Pflanzen sind viel spannender, als Sie denken: Das ist das Credo des erfolgreichen Sach- und Lehrbuchautors Bruno P. Kremer, der bekannt ist für seine unnachahmliche Art, Sachverhalte ansprechend zu vermitteln. Diesmal befasst sich der promovierte Biologe mit dem Wurzelwerk ausgewählter Bäume und Blütenpflanzen, weiß Erstaunliches von Blattstängeln und viel Besonderes über Blätter zu berichten.

Kremer stellt ungewöhnliche und spektakuläre Facetten von ausschließlich heimischen Arten vor, die ziemlich häufig sind daher auch als Nichtbotaniker bekannt sein dürften. Dabei pflegt der Autor einen äußerst vergnüglichen Ton. Nehmen wir zum Beispiel die Wurzeln: Die meisten Pflanzen haben welche, manche wie die winzige Zwerglinse aber auch nicht. Viele harmlos wirkende Blütenpflanzen, darunter einige der allseits beliebten Orchideen, nutzen ihre Wurzeln, um bei benachbarten Wiesenkräutern und Gräsern unterirdisch "abzukassieren". Der einfache Wiesenklee dagegen kultiviert in seinen Feinwurzeln zahlreiche Bakterien, die ihn mit lebenswichtigem Stickstoff aus der Luft versorgen. Und die Mistel zapft mit Hilfe besonderer Wurzelsenker aus ihrem Wirtsbaum sowohl Wasser als auch Mineralstoffe und baut ansonsten darauf, ein Leben lang mit ihm verwurzelt zu sein.

Baum und Pilz in Gemeinschaft

Anhand der Gewöhnlichen Fichte (Picea abies) erklärt Kremer eindrucksvoll die enge Lebensgemeinschaft, die Waldbäume zum beiderseitigen Nutzen mit Bodenpilzen eingehen. Der Spitzahorn (Acer platanoides) produziert "extrem bunten Abfall" (gemeint ist das Laub) und das Scharbockskraut (Ficaria verna) vermehrt sich "ohne Blümchensex" (also rein vegetativ). Diese Beispiele aus dem Text zeigen: Der Autor unterhält gern und amüsiert immer wieder mit griffigen Formulierungen aus dem Alltagsleben; schon die immerhin 88 Untertitel zu den einzelnen Pflanzen verraten viel Humor. Quasi nebenbei erhalten die Leser eine gehörige Portion biologisches Grundwissen, ohne gleich durch Fachbegriffe wie Symbiose, Mykorrhiza oder Parasitismus überfordert oder gar abgeschreckt zu werden.

Blüten sind für Kremer der visuelle Höhepunkt im Leben einer Pflanze. Besonders aufregend: Ihre Interaktionen mit tierischen Besuchern. Beim Aronstab kommt es zum "Kidnapping in der Kesselfalle", der Besenginster gehört wegen seiner laut aufplatzenden Hülsenfrüchte zu den "Fighting Flowers" und der Rote Fingerhut ist ein pflanzlicher Hochstapler, da er durch sein äußeres Erscheinungsbild üppige Pollenmengen verspricht, aber kaum etwas zu bieten hat.

Geschütze in freier Wildbahn

Aus Blüten werden Samen und Früchte. Auch hierzu kann der Autor im letzten Kapitel viel Überraschendes berichten. Vor allem die Verbreitung mancher Samen hat es ihm angetan. So verführt das Schöllkraut durch ein nahrhaftes Ölkörperchen bestimmte Ameisenarten dazu, die schwarz glänzenden Samen als Proviant anzusehen und so überall hin zu tragen. Springkräuter dagegen verlassen sich bei der Verteilung nicht auf tierische Helfer. Als "pflanzliche Artillerie" verschießen sie die Samen lieber selbst mit Hilfe eines ausgeklügelten Mechanismus in ihren Samenkapseln.

Letztlich geht es um verschiedene Strategien, sich an Umweltfaktoren und Ressourcenverfügbarkeit anzupassen, um ein Überleben zu sichern. Die Strategien der Natur sind so unterschiedlich wie erstaunlich, ganz nach dem Motto "Das Leben findet immer einen Weg."

Kremer macht den Einstieg in die Pflanzenwelt vor unserer Haustür zu einem großen Vergnügen. Als Hochschullehrer und Didaktiker versteht er es, das Werk gut zu strukturieren. Indem er die Hauptkapitel nach den pflanzlichen Grundorganen Wurzel, Stängel, Blatt, Blüte sowie Früchte mit Samen gliedert, vermeidet er den Eindruck einer beliebigen Aneinanderreihung von Kuriositäten. Das gut bebilderte Buch ist leicht verständlich, kurzweilig geschrieben, äußerst interessant und immer wieder verblüffend.