Seit Fernand Braudels bahnbrechendem Werk "La Méditerranée et le monde méditeranéen à l’epoque de Philippe II." (1949) wissen wir um die Bedeutung von Ozeanen für die Entstehung von Zivilisationen. Braudels strukturalistische Methode, historische Prozesse über einen längeren Zeitraum in einem bestimmten geografischen Raum zu erforschen, hat nun Michael Pye auf die Nordsee ausgedehnt.

In bester angelsächsischer Manier erzählt der britische Historiker und Publizist die Geschichte der Nordsee von 700-1700. "Dieses kalte, graue Meer", so Pyes Kernthese, "machte die moderne Welt erst möglich". Sein Buch ist eine bemerkenswerte Studie über die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Sie schöpft aus einem reichhaltigen Fundus schriftlicher und archäologischer Forschung, die der Autor in teils überraschender Weise zusammenführt.

Durch die Jahrhunderte

Als Leser erleben wir die Ausbreitung des Gelds und seine Folgen für die frühkapitalistische Ökonomie; wir sind dabei, wenn die Pest den Alltag von Arm und Reich verändert; wir beobachten, wie sich das Klima ändert und Küsten verschieben; und wir sehen, wie Menschen sich den veränderten Bedingungen anpassen und Städte aufblühen. Pye wandelt auf den Spuren von Politikern, Künstlern und Juristen; er schildert, wie ein aufgeklärtes Bürgertum entstand, das von Handel und Wandel profitierte – und er beschreibt, wie sich das politische-ökonomische Zentrum von Südeuropa gen Nordsee und Atlantik verlagerte, wo im 16. Jahrhundert mit England und Holland zwei global agierende Mächte avancierten, die entscheidend an der abendländischen Dominanz und der modernen Wissensexplosion mitwirkten.

Der Historiker beginnt seine Abhandlung mit den Friesen, die das Marschland des heutigen Hollands und Norddeutschlands bewohnten. Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe, die der römische Historiker Plinius im 1. Jahrhundert n. Chr. als "armselig" bezeichnete und über die wir heute noch gern Witze machen, befuhren um 600 nicht nur die Nordsee, sondern erfanden auch im Zuge ihrer weitgespannten Handelsaktivitäten das Bargeld neu.

Den größten Einfluss auf die Region hatten die Wikinger. Sie waren die Ersten, die gegen den Wind segeln konnten, und ruderten mit ihren Langschiffen nach Island, ins Schwarze Meer sowie Rhein und Wolga hinauf. Sogar in die Neue Welt stießen sie vor. Die Nordmänner hinterließen auf ihren Raubzügen nicht nur verbrannte Erde, sondern gründeten auch Städte und förderten den Austausch von Waren, Ideen und Informationen.

In Roms Fußstapfen

Für Pye steht fest: Der Zusammenbruch des Römischen Reichs hat im nordwestlichen Teil Europas kein zivilisatorisches Vakuum hinterlassen. Im Gegenteil. Bald nach der Völkerwanderung und lange vor der Renaissance kam es in der Region zu einer ersten kulturellen Blüte, die bald auf den übrigen Teil des Kontinents ausstrahlte.

Beispielhaft dafür stehen der angelsächsische Benediktiner, Theologe und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis (673-735), der unsere Zeitrechnung am "Jahr des Herrn" (annus Domini) ausrichtete, oder auch die buchproduzierenden Mönche im Irland des 7. Jahrhunderts, die die Interpunktion erfanden und das europäische Festland christianisierten. Später nahm die international agierende Hanse den Konflikt zwischen Nationalstaaten und globalem Kapitalismus vorweg, und ebneten die Kaufleute von Antwerpen und Amsterdam den Weg zum modernen Kapitalismus. Im Flandern des 14. Jahrhunderts wiederum führten die Beginen ein Leben mit Gleichgesinnten außerhalb von Ehe und Kloster und praktizierten erstmals alternative Wohnformen in einem emanzipatorisch-feministischen Umfeld. Sie alle tauchen in Pyes breit angelegter Darstellung auf, die den Leser auf jeder Seite in den Bann zieht.

Ausgestattet mit einem Sinn für ungewöhnliche Details ergründet der Autor, wie die Butterherstellung in Holland mit der berühmten Sauberkeit von holländischen Städten zusammenhängt, und erläutert dem Leser, was die Hochzeitsbräuche im nördlichen Europa mit der Ausbreitung von Windmühlen zu tun haben. Er fachsimpelt über niederländische Entwässerungstechniken, plaudert munter über die lockeren Sitten in den hanseatischen Bordellen in Brügge und Bergen und beschäftigt sich ausführlich mit den recht liberalen regionalen Gesetzen, die es Frauen erlaubten, ein relativ selbstbestimmtes Leben zu führen.

Pyes Werk stellt überaus lehrreich die Geschichte einer Region dar, in der einige Grundpfeiler der europäischen Kultur gelegt wurden.