Nachdem er sich jahrzehntelang mit dem Thema beschäftigt hatte, legte Charles Darwin (1809-1882) ein Jahr vor seinem Tod ein Buch über "Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer" vor. Der Wegbereiter der Evolutionstheorie war der erste, der sich mit der Akribie eines Naturforschers um das Leben unter der irdischen Oberfläche kümmerte – und wurde so zum Gründervater der Bodenkunde. Die Regenwürmer erhob er in den Rang von Nützlingen, die dafür sorgen, dass Böden aufgelockert und durchlüftet werden und Wasser aufnehmen können.

Seit Darwins Tagen ist immer deutlicher geworden, dass der Boden, den Menschen mit Füssen treten und beackern, höchste Aufmerksamkeit verdient. Er birgt eine fast unvorstellbare Vielfalt und Komplexität an Leben, und es wird höchste Zeit für uns, ein "Bodenbewusstsein" zu entwickeln. Längst kann die Wissenschaft zeigen, dass unter unseren Füßen unermesslicher Reichtum der Natur und viele verborgene Schönheiten zu finden sind. Es gehört daher zu den dringenden Aufgaben einer Kultur der Nachhaltigkeit, die durch Landwirtschaft und Industrie mitbewirkte Verschlechterung der Böden (Degradation) aufzuhalten, um zu verhindern, dass diese Basis des Lebens weiter schwindet. In Deutschland werden immer noch täglich mehr als 100 Hektar Boden versiegelt, und dabei nimmt man sich oft bedenkenlos den besten Ackerboden vor.

Um der Öffentlichkeit bei dieser Aufgabe zu helfen, haben sich mehr als 20 Künstler und Wissenschaftler zusammengetan und ein Projekt mit Namen "BodenLeben" ins Leben gerufen, über das sie jetzt in Form eines Buchs berichten. Mit dem Werk wollen sie zur Unesco-Initiative "Bildung für nachhaltige Entwicklung" beitragen. Herausgeber sind die Kulturmanagerin Beatrice Voigt und die Universität für Bodenkultur Wien, und wer in dem Band liest, kann die Fassetten des Bodenlebens kennenlernen und staunen, welche Wirkungen diese Lebenswelt entfaltet. Er kann den Weg von Darwins Biologie des Bodens bis zu den daraus erwachsenden ethischen Verpflichtungen verfolgen. Leser können daran teilhaben, wenn die Autoren Brücken zwischen Ästhetik und Ökologie schlagen, um den Boden der sinnlichen Erfahrung zugänglich zu machen und damit neue ethische Orientierungen zu ermöglichen.

Letzten Endes geht es um eine "Geoethik", eine ethische Grundhaltung im Hinblick auf unseren Planeten. Sie muss mehr sein als eine Umweltethik. Wichtig ist nicht nur, das Klima zu schützen und die biologische Vielfalt zu bewahren. Es gilt auch, die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu sichern, ohne den globalen Flächenverbrauch zu beschleunigen und etwa riesige Areale für die Fleischproduktion zu ruinieren.

Die Erfahrung lehrt, dass Informationen und Fakten allein nicht ausreichen, um Menschen dazu zu bringen, etwas an ihrem Handeln zu ändern. Die Wissenschaft allein kann mithin kein Umsteuern der Gesellschaft bewirken. Was Forscher mitzuteilen haben, müssen Künstler wahrnehmbar machen, damit es die Menschen innerlich anspricht und zu Änderungen in ihrem Umgang mit der Natur bewegt.

"BodenLeben" handelt von diesem Wechselspiel zwischen Kunst und Wissenschaft. Das Fazit: Es lohnt sich, die dünne Haut der Erde, die Milliarden Menschen trägt und ernährt, als wesentlichen Bestandteil der Biosphäre zu verstehen und kennenzulernen. Die Autoren des vorgestellten Buches zeigen sich durchweg engagiert und machen es dem Leser leicht, ihren Gedanken und Vorschlägen zu folgen. Man fühlt sich angesprochen und gut informiert.