiet nicht nur, sondern kann es auch didaktisch geschickt vermitteln. Sein Thema, die Blütenbiologie (auch Blütenökologie) beschäftigt sich mit den Wechselbeziehungen zwischen den Blütenpflanzen und ihrer Umwelt zum Zwecke einer erfolgreichen Bestäubung. Diese Beziehungen können zur unbelebten Natur bestehen, etwa zur Luft bei Windbestäubung. Interessanter sind aber meist die Abhängigkeiten zu Tieren, vor allem zu Insekten, aber auch Vögeln und Säugetieren. Der Untertitel des Werks kündigt ja einige Teilgebiete bereits an.

In sieben Kapiteln versucht der Autor, den heutigen Wissenstand in der Blütenbiologie einigermaßen vollständig darzustellen. Um ihm zu folgen, benötigt man zunächst Grundkenntnisse in Botanik: Blütenbau, Sexualität bei Pflanzen, phylogenetische Ableitung der Blüte von den Sporenpflanzen, die dazu gehörenden Generationswechsel und so weiter. Erst im zweiten Teil seines Buchs kommt er zum eigentlichen Thema. Dort erläutert er dann, wie Blüten und ihre Bestäuber aus dem Tierreich (vor allem Insekten) ihre in einer Koevolution erworbene Passung nutzen, allerdings fast nur aus Sicht der Pflanzen.

Es folgen sowohl klassische als auch moderne "Blütengeheimnisse": wie Pollen gebildet werden und auf Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen aussehen, wie die Bestäubung bei der Wasserpest abläuft, was man über Windbestäubung bei der Hasel und bei Gräsern weiß sowie über die Insektenbestäubung bei zahlreichen – meist einheimischen – Pflanzen. Dabei geht Kremer durchaus ins Detail. So schildert er, wie manche Blüten ihren Bestäubern den Weg zum Nektar oder zum Blütenstaub mithilfe von auffälligen Farben (so genannten Saftmalen) weisen, oder wie andere ihre Besucher mit Duft anlocken, ohne etwas dafür zu bieten – eine Art Betrug also. Bebildert ist das Ganze mit beeindruckenden Nahaufnahmen, die meisten vom Autor selbst. Selbst mit einer zehnfach vergrößernden Lupe bekommt man nicht so viele Einzelheiten zu sehen, allenfalls im Labor am Binokular. Zum Vertiefen des Stoffs führt der Verlag auf seiner Website www.haupt.ch zwanzig weiterführende Experimente auf, die sich für den Unterricht als äußerst nützlich erweisen können. Das Spektrum der ausgewählten Beispiele, die Qualität der Bilder und die verständliche Aufbereitung des Stoffs machen Kremers Buch lesenswert, sowohl für interessierte Laien als auch für Fachleute. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis komplettiert das Werk.

Leider enthält es aber auch zahlreiche ärgerliche Schnitzer, die nicht alle zu Lasten des Autors gehen. So ist eine Blüte des Wiesenstorchschnabels gleich dreimal abgebildet, eine (überbelichtete) Aufnahme vom Lungenkraut taucht zweimal auf, und der Blütenstand eines Grases ist im Querformat gedruckt. Manchmal beschreibt der Text Pflanzen, die nicht abgebildet sind – wohingegen Fotos von Gewächsen erscheinen, die an den entsprechenden Stellen überhaupt nicht erwähnt werden. Mehrfach verweist er auf eine nicht auffindbare nummerierte Grafik. Noch schlimmer wird es, wenn der Autor auf den Seiten 82 und 83 erklärt, warum wir Blüten als ästhetische Gebilde sehen: weil ihre Proportionen in bestimmten Fällen dem Goldenen Schnitt gehorchen. Kremer versucht dann offenbar, die Konstruktion des Goldenen Schnittes aufzuzeigen, wobei das Buch aber die hierfür angekündigte Zeichnung schuldig bleibt. Dann sind zwei Zeichnungen auch noch vertauscht und unvollständig, und der Text enthält in einem missglückten Rückgriff auf den Pythagoras die unsinnige Aussage "32+42=52" statt "3²+4²=5²".

Auch die Sprache erscheint dem Thema manchmal unangemessen. So beruht ein großer Teil des Zaubers, der von den Blumen ausgeht, auf der Formästhetik von Blüten, Pollen, Samen und Blättern. Kremer weiß, dass diese Ästhetik in keiner Weise auf das menschliche Empfinden abgestimmt ist, dennoch erliegt er immer wieder der Versuchung, anthropozentrische Formulierungen wie "erschütternde Szenen" (für eine bestimmte Form der Pollenaufnahme durch Hummeln) oder "Ausflugslokal mit Tankstelle" (für Nektarien) zu verwenden. An anderen Stellen verleiht er Blüten Attribute wie "visuelle Knalleffekte", "Blickfang in der Parade aufgedonnerter pflanzlicher Mannequins" oder "aufgemotzte Gartenschöne", oder bezeichnet Ameisen als "Skinheads unter den Insekten".

Dafür entschädigen zahlreiche Anekdoten aus dem Leben bedeutender Forscher wie Carl von Linné (1707-1778; er ordnete die Pflanzen nach dem Bau der Blüten), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832; er erkannte, dass Blüten nur umgewandelte Blätter sind) oder Christian Konrad Sprengel (1740-1816; er begründete die Blütenbiologie, was ihn letztlich seinen Beruf kostete). Solche Kenntnisse in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte sind dann wieder eine große Bereicherung für das Buch.