Östliches Mittelmeer, 12. Jahrhundert vor Christus: Städte brennen, Reiche gehen unter, Völkerschaften verschwinden. Fast alle antiken Kulturen zwischen Ägäis und Persischem Golf stecken in der Krise. Die späte Bronzezeit geht zu Ende, und Gewaltkonflikte erschüttern die Region. Eine Zeitenwende, die deutliche Spuren in den Überlieferungen hinterlässt.

Was passierte damals? Dieser Frage geht der Althistoriker Eric H. Cline im vorliegenden Buch nach. Sein erklärtes Ziel lautet, die komplexe Umbruchssituation im 12. vorchristlichen Jahrhundert allgemeinverständlich und spannend darzustellen. Dies gelingt ihm fraglos.

Der Titel des Buchs ist etwas nichtssagend, erklärt sich aber schon nach kurzer Lektüre. Über den ägyptischen Pharao Ramses III. ist überliefert, er habe in seinem achten Regierungsjahr – eben 1177 v. Chr. – fremdländische Angreifer vor seiner Küste abgewehrt, die er "Seevölker" nannte. Auch von Ägyptens Nachbarkulturen sind Textquellen aus dieser Zeit erhalten, in denen immer wieder von Plünderern oder Piraten die Rede ist. Für die Archäologen früherer Generationen schien die Sache klar: Ein "Seevölkersturm" habe die bis dahin blühenden Reiche der Ägypter, Mykener, Hethiter und Babylonier ins Unglück gerissen und ein "Dunkles Zeitalter" eingeläutet.

Turbulente Zeiten

Moderne Archäologen sind von dieser Deutung nicht mehr überzeugt. Warum aber im 12. Jahrhundert v. Chr. die Staatenwelt der Spätbronzezeit zusammenbrach, können auch sie nicht sicher beantworten. Dürre- und Hungerperioden infolge eines Klimawandels werden ebenso diskutiert wie politische Umbrüche, Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen. Der Autor liefert mit seinem Buch eine populärwissenschaftliche Aufbereitung dieses Themas. Er erörtert verschiedene Ansätze zur Lösung des Rätsels, die in den zurückliegenden Jahren vorgebracht wurden.

Zunächst führt Cline seine Leser in die Welt der späten Bronzezeit ein und richtet den Blick dabei auf Ägypten, den östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien. Die damaligen Großmächte – Ägypten, Babylonien, das Hethiterreich und zeitweise auch das mykenische Griechenland – wirkten intensiv aufeinander ein. Dies mündete in ein bis dahin noch nie dagewesenes, Regionen übergreifendes Wechselspiel von Diplomatie, Krieg und Handel.

Rätselhafter Untergang

In den letzten beiden Kapiteln widmet sich der Autor dem Ende dieser frühen globalisierten Gesellschaft. Dabei orientiert er sich am neuesten Stand der archäologischen und historischen Forschung und zeigt mögliche Gründe für die Katastrophe auf. Klar wird: Auch Cline kann keine einfache Lösung anbieten. Es erscheint heute zwar als sicher, dass der Einfall marodierender "Seevölker" allein nicht ausgereicht hätte, um die spätbronzezeitliche Staatengemeinschaft zusammenbrechen zu lassen. Doch die alternativen Thesen dazu haben ebenfalls Schwächen. Der Autor erörtert den Stoff sachlich und ohne Partei zu ergreifen, so dass die Leser sich selbst eine fundierte Meinung bilden können.

Detailreich und in klarer Sprache führt Cline sein Publikum durch mehr als dreihundert Jahre antike Geschichte. Auch ohne wissenschaftliche Vorbildung wird man dabei einige "alte Bekannte" wiedererkennen, etwa Pharao Echnaton (14. Jh. v. Chr.) und seinen Nachfolger Tutanchamun, die hier in den größeren Kontext der Weltgeschichte eingeordnet werden. Den Auszug der Israeliten aus Ägypten prüft der Autor ebenso auf historische Plausibilität wie den trojanischen Krieg. Ganz nebenbei geht er auf Wissenschaftsgeschichte ein, indem er Forscherkoryphäen wie Howard Carter (1874-1939) oder Heinrich Schliemann (1822-1890) in interessanten Anekdoten beleuchtet. Auch weniger bekannte Pioniere der Archäologie treten auf, etwa der Minoer-Experte John Stringfellow Pendlebury, der 1941 auf Kreta von deutschen Fallschirmjägern erschossen wurde. So zeichnet Cline neben der Alten Geschichte auch fast zwei Jahrhunderte archäologischer Forschung in der Region lebendig nach.

Leider zieht der Autor manchmal dramatische Geschichten den historischen Fakten vor. Das irritiert insbesondere deswegen, weil er an anderen Stellen sein detailliertes und aktuelles Wissen beweist. Im Großen und Ganzen jedoch stellt das Buch die Historie nach heutigem Kenntnisstand fundiert und verständlich dar. Wer sich für die spätbronzezeitlichen Kulturen des Mittelmeers und der Levante interessiert und dabei Wert auf kurzweilige Lektüre legt, dem lässt sich "1177 v. Chr." guten Gewissens empfehlen.